Oberschüler lesen Texte eines zum Tode verurteilten Schriftstellers  

(Berliner Woche 3.2.16)
Bis auf den letzten Platz war die Aula des Bertha-von-Suttner-Gymnasiums am Morgen des 14. Januar gefüllt. (Foto: Berit Müller)

Berlin: Bertha-von-Suttner-Gymnasium

Reinickendorf. Mit einer Lesung in der Aula hat das Suttner-Gymnasium seine Solidarität mit dem inhaftierten Schriftsteller Ashraf Fayadh bekundet. Die besondere Feierstunde wurde von Deutschlandradio übertragen.

Andere 18-Jährige wären vielleicht eine Spur aufgeregt. Die große Aula des Bertha-von-Suttner-Gymnasiums ist schließlich bis auf den letzten Platz mit Oberschülern und Lehrern besetzt, alle schauen gespannt zur Bühne – und auf Philip Rozenkiewicz. Der meistert seine Rede aber so routiniert, als hätte er das schon hundertmal gemacht.

„Wir sind heute nur ein kleiner Teil einer größeren Idee“, erklärt der Schüler. „Als europäisches Gymnasium wollen wir ein Zeichen setzen: für die freie Meinungsäußerung. Sie ist ein fundamentales Grundrecht, das allen Menschen unabhängig ihrer Religion, Herkunft und Nationalität zustehen muss.“ Er erzählt seinen Mitschülern dann, worum es an diesem Morgen konkret geht: um einen literarischen Protest – als Signal der Unterstützung für den Lyriker und Künstler Ashraf Fayadh, der in Saudi-Arabien wegen angeblicher Islamkritik verhaftet und zum Tode verurteilt wurde. „Wer Menschen ihrer freien Meinung beraubt, trägt die Zivilisation zu Grabe“, sagt Philip Rozenkiewicz.

Mit dem Auftritt des 18-Jährigen begann eine von Deutschlandradio Kultur übertragene, feierliche Lesung, die zehn Schüler des Deutsch-Leistungskurses mit ihrer Lehrerin Sibylle Seite wochenlang geplant und vorbereitet hatten. Ziel war, sich einer Initiative des Internationalen Literaturfestivals Berlin anzuschließen: dem „worldwide reading“ – der weltweiten Lesung also – für Ashraf Fayadh am 14. Januar.

In etlichen Deutschstunden hatten die Mädchen und Jungen Texte des seit 2014 inhaftierten Schriftstellers zusammengetragen, ihre Fundstücke – zum Beispiel das Gedicht „Frida Kahlos Schnurrbärte“ aus dem Lyrikband „Anweisung von Innen“ – gelesen, ausgedruckt und Auszüge für die Lesung gewählt. Auf der Bühne trugen sie die Passagen dann in fünf Sprachen vor: Arabisch, Englisch, Französisch, Italienisch und Deutsch. Ein Beamer warf die Worte an die Wand.

Ehrengast der Veranstaltung war Nihad Srees aus Aleppo. Der Schriftsteller lebt seit seiner Flucht vor drei Jahren in Berlin. Offen sprach der Autor über den Nahen Osten und die Gefahren für Publizisten und Künstler in der Region, die anders denken – und sich auch äußern.Er machte deutlich, wie schnell ihnen Haft, viel zu harte Urteile oder gar die Hinrichtung drohen. Srees nannte Zahlen und Beispiele aus Iran, Irak, Libanon, Saudi-Arabien, Ägypten, Tunesien und seiner Heimat Syrien. Mit der Forderung, Ashraf Fayadh freizulassen, schloss der Gast seine Rede. Am Ende gab es von ihm noch ein großes Lob für die Schüler, für ihre Veranstaltung und ihr Engagement. „Wir müssen das Recht auf Meinungsfreiheit verteidigen“, so Nihad Srees. „Ich sehe das als meine Pflicht an, wie das Schreiben selbst.“

bm

Worldwide Reading für Ashraf Fayadh am 14.1. 2016

Ungerechtigkeit. Gewalt. Menschenrechtsverletzungen- täglich werden wir mit diesen Themen konfrontiert, die in anderen Teilen der Erde den Alltag vieler bestimmen.

Doch die schreckliche Nachricht, über die wir schnell hinwegscrollen, die wir auf dem Weg in die Schule nur beiläufig im Radio hören oder die wir im Fernsehen sehen, während wir nach der Chipstüte neben uns greifen, lassen wir nur selten auch an unser Herz.

Die Lesung am Europäischen Gymnasium Bertha von Suttner am 14.01.2015, die sich vor allem mit dem Schriftsteller Ashraf Fayadh beschäftigte, schaffte es, diese Distanz zu überwinden, schaffte es, wie meine Lehrerin es in einem Nachgespräch ausdrückte, „die Welt zu uns an die Schule zu holen“.

Die Welt fand sich auch schon vor der Lesung, die von dem Leistungskurs Deutsch im 4. Semester initiiert und durchgeführt wurde, in Gestalt zahlreicher Plakate in unserer Schule wieder. Plakate, die Menschen zeigten, die in unserer Zeit oder in der Geschichte für ihre Meinung eintraten und deswegen Diskriminierung erfuhren beziehungsweise es immer noch tun. Die Bilder Ashraf Fayadhs, aber auch Sokrates, Heines,  Brechts und vieler mehr machten so schon im Vorfeld im Schulalltag aufmerksam und regten zum Nachdenken an.

Die Lesung selbst begann recht unkonventionell, indem zunächst nur einzelne Sätze beziehungsweise Satzbausteine zu hören waren, später kamen weitere dazu, die sich zu überlagern begannen und so zum Teil Raum für eine neue Interpretation des Sinnes schafften. Für jede Schülerin und jeden Schüler startete die Lesung auf diese Weise mit einer ganz eigenen Impression.

Den ersten Eindrücken folgten genauere Informationen zur Lesung und ihrem Anlass: Der in Saudi-Arabien lebende Lyriker Ashraf Fayadh wurde wegen seiner islamkritischen Kunst mehrmals verhaftet, im November 2015 von einem saudischen Religionsgericht zum Tode verurteilt. Das Internationale Literaturfestival Berlin rief deshalb im letzten Jahr zu einer weltweiten Lesung am 14.01.16 auf, an der auch unsere Schule teilnahm, um Ashraf Fayadh zu unterstützen.

Gelesen wurden von SchülerInnen Texte von Ashraf Fayadh, in deutscher, englischer, französischer und italienischer Übersetzung sowie im arabischen Original. Als Zuhörer konnte man dabei parallel die zusammengefasste, deutsche Version auf der Leinwand mitverfolgen oder sich einfach auf den Klang der Worte konzentrieren.

Einen Höhepunkt stellte die Anwesenheit des syrischen Schriftstellers Nehad Sirees dar, der nach einem kurzen Interview zu seiner Person einen selbst verfassten Brief zur Situation im Nahen Osten in Arabisch vorlas, wozu wieder die deutsche Übersetzung gezeigt wurde. Dadurch blieb einerseits die Authentizität seiner Worte erhalten, andererseits wurde einem die Schilderung der unfassbaren Verletzungen der Menschenrechte im nahöstlichen Raum sehr eindrücklich vermittelt.

Die Gefühle, die ich beim Verlassen der Lesung spürte, waren gemischt. Zum einen war ich unglaublich betroffen, gleichzeitig fühlte ich auch eine lähmende Wut aufgrund der Ungerechtigkeit, unter der in unserer Zeit in so vielen Regionen immer noch Menschen leiden müssen. Diese Gefühle entstanden nicht etwa, weil ich völlig neue Informationen erhalten hatte, sondern wohl eher, weil durch die Lesung die Nachrichten ihre Distanz verloren hatten, sich plötzlich so nah anfühlten. Und damit hat die Lesung wohl das Ziel der Initiatoren erreicht: dass wir als SchülerInnen mit dem Gefühl in unsere Klassen und Kurse zurückkehrten, dass die Missstände der Welt uns alle etwas angehen!

Paula Fredrich (11. Jahrgang)

Der Deutsch-Leistungskurs liest für die künstlerische Freiheit

Sehr geehrte Lehrer/-innen, liebe Schüler,

wir, der Leistungskurs Deutsch, möchten ein Ausrufezeichen setzen und uns für die künstlerische Freiheit, speziell von Literaten einsetzen. Aus gegebenem Anlass wollen wir in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Literaturfestivals (Worldwide Reading) auf den Lyriker Ashraf Fayadh aufmerksam machen. Fayadh wurde im Mai 2014 aufgrund seiner angeblich islamkritischen Kunst zu vier Jahren Haft und 800 Peitschenhieben verurteilt. Das Wiederaufnahmeverfahren des Falls gipfelte am 17.November 2015 in der Todesstrafe für Fayadh.

Da wir es wichtig finden, Werte wie die Meinungsfreiheit und die freie Äußerung von Künstlern und Literaten zu schützen, möchten wir mit einer Veranstaltung auf diesen Fall aufmerksam machen. Wir stehen für eine freie Meinungsäußerung und möchten eine Veranstaltung mit Signalwirkung durchführen. Kein Mensch darf aufgrund seiner Ansichten zum Tode verurteilt werden, denn mit seinem Tod sterben auch die zentralen und freiheitlichen Werte unserer Gesellschaft. Dies wollen wir verhindern und appellieren mit dieser Lesung an die Menschlichkeit und solidarisieren uns gleichzeitig mit Ashraf Fayadh und allen Leidensgenossen.

Wann? 14.01.2016, 3. oder 4.Stunde (jeweils 45 Minuten)

Wo? Aula des Europäischen Gymnasiums Bertha-von-Suttner

Wer? Deutsch Leistungskurs, 3.Semester

Was? Lesung verschiedener Texte von Ashraf Fayadh u.a., Besuch des syrischen Schriftstellers Nihad Siris

Für wen?  Für alle Deutsch-, Geschichts- und PW-Kurse von Klasse 9 bis Oberstufe

Wir bitten um die Anmeldung Ihrer Kurse bis zum 18.12.2015 bei Frau Seite (s.seite@bvs-os.de).

Wir freuen uns über Ihr Interesse und Ihre Teilnahme.

 

Mit herzlichen Grüßen

Der Deutsch-Leistungskurs