Vom linguistic turn zum pictorial turn?

Die Philosophie ermöglicht es dem Menschen, seine Denk- und Lebenswelt zu analysieren, zu reflektieren und zu verstehen. Bedingung dafür ist die Abstraktheit menschlicher Sprache, die sich in der Ausbildung von Grundlagen- und Prinzipienfragen, in der Herausarbeitung von Argumentationsstrukturen und in der normativen Setzung von Wissens- und Moralbestimmungen manifestiert. Aristoteles wusste bereits, dass sich das Sein auf vielfältige Weise aussagen lässt.

Philosophie ist historisch jedoch nie einem eingleisigen Weg gefolgt. Sie hat vielmehr sich von anderen geistigen Zugängen zur Welt inspirieren lassen und den Austausch mit diesen gesucht. Das Theater, die Theologie und die Kunst waren in ihren andersartigen Darstellungsformen inhaltlich sogar oft „philosophischer“ als die Philosophie selbst, haben sie doch neue Fragestellungen entwickelt und die Philosophie dadurch gezwungen den eigenen Horizont zu erweitern.

Gleichwohl bleibt der zeitgenössische Philosophieunterricht auf die textbasierte Sprache verwiesen, sollen die Schülerinnen und Schüler in kritischer Distanz zu verschiedenen philosophischen Problemstellungen eigene begründete Positionen entwickeln und diese vertreten und rechtfertigen können. 

In der Gegenwart der Übermacht der Bilder mutet eine derartige Strategie etwas aus der Zeit gefallen an. Wie viel Visualisierung der Philosophieunterricht verträgt ist umstritten, sprechen doch Bilder Stimmungen, Emotionen und Gefühle in ihrer Vielfältigkeit an und sind damit der Eindeutigkeit und Stringenz logischer Argumentation geradezu entgegengesetzt.

Aber benötigen wir angesichts der Komplexität menschlicher Erfahrungen stets eindeutige und scharfe Begriffe oder eher unscharfe Bilder? Schon Ludwig Wittgenstein fragt in seinen Philosophischen Untersuchungen: „Ist eine scharfe Photographie überhaupt ein Bild eines Menschen? Ja, kann man ein unscharfes Bild immer mit Vorteil durch ein scharfes ersetzen? Ist das unscharfe nicht oft gerade das, was wir brauchen?“ (PU 71). Nicht allein der Aspekt der Unschärfe, im Kontext dieser Passage eigentlich auf die Allgemeingültigkeit von Begriffen bezogen, sondern auch der Charakter der Bildhaftigkeit ist hier philosophisch interessant.

Diese Überlegungen aus einem Unterrichtsgespräch und das mit Fotografien bebilderte Buch von Thomas Vasek Philosophie! Die 101 wichtigsten Fragen haben Elft- und Zwölftklässlerinnen inspiriert zu philosophischen Begriffen und den zugehörigen Fragestellungen eigene Bilder zu erstellen, die dann  in umgekehrter Weise als Einstieg in die jeweilige philosophische Problematik dienen sollen.

Ins Bild gesetzte Begriffe sind u.a.: Wahrnehmung – Kann man seinen Augen trauen? Schönheit – Was gefällt uns und warum? Identität – Wie bleibt man derselbe?

Die Bilder sind im künftigen Unterrichtsgeschehen nicht Selbstzweck, sondern sollen einen vielfältigen Zugang zur jeweiligen Thematik ermöglichen. Die Begegnung mit den Bildern, die Analyse des Bildaufbaus und die perspektivische Herausarbeitung der Bildaussage stehen im Mittelpunkt. Ziel bleibt aber die argumentative Begründung und Positionierung gegenüber der zugrundeliegenden Fragestellung.

Nun sprechen Schülerinnen und Schüler am liebsten über eigene Bilder weniger über die von anderen gemalten. Deshalb soll die Reihe der Bilder offen und ergänzungsfähig bleiben. Wie überzeugend sich diese Bilder in den Unterricht integrieren lassen, wird die Zukunft zeigen.

 Mai 2019

 A.Buntrock