Vorsicht, Gehirn bei der Arbeit! Liya Yu zu Gast an der Bertha

Warum grenzen Menschen andere aus? Weshalb lassen sich gesellschaftliche Gruppen immer wieder gegeneinander aufbringen? Und was kann man gegen diese Spaltungen tun? Mit diesen Fragen beschäftigte sich die Lesung von Liya Yu am 15.06.26.

Die neuropolitische Philosophin verbindet Erkenntnisse aus Politikwissenschaft, Philosophie und Neurowissenschaften, indem sie untersucht, wie die Funktionsweise unseres Gehirns politische Einstellungen, gesellschaftliche Konflikte und demokratische Prozesse beeinflusst. Nach Studienaufenthalten in Cambridge und New York promovierte sie an der Columbia University. Mit ihrem interdisziplinären Ansatz eröffnet sie neue Perspektiven auf aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand ihr aktuelles Buch „Hirn statt Moral“. Darin vertritt Yu die These, dass moralische Appelle allein gesellschaftliche Konflikte nicht lösen können. Stattdessen müsse man verstehen, wie Menschen auf Unsicherheit, Unterschiede und Gruppenzugehörigkeiten reagieren. Besonders eindrücklich erläuterte sie das Phänomen der Dehumanisierung, also die oft unbewusste Tendenz, anderen Menschen weniger Menschlichkeit zuzuschreiben und sie dadurch leichter abzuwerten oder auszugrenzen.

Dabei blieb es nicht bei theoretischen Überlegungen. In einem interaktiven Workshop waren die Schülerinnen eingeladen, eigene Erfahrungen und Beobachtungen zu Ausgrenzung und Dehumanisierung einzubringen. Aktuelle Beispiele aus Politik und Medien - von modernen Werbestrategien bis hin zu Debatten über Aussagen von Donald Trump oder Friedrich Merz - machten die wissenschaftlichen Erkenntnisse besonders anschaulich.

Die Schülerinnen beteiligten sich engagiert und nutzten die Gelegenheit, Fragen zu stellen. Besonders positiv hervorgehoben wurden die abwechslungsreiche Gestaltung der Veranstaltung sowie die gelungene Verbindung von wissenschaftlicher Forschung und gesellschaftlicher Realität. Dass am Ende trotz intensiv arbeitender Gehirne vor allem der Wunsch nach einer längeren Veranstaltung blieb, dürfte das größte Kompliment für die Referentin gewesen sein.

FB Philosophie: M. Li & L. Fritsch