Autorenlesung von Anja Tuckermann

Am 16. November 2010 empfing unsere Schule einen ganz besonderen Gast. Im Rahmen einer Lesung besuchte uns Anja Tuckermann und stellte in der Mediothek Schülerinnen und Schülern der Klassenstufen 5-9 unter anderem ihr Werk „Weggemobbt“ vor, welches einigen der Anwesenden bereits bekannt war. Sie veröffentlichte über 25 Bücher und Texte und gestaltete bis jetzt sieben Theaterstücke.

Insgesamt erhielt sie fünf Auszeichnungen für ihre Bücher, unter anderem den Deutschen Jugendliteraturpreis und den Kurt-Magnus-Preis der ARD. Der Themenschwerpunkt in den Büchern von Anja Tuckermann liegt auf den Themen Ausgrenzung und Mobbing, oft in Verbindung mit dem zweiten Weltkrieg und der Nazizeit. Sie handeln häufig von Kindern, die aus verschiedenen Gründen anders sind als ihre Mitmenschen und Mitschüler. Viele der von ihr geschriebenen Erzählungen basieren auf einer wahren Geschichte, genau wie das Buch, das Anja Tuckermann uns an diesem Tag vorstellte: „Weggemobbt“ ist eine Geschichte, in der es um alltägliche und sehr realitätsnahe Klassenszenarien geht, um Mobbing, Ausgrenzung und Integration.

Es ist die Geschichte zweier Schüler, die unter Mobbingattacken ihrer Mitschüler leiden und es lange Zeit nicht schaffen, ihre Probleme mit der Klasse nach außen zu tragen und sich helfen zu lassen. Nach Lesung kurzer Ausschnitte führte Anja Tuckermann die Geschichte durch freie, weiterführende Erzählungen fort. Hierbei achtete die Autorin sorgfältig darauf, nicht zu viel zu verraten, um den Schülern, die das Buch noch nicht kannten, das Ende nicht vorwegzunehmen. Nach Beendigung der Buchvorstellung ergaben sich bei den anwesenden Schülern einige Fragen, unter anderem über das Schreiben von Büchern, über die Autorin persönlich und speziell über das vorgestellte Buch. Anja Tuckermann erzählte, dass sie Kontakt habe zu einigen Zeitzeugen des zweiten Weltkrieges und dass sie großes Interesse an deren Erzählungen hatte, weshalb sie diesem Thema viele Bücher und Theaterstücke widmete. Gerade diese persönlichen Erfahrungen, auf denen viele ihrer Bücher basieren, machen die Autorin und ihre Bücher so interessant und lesenswert. Es geht um sehr bewegende Schicksale, oft sind es Kinder, die in schwierigen Zeiten lebten und die von vielen grausamen Erlebnissen und Erinnerungen berichten können, die heute beinahe unvorstellbar geworden sind.

Ein Bericht von Emma Hasmanis(Klassenstufe 9), Fotos Lena Manthe (Klassenstufe 9). 02.12.2010

Anja Tuckermann

Jutta Richter

Literatur aus erster Hand - Autorenlesungen an der Bertha Die neue Veranstaltungsreihe „Autorenlesung an der Bertha“ bringt zusammen, was zusammengehört – und das in unserer Aula: Schriftsteller und Leser nähern sich literarischen Kostbarkeiten gemeinsam an, durch Vorlesen, Fragen, Diskutieren.

Zwischen September und Mai bereichern sechs Autoren das literarische Leben unserer Schule, indem sie ihre Werke höchstpersönlich vor- und sich selbst der Kritik stellen. Erstlinge sind darunter und international ausgezeichnete Meisterwerke, und vielfältig sind auch die Themen: Philip entdeckt zusammen mit einem Flüchtlingskind aus Äthiopien, wie viel Mut in ihm steckt. Lena spürt am eigenen Leibe, wie zugkräftig DDR-Seilschaften auch Jahre nach der Wende noch sein können – und die zwölfjährige Anna muss sich mit einem Fremden arrangieren: ihrem Vater, der nach dem Krieg aus dem KZ heimkehrt. Den Anfang aber machte ein sprechender Vierbeiner, der sich mit nichts besser auskennt als mit knuspriger Hähnchenhaut und der Erschaffung der Welt: 200 Schüler samt Freunden und Verwandten ließen sich am 28.09. von Jutta Richter und ihrem „Hund mit dem gelben Herzen“ verzaubern.

Der Hund mit dem gelben Herzen Ein Hauch von Kasperletheater streift den nüchternen Raum: So voll ist die Aula, dass Jutta Richter Pult und Stuhl stehen lässt und lieber auf ein gestuftes Podest klettert. „Könnt ihr mich alle sehen?“ ruft sie von ganz oben – und erntet ein ebenso begeistertes „Ja“ wie der Zipfelmützenmann, der sich der Anwesenheit des Publikums vergewissert.

Ganz oben also sitzt Jutta Richter, und dieser Platz ist ihr sehr vertraut. Die Münsterländerin gilt als eine der erfolgreichsten deutschen Kinder- und Jugendbuchautorinnen – und erfüllte sich damit ihren Kindheitstraum: Die Leihbücherei kannte sie längst auswendig, als ihr Vater mit ihr eine waschechte Schriftstellerin besuchte. Die stillte Juttas Lesehunger mit sieben Leihgaben und einer Tafel Schokolade. „Da war für mich die Sache klar“, sagt Jutta Richter über ihren ersten und einzigen Berufswunsch. Ihr erstes Werk riss ihr ein Verlag aus den Händen, als sie 15 war. Jetzt, vierzig Jahre später, verschlingen Kinder aus aller Welt ihre Bücher - oder ist es andersherum? Dabei hatte die Trägerin des UNESCO-Literaturpreises in Deutsch eine Vier, weil ihr die Standardfrage der Interpretation zum Verhängnis wurde: „Ich hatte das unglaubliche Pech, dass mir der Dichter immer was anderes gesagt hat als meiner Deutschlehrerin.“

Jutta Richter, wenn es darum geht, was sie ihren Lesern sagen will: „Wenn du findest, dass das so ist“, entgegnet sie einer Sechstklässlerin, die rätselt, ob die Romanfigur Gustav Ott, G.Ott genannt, wirklich Gott sei, „dann hast du sicher was Richtiges herausgefunden. Wenn du aber meinst, er ist es nicht, dann stimmt das für dich jetzt auch.“

Wie unrecht ihre Deutschlehrerin der kleinen Jutta getan haben muss, spürt man, sobald die inzwischen kräftige Frau den knallrot gefärbten Mund aufmacht: Sie antwortet nicht, sie verzaubert – ihre überaus selbstbewussten Antworten bannen Schüler, Eltern und Lehrer gleichermaßen. Ja, sie wohne wirklich auf einem Schloss, erzählt sie gleich zu Anfang, mit Türmen, Zugbrücke und Wassergraben. Ob da schon jemand reingefallen sei, will ein vorlauter Fünftklässler wissen – und schon sehen die Zuhörer das Schloss, das schusselige Kindermädchen und das schreiende Baby vor sich, genau wie den Kinderwagen, der unbemerkt in den Graben rollt, wo das Wasser den einzigen Sohn des Schlossherrn in die Tiefe reißt.Und dann haucht Jutta Richter dem Hund mit dem gelben Lederherzen am Halsband Atem ein, genau wie dem Vegetarier G.Ott, der dem ausgehungerten Tier neben einem Namen nur Grünkernbratlinge anbieten kann statt der geliebten Hähnchenhaut – und selbst Fleischverächtern läuft das Wasser im Munde zusammen, wenn Jutta Richter den Hund seufzend, fast schmatzend nach der knusprigen, fettig-saftigen Leckerei schmachten lässt. Mucksmäuschenstill schließlich verfolgt der Saal, wie der Hund seine Leibspeise feindseligen Ratten opfert, bevor es ihm selbst an den Kragen geht. Viele der jüngeren Zuhörer haben sich da längst an ihre Eltern gekuschelt, aber wer hier die Augen zu hat, der schläft nicht, der genießt. „Nur wenn einer gut zuhören kann, kann man gut lesen“, wird sich Jutta Richter später bei ihrem Publikum bedanken – und ihren Zuhörern nichts weniger als das größte Geheimnis der Literatur schenken: „Wenn ihr ein Buch lest und an einer Stelle weinen müsst, dann könnt ihr sicher sein, dass der, der das Buch geschrieben hat, an der gleichen Stelle geweint hat. Beim Lachen ist es ganz genauso. Das, was man fühlt, hat ein anderer auch gefühlt. Das ist alles, was man über Literatur wissen muss.“

Tanja Samrotzki (froh, ihren Sohn begleitet zu haben)

Moral ist langweilig - das Schreiben zählt, Lesung mit Hanna Lemke

Hanna Lemke liest aus ihrem Buch "Gesichertes". Das Licht wird gedämpft. Im Saal ertönt das Knacken des Mikrofons und dann betritt Hanna Lemke, nach einer kurzen Ankündigung, die kleine Bühne in der Aula der Bertha-von-Suttner-Oberschule in Berlin. Als sie vor ungefähr 100 Zuhörern, vornehmlich Schülern der höheren Klassen, beginnt aus ihrem ersten Buch „Gesichertes“ zu lesen, erfüllt die hoffnungslose Atmosphäre der Geschichten den ganzen Raum.

Alle sitzen still auf ihren Plätzen und lauschen ihrer Stimme, die so schön, ruhig und hypnotisierend ist, wie die feinen, aufsteigenden Bläschen in ihrem Glas.

Die junge Autorin aus Berlin schreibt nach Gefühl, denn: Moral finde sie langweilig. Nicht der Wille, den Lesern die Welt erklären zu wollen, sondern die Lust am Schreiben sei ihr wichtig. Sie unterscheidet sich von anderen Schriftstellern dadurch, dass sie das Schreiben nicht als Ausdrucksform ihrer Meinung nutzt. Konzentriert trägt die Newcomerin ihre Geschichten vor und nur das nervöse Falten eines Taschentuches verrät ihre Nervosität. Ihre Sätze sind kurz und präzise. Sie schmückt ihre Texte nicht aus, sagt nur das Wichtigste. Auf diese Weise wirken ihre Geschichten und Dialoge besonders lebendig. Der Leser hat das Gefühl, sich mitten im Geschehen zu befinden. Unsere Fragen beantwortet Hanna Lemke spontan. Sie hat sich nicht überlegt, was gefragt werden könnte, deshalb gibt es keine auswendig gelernten Antworten. Und genau diese Offenheit und Spontanität verleihen der jungen Autorin einen besonderen Charme. Die Themen wähle sie nach Gefühl. Da sie momentan das Thema „Hoffnungslosigkeit“ fasziniere, treffen wir in ihren Geschichten fast nur auf junge Menschen, die auf der Suche nach sich selbst sind oder deren Leben etwas ‚aus dem Ruder laufen‘. Der Inhalt ihrer Geschichten ist nicht bis ins kleinste Detail durchdacht und auch Metaphern sind kaum zu finden: „Wenn bei mir ein Besen in der Ecke steht, dann ist es auch nur ein Besen“. So entsteht auch eine lustige Situation, als die Frage gestellt wird, welche Funktion der Busfahrer denn in einer ihrer Geschichten habe. „Der Busfahrer .. hat die Transportfunkton“, bringt die Autorin zögernd, aber dennoch mit einer gewissen Bestimmtheit heraus. Im ganzen Saal ertönt ein herzliches Lachen und auch sie stimmt mit ein. Auch die Frage, ob es vielleicht einen Zusammenhang zwischen den Namen „Peter“ und „Wolf“ in der Geschichte „Wasserleiche“ und dem Märchen „Peter und der Wolf“ gebe, lockert die Stimmung auf. Der Autorin fällt diese Verbindung nämlich erst in dem Moment auf, als sie gefragt wird. Lachend und etwas peinlich berührt versteckt sie sich hinter ihrem Buch, wodurch sie noch sympathischer und menschlicher auf uns wirkt. Am Ende des Abends sehen wir die frische und liebenswürdige Art der jungen Autorin noch einmal: Als die Moderatoren ihr ein kleines Tütchen zum Dank und als Erinnerung an die Schule überreichen, linst sie neugierig und mit einem frechen Grinsen hinein. Wir können gespannt sein, was wir noch von ihr hören werden und ob die ‚Geschichten ohne Moral‘ weiterhin auf Begeisterung treffen werden.

J. Grochowka, 10e; 20.11.10

Hanna Lemke vor der Lesung