Seminarkurs „Philosophische Weltbilder in der Literatur“

Im Gefolge der KMK-Vereinbarungen vom 28.02.1997 wird fächerübergeifender Unterricht in einem neuen Fach verankert, dem zweisemestrigen „Seminarkurs auf der gymnasialen Oberstufe“. Formal besitzt ein Seminarkurs Grundkurscharakter. Eine besondere Lernleistung, die im Rahmen eines Seminarkurses in die Abiturprüfung eingebracht werden kann, besteht aus der Teilnahme am Kurs über zwei Semester zu je drei Wochenstunden und einer daraus resultierenden schriftlichen Hausarbeit, die in einem Kolloquium vor einer Prüfungskommission zu verteidigen ist.

Aus dieser formalen Bedingung ergeben sich folgende Anforderungen: Um dem wissenschafts-propädeutischen Anspruch Rechnung zu tragen erlernen die SchülerInnen während des ersten Semesters unterschiedliche Techniken, die sie in besonderem Maße auf das wissenschaftliche Arbeiten an der Universität vorbereiten sollen.

Hierzu gehören Recherche (Literatursuche mit Bibliothekskatalogen und Opak-System, Besuch in der Staatsbibliothek, Grundlagen der Archiv- und Bibliotheksarbeit, Bibliographien auswerten, Internet auswerten), Auswahl (Verwertendes Lesen von Texten (Markieren, Exzerpieren von Textinhalten, Kategorien festlegen, Thema finden), Umsetzung (Arbeits- und Zeitplan, Gliederung erstellen, Verschriftlichung der Arbeitsergebnisse, Zitiertechniken in wissenschaftlichen Arbeiten, Anfertigen der Literaturliste) sowie die Präsentation (Exposé erstellen, Präsentation durchführen, Verteidigung des „eigenen“ Forschungsthemas).

Am Europäischen Gymnasium Bertha-von-Suttner wird momentan ein Seminarkurs im Bereich Philosophie/Religion angeboten.

Martina Denda

Seminarkurs: Philosophie / Religion

Seit der letzten Aktualisierung haben nun zwei weitere Jahrgänge den Seminarkurs durchlaufen. Das Thema „Raumzeiten – Zeiträume“ (2009/10) beschäftigte sich einerseits mit der Pluralität von Lebensrhythmen, der Linearität klassischer physikalischer Zeittheorien und der Multitemporalität gegenwärtiger Zeitvorstellungen. Andererseits standen mit der Aperspektivität, der Perspektivität und der Multiperspektivität der Raumwahrnehmung und Raumdarstellung verschiedene Modelle des Raumes im Vordergrund. Texte und Darstellungen von Raum und Zeit und deren Verschränkungen (u.a. Bild- und Textmaterial aus dem Alten Ägypten, jüdische Zeitvorstellungen, die Zeitauffassung Augustins, Raumvorstellungen der Renaissance, das Verhältnis von absolutem und relativem Raum (Zeit) bei Newton, die Relationalität des Raumes bei Leibniz, das transzendentale Raum- und Zeitkonzept Kants, Zeit- und Raumauffassungen in der Literatur – J.L. Borges, Raum- und Zeitverschränkungen in der modernen Physik) boten Einblicke in ein abstraktes, aber spannendes Thema.

Der letzte Seminarkurs (2010/11) widmete sich dem Thema „Der Mensch“. Ausgehend von antiken Quellen wurde das Thema bis zur Gegenwart in unterschiedliche Kontexte gestellt. Philosophische, religiöse, künstlerische, literarische, aber auch naturwissenschaftliche und gesellschaftspolitische Bezüge ließen den Facettenreichtum der Bestimmungsmöglichkeiten von Menschsein erkennen. Die aus dem Kurs entwickelten Abschlussarbeiten (Bll) deckten dementsprechend eine große Bandbreite von Fragestellungen ab. Sie reichten u.a. von der platonischen Bestimmung der Sprache, dem Verfasstsein menschlicher Existenz in Dostojewskis Roman „Schuld und Sühne“, dem Geschichtsverständnis Friedrich Nietzsches bis zur gesellschaftlichen Bedeutung der erneuerbaren Energien für das künftige menschliche Zusammenleben.

Seit August 2011 findet der aktuelle Seminarkurs unter der Thematik „Die Welt“ statt.
Der abiturrelevante zweisemestrige Grundkurs kennt seit dem letzten Schuljahr eine Neuerung. Die obligatorischen Klausuren können durch andere schriftliche Arbeiten ersetzt werden. Diese Neuerung kommt dem Grundanliegen des Kurses sehr entgegen. Die Schülerinnen und Schüler erstellen nun selbstverfasste Essays, die im Seminarkurs zur Diskussion gestellt werden. Dabei ist nicht nur der Inhalt, sondern auch die kritische Auseinandersetzung mit dem formalen Aufbau von Bedeutung. Diese Essays bieten somit einen ersten Zugang für das Erstellen einer Jahresarbeit, die als 5. Prüfungskomponente angerechnet werden kann.
Die Vielfalt der Essaythemen (u.a. die Aspekte des Musikgeschmacks, über Schuluniformen, die Bedeutung der Religion heute, über aktive und passive Sterbehilfe) lässt die Frage nach dem In-der-Welt-sein aufkommen. Im Weiteren werden wir sehen, ob und wie es weltet (Heidegger).


A Buntrock

Beispiele für eine BLL

Aufgrund mehrfacher Nachfragen aus dem aktuellen Seminarkurses in Bezug auf den formalen Aufbau einer BLL sollen hier beispielhaft zwei überzeugende Arbeiten des Abiturjahrgangs 2011/12 in ihrer unkorrigierten Form präsentiert werden. Den Schülern ist es u.a. gelungen, einen rein deskriptiven Charakter zu vermeiden und ihre philosophische bzw. religionsphilosophische Thematik in einer systematischen Perspektive „auf den Begriff“ zu bringen.

Schülerinnen und Schüler, die diese Arbeiten lesen, sollten bedenken, dass derartige Texte nicht den Anfang, sondern den Abschluss eines intensiven Prozesses der Auseinandersetzung mit der jeweils gewählten Problematik bilden. 

A. Buntrock; 15.01.2013

[Die Autoren der folgenden Besonderen Lernleistungen haben es genehmigt, dass ihre Arbeiten auf der Homepage veröffentlicht werden.]

BLL-Malte Baumann (Abitur 2012)

BLL-Jan-Marco Jahnke (Abitur 2012)