Es ist geschafft - das Abitur 2017 !

Ein grandioses Abiturergebnis!

Am Donnerstag, dem 06.07.2017 wurde das Abitur des Schuljahres 2016/17 mit der offiziellen Zeugnisausgabe im Ernst-Reuther-Saal des Rathauses Reinickendorf offiziell abgeschlossen.

Das Orchester bildete den feierlichen Rahmen und verabschiedete gleichzeitig die Abiturienten aus ihrer Mitte, die langjährige Mitglieder waren.

Nach einer Einführungsansprache von unserer Schulleiterin, Frau Ites-Pätzold, gab es in diesem Jahr die Lehrerrede von Frau Dr. Kimmel und die Schülerrede von Anton Lang und Dorothea Bähr.

Der Abiturjahrgang 2017 erzielte folgende Spitzenleistungen:

  • das bislang beste Schulergebnis mit einem Durchschnitt von 2,11
  • 62 von 142 AbiturientInnen mit einem Einser-Durchschnitt
  • 9 AbiturientInnen mit einem Abiturdurchschnitt von 1,0.

Die Abiturfeier am Abend im Maritim-Hotel war ein würdevoller Ausklang für Schüler, Lehrer, Eltern und Gäste. Ein Dank an dieser Stelle an die beiden Hauptorganisatoren F. Berndt und H. Safi, die auch exzellent diese Veranstaltung moderierten.

F. Zimmermann / (Fotos: Herr Kurzbach)

Schülerehrungen
Jahrgangsfoto auf der Abiturfeier
Abiturienten vor dem Rathaus

Abiturrede von Frau Dr. Kimmel

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten,

sehr geehrte Eltern und Gäste,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

 

was haben eine Steuererklärung, der Wasserspender und die Rucksäcke der Fünftklässler, die sie auf Rollen hinter sich herziehen, gemeinsam? Das sind die Themen, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, die Sie in mehr oder weniger großer Übereinstimmung genannt haben, als ich Sie kurz vor Ihrem letzten Schultag nach Ihren Erfahrungen an der Bertha gefragt habe. Aber dazu später mehr.

Nun ist dieser letzte Schultag schon lange vorbei, Sie haben fünf oder mehr Prüfungen erfolgreich absolviert und sitzen nun fein gekleidet, hoffentlich glücklich, neugierig, vielleicht aufgeregt und vor allem frei vor mir. So frei, wie Sie jetzt sind, waren Sie noch nie. Alles liegt vor Ihnen, die Weichen sind noch nicht gestellt, und es gibt bestimmt viele Anwesende, die Sie darum beneiden.

Was könnten Sie nicht alles machen? Sie könnten Tropenmedizin studieren und auf Sumatra arbeiten. Sie könnten eine Fotografin werden, die sich auf bayrische Architektur spezialisiert, Sie könnten sich entscheiden, doch lieber Erzieher in einer integrativen Kita zu werden, Sie könnten sich mit einem veganen Café selbständig machen. Sie könnten Reiseblogger für Surfspots werden. Sie könnten tatsächlich auch Lehrerin für Alt-Griechisch und Physik werden. Sie könnten Wirtschaftsminister werden, Verfassungsrichterin oder als Designer putzige Tiere für Farmville 4 zeichnen. Sie könnten eine wissenschaftliche Arbeit zum Thema „Neuropeptide und die Regulation des Kohlenhydratstoffwechsels im Fettkörper der argentinischen Schabe“ anfertigen und Schabenexperte werden, Sie könnten im Rewe an der Reginhardstraße arbeiten oder Sie werden Steuerberaterin, Literaturkritiker bei der Westfälischen Allgemeinen Zeitung oder die neue Bibi, Pfarrer oder Pianistin. Sie können heiraten, wann, wen und warum Sie wollen, Sie können null bis zehn Kinder bekommen, in einem Haus am See oder in einer Kommune in der Stadt wohnen, in einem Zelt, einer kernsanierten Altbauwohnung oder weiterhin in Ihrem Kinderzimmer.

Vielleicht macht Ihnen diese neue Freiheit auch etwas Angst. Bis jetzt war Ihr gesamtes Leben bestimmt vom System Schule, das viele von Ihnen in meiner Umfrage ambivalent beschrieben haben. Einerseits gefielen Ihnen die breiten Angebote im Unterricht, Austausche, Projekte und AGs, die gute Atmosphäre untereinander und mit Lehrern, das vielfältige Wissen, das Sie über Kurzgeschichten, Ableitungsregeln, den prädikativen Gebrauch von Adjektiven, Regeln beim Basketball und den volonté générale erworben haben. Sie haben sich über den Wasserspender, die Nähe zum Rewe und das Kratzeis in der Cafeteria gefreut. Andererseits haben viele von Ihnen offensichtlich unter einem hohen Leistungsdruck, unter als ungerecht empfundenen Noten, vermeintlich unbrauchbarem Wissen und Konkurrenz gelitten und fanden die Fünftklässler mit ihren Rollrucksäcken nervig, als wäre gerade ein Flugzeug auf dem Schulhof gelandet. Natürlich haben Sie auch immer Wege gefunden, das System Schule zu erschüttern: Haben Sie anfangs in den unteren Klassen noch als Inhaber des Tafelamts die Kreide nach Farben sortiert, so haben Sie etwas später schon die Tafel mit Seife gewischt, um später das Tafelamt vollständig zu ignorieren. Sie haben die Uhren im Klassenzimmer vorgestellt, Hausaufgaben nicht unbedingt immer selbst verfasst oder noch fehlende Vertretungslehrer in die Klasse geholt.

Auf welcher Seite Sie sich nun auch immer wiedererkennen, so hat das geliebte oder verhasste System Schule Ihnen doch sehr klar einen Weg vorgegeben: Wahlmöglichkeiten hatten Sie nur bedingt. Sie konnten zum Beispiel nicht entscheiden, ob Sie heute mal lieber um 10.30 Uhr statt um 8 Uhr mit dem Unterricht beginnen wollen, weil Sie am Vorabend zu lange Computer gespielt oder gefeiert haben, oder ob Sie in diesem Semester einfach mal auf die Klausur verzichten wollen, weil das Thema uninteressant war, oder ob Sie lieber nur einen Leistungskurs statt zweien wählen wollen. Sie haben sich wie auf einem kleinen Floß auf einem Fluss befunden, wo Sie zwar entscheiden können, ob Sie geradlinig oder Slalom fahren wollen, eher links, mittig oder rechts, aber von der Strömung getragen in eine Richtung fahren müssen. Ihr Floß ist mal an sonnendurchfluteten Wiesen vorbeigefahren, Haare im Wind, Gesicht in der Sonne. An anderen Tagen sind Sie vom Regen so nass geworden, dass Sie zu kentern drohten. Mal ist Ihr Muttiheft ins Wasser gefallen, Sie kamen in Stromschnellen, Sie sind mal näher, mal distanzierter an den Flößen der Mitschüler und Lehrer gefahren, mal sind sie kollidiert, mal haben Sie sich aus den Augen verloren. Trotz allem wussten Sie, wo vorn ist und wo es hingehen soll: zum Abitur.

Mit dem heutigen Tag erreicht ihr Floß ein Flussdelta. Mehrere Flüsse fächern sich auf zu einer großen Wasserfläche, der Strom wird abgeschwächt, es entstehen Sandbänke, so dass sich das Wasser immer neue Wege bahnen muss. Es gibt nicht mehr den einen Fluss, der die Richtung vorgibt, jedes Floß muss sich seinen individuellen Weg bahnen. Vielleicht verlieren Sie Freunde kurzzeitig aus den Augen, vielleicht wählen Sie einen ähnlichen Weg. Das Fehlen der Struktur fühlt sich zunächst ungewohnt an. Sie sind frei, frei von der vorgegebenen Struktur, die Ihnen aber auch Halt gegeben hat. In den nächsten Wochen und Monaten werden Sie sich in das neue Leben hineintasten. Viele haben mir von langen Reisen berichtet, die sie planen, Freiwilligendienste, bevor sie dann ein Studium oder eine Ausbildung beginnen. Sie werden sich in neue Systeme begeben, die wieder neuen Regeln folgen. Sie werden sich wieder damit auseinandersetzen müssen, ob Sie sich selbst Leistungsdruck machen, ob andere Ihnen Druck machen und ob Sie diesen Druck annehmen wollen. Sie können mit Solarstrom fahren oder den Dieselmotor anwerfen, ein Segel selbst nähen oder auf Muskelkraft beim Rudern vertrauen. Andere werden direkt mit Studium oder Ausbildung beginnen, wieder andere denken sich in diesem Moment: Ohje, was soll ich eigentlich machen?

Ich mache mir keine Sorgen darum, dass Sie sich individuell passend durch das Flussdelta bewegen werden. Denn ich habe Sie als intelligente, engagierte, verantwortungsbewusste, humorvolle und glaubwürdige Persönlichkeiten kennen gelernt. Nun hatte ich zwar nur mit dem besten Leistungskurs Latein und einem sehr netten Grundkurs Mathematik ein Drittel der Stufe im Unterricht, habe aber in verschiedenen Kontexten mehr von Ihnen kennen gelernt.

In Ihrer Stufe gibt es viele Schülerinnen und Schüler, die nicht nur um sich selbst kreisen, sondern sich zu gesellschaftlichen und politischen Ereignissen und Fragen aktiv positionieren. Sie machen sich, wie die Umfrage deutlich gemacht hat, nicht nur und in erster Linien Sorge um Ihr individuelles Glück – bekomme ich den Studienplatz, den ich will, ist mein Notenschnitt gut genug, macht mich meine zukünftige Arbeit glücklich – sondern auch um einen annehmbaren gesellschaftlichen Zustand -  bleiben die Regenwälder bestehen, was wird Donald Trump anrichten, kommt die AfD in den Bundestag, wie entwickelt sich unsere Kommunikationskultur, wenn alle nur am Handy spielen? Das, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, hat mich oft im täglichen Schulalltag und nicht zuletzt bei der Auswertung der Umfrage beeindruckt und berührt.

Viele von Ihnen haben ein unglaubliches Zusatzengagement im schulischen Leben gezeigt, haben an der MUN teilgenommen, an Theaterprojekten, einen Verein zur Flüchtlingshilfe gegründet, Sonderpreise bei Jugend musiziert gewonnen, wurden beim Geschichtswettbewerb vom Bundespräsidenten für herausragende Leistungen geehrt, haben Ihre Schule bei Jugend debattiert auf Landesebene vertreten und den Debating Wettbewerb gewonnen. Und das ist etwas, was Ihnen keiner nehmen kann: Sie wissen vielleicht nicht mehr so genau, wie die Bernoulli-Formel aussieht oder was die Merkmale des Sturm und Drang sind; durch die intensive Beschäftigung mit diesen Inhalten und allem vorhin Genannten haben Sie sich aber mehr als bloßes Wissen erarbeitet, nämlich eine Haltung zu Wissen. Das, was Sie aus der Schule mitnehmen, ist nichts Statisches, es sind keine abrufbaren Wissenshäppchen, sondern etwas viel Wertvolleres: Sie haben eine Haltung gelernt, sich dynamisch zur Welt zur verhalten, Wissen auf Plausibilität hin zu befragen, methodisch korrekt zu begründen, Multiperspektivität auszuhalten, nicht vorhandenes Wissen zu recherchieren, konsistent im eigenen Wertesystem zu handeln und nicht still zu stehen. Sie wissen vielleicht nicht, wie Sie eine Steuererklärung ausfüllen – aber Ihnen das beizubringen, ist nicht Aufgabe der Schule. Es gibt so viele bürokratische Angelegenheiten, mit denen Sie in den nächsten Jahren erstmalig konfrontiert sein werden - Mietverträge, Bafög-Anträge, bis hin zu Elterngeldanträgen – da können Sie gar nicht auf jeden Einzelfall vorbereitet sein. Bewerten Sie nicht nur mit engem Fokus, was Sie aus der Schule mitnehmen: Es ist nicht das Wissen um konkrete Verfahren, sondern in einer weiten Perspektive das Wissen um eine nicht konkret greifbare Persönlichkeitsbildung, die Sie sich mit vielen einzelnen kleinen Bausteinen in den letzten zwölf Jahren erarbeitet haben. Und Sie werden natürlich nicht an diesem Punkt stehen bleiben, an dem Sie jetzt sind. Es gehört dazu, auch Jahre nach Aufnahme eines Studiums unsicher zu sein. Veränderungen können zwar Angst machen, geben dem Leben aber eine spannendere Dynamik als scheinbar sicherer Stillstand. 

Ich bin mir also ganz sicher: Sie alle werden eine für Sie richtige Entscheidung treffen.

Bei aller Vernunft, die dahinter stecken sollte, möchte ich Ihnen aber noch einen Rat geben: Hören Sie auch unbedingt auf Ihr Bauchgefühl. Das möchte ich gern an zwei Beispielen begründen:

Meine gute Freundin Johanna, mit der ich zusammen Abitur gemacht habe, hat Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis studiert und mittlerweile einen guten Job an einem Berliner Theater. Eigentlich alles gut so weit, aber als ich ihr von dieser Abiturrede erzählte, sagte sie sofort: Du musst unbedingt sagen, dass ein schlechtes Grundgefühl bei einer eigentlich vernünftigen Entscheidung nicht missachtet werden darf. Sie berichtete, dass sie heute bereut, nicht Psychologie studiert zu haben. Das fand sie zu Abiturzeiten indiskutabel, weil ihre beiden Eltern als Psychologen arbeiteten und sie sich von Ihren Eltern abgrenzen wollte. Heute überlegt sie, nach etlichen Jahren in einem anderen Beruf doch noch Psychologie zu studieren. Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, hören Sie nicht darauf, was möglicherweise ein Umfeld zu einem ‚uncoolen’ Studienfach oder Ausbildungsplatz sagen könnten. Hören Sie auf Ihren Bauch.
Das zweite Beispiel bin ich selbst. Sie ahnen sicherlich, dass ich Latein und Mathematik studiert habe. Der Weg dorthin war allerdings nicht frei von Umwegen, sondern – entgegen aller meiner Vorsätze – ein relativ spontaner Entschluss. Seit der 8. Klasse wollte ich Medizin studieren, habe die Wahl meiner Kurse darauf ausgerichtet und mich um einen Studienplatz bei der ZVS beworben. Direkt nach dem Abitur habe ich ein dreimonatiges Pflegepraktikum gemacht, aber kurz vor der Immatrikulation gemerkt, dass ich nicht als Ärztin arbeiten möchte. Warum? Das konnte ich damals nicht sagen, es war nur ein Bauchgefühl, das sich als goldrichtig erwiesen hat. Die ZVS hat mir Münster für Medizin zugeteilt, das habe ich schicksalsergeben angenommen und mich dort für Mathematik und Germanistik auf Lehramt eingeschrieben. Nach einem Semester Germanistik allerdings habe ich gemerkt, dass ich lieber Latein studieren will. Warum? Das konnte ich damals nicht sagen, es war nur ein Bauchgefühl, das sich für mich als goldrichtig erwiesen hat.

Sie alle sind vor zwölf Jahren losgefahren auf Ihrem Floß und haben bis jetzt dem Flussverlauf folgen müssen. Jetzt, mit dem heutigen Tag, sind Sie so frei wie noch nie zuvor in einem Flussdelta angekommen und dürfen sich selbst einen Weg bahnen. Haben Sie keine Angst vor dem Ungewohnten, Neuen und vor dieser Freiheit: Viele Menschen werden Sie unterstützen, wenn Sie das wollen. Und die gute Nachricht ist: Egal welchen Weg Sie wählen, Sie kommen immer ans Meer.

Ich gratuliere Ihnen von Herzen zu Ihrem bestandenen Abitur. Freuen Sie sich über Ihre momentane Freiheit, gehen Sie furchtlos und optimistisch in die Welt hinein, vertrauen Sie auf sich und das, was Sie sind, hören Sie auf Ihr Bauchgefühl und haben Sie keine Angst vor den Steuererklärungen dieser Welt.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.