Lesung: “Kapoks Schwestern” von Kathrin Schmidt

Am Donnerstag, den 25. Januar 2018, durften wir die deutsche Schriftstellerin Kathrin Schmidt an unserer Schule willkommen heißen. Sie stellte dem Publikum, bestehend aus Schülern, Lehrern und interessierten Eltern, ihren Roman „Kapoks Schwestern“ aus dem Jahr 2016 vor und las für knapp eine Stunde daraus. In einer anschließenden Gesprächsrunde konnten wir der Autorin Fragen zu ihrem Buch und zu ihrem Leben stellen. 2009 wurde Schmidt für ihren autobiografischen Roman “Du stirbst nicht” mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Heute arbeitet sie selbstständig als freie Autorin und lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Kathrin Schmidts Roman “Kapoks Schwestern” erzählt die Geschichte des Protagonisten Werner Kapok, einem Mann mitte 50, der nach vielen Jahren in sein Elternhaus in einer abgeschiedenen Berliner Siedlung zurückkehrt - jahrzehntelang hat Kapok diese Siedlung gemieden. Er ließ damals alles dort hinter sich, um woanders ein neues Leben zu beginnen. Zum jetzigen Zeitpunkt allerdings sah er seine Frau das letzte Mal vor 26 Jahren, und auch den gemeinsamen Sohn bekam er zuletzt vor langer Zeit zu Gesicht.

Mit seiner Rückkehr zum Elternhaus holt ihn seine Vergangenheit ein: Er stellt fest, dass seine ehemaligen Nachbarn, die jüdischen Schwestern Claudia und Barbara Schächter, noch immer nebenan wohnen. Die Schwestern prägten Kapoks Kindheit und Jugend entscheidend. Mit beiden führte er seine erste Beziehung, und bis heute haben sich die Schwestern gegenseitig nicht über ihr gemeinsames Verhältnis zu Kapok aufgeklärt. Langsam kommen alte Erinnerungen und vergessene Geheimnisse ans Licht.

Die Geschichte spielt auf verschiedenen Zeitebenen, wobei sich Werner Kapoks Gegenwart und seine Vergangenheit abwechseln. Die Autorin lässt dabei ausführlich recherchiertes zeithistorisches Wissen mit einfließen. Um einen ersten Eindruck vom Stil des Romans und seinem Inhalt vermitteln zu können, hat Kathrin Schmidt bei der Lesung dementsprechend die Passagen zum Vorlesen ausgewählt: Nach einer kurzen Einleitung begann sie, zweigeschichtlich aufeinanderfolgende Kapitel vorzulesen, die aber aus verschiedenen Teilen des Romans stammen. Sie stellte hierbei klar, dass es als Zuhörer aufgrund der großen, unregelmäßigen Zeitsprünge im Roman äußerst schwierig sei, einen wirklichen Eindruck von der Geschichte zu erhalten. Trotzdem war es möglich, sich mit den Protagonisten des Romans und Schmidts Schreibart vertraut zu machen.

Von Anfang an fällt die unprätentiöse Art der Autorin auf, mit welcher sie eine sehr offene und entspannte Atmosphäre schafft. Dies behält sie auch während des anschließenden Gesprächs bei, in welchem sie sich nicht nur Fragen zu “Kapoks Schwestern”, sondern auch zu ihrer persönlichen Lebensgeschichte widmete.

Im Sommer 2002 traf sie ein schwerer Schicksalsschlag: Nach einer seltenen Hirnblutung verlor sie gänzlich ihre Sprache und musste für drei Monate im Krankenhaus genesen. In der Fragerunde erzählte sie uns, wie sie mit diesem Vorfall umgegangen ist und was ihr half und sie motivierte, die Sprache wieder neu zu erlernen. Wir bewunderten dabei ihre offene, ehrliche Art, mit der sie schilderte, wie sie es geschafft hat, die Sprache wieder so zu beherrschen, dass sie ihr Leben als Autorin nun uneingeschränkt fortführen kann. In der Phase des Wiedererlernens der Sprache half ihr das viele recherchieren für ihren neuesten Roman sehr: Sie durchforstete das Internet, besuchte Archive und Antiquariate, sprach mit vielen verschiedenen Menschen und spaziertedurch die Straßen fremder Städte. Sie fand einen großen Gefallen daran, Charaktere zu erfinden und dann ihr “Personal durch die Geschichten anderer spazieren zu lassen”.

Mit Blumen und freundlichem Applaus wurde Kathrin Schmidt schließlich verabschiedet. Der Auftakt der diesjährigen Autoren-Lesereihe an unserer Schule ist mit dieser ersten Lesungerfolgreich gelungen und wir freuen uns auf einen nächsten Besuch der renommierten Autorin!

Von Melina Küchler und Larissa Mönch