Geschichte berührt

Fahrt der Gedenkstätten-AG nach Lidice

Im Schuljahr 2012/13 setzte sich die Geschichts-AG des Europäischen Gymnasiums Bertha-von-Suttner mit dem Gedenken an die nationalsozialistischen Verbrechen auseinander. In mehreren Modulen beschäftigten wir uns mit dem Gedenken im Allgemeinen, den historischen Zusammenhängen zur Zeit des Nationalsozialismus und mit den Ereignissen um das tschechische Dorf Lidice im Besonderen. Bestandteil der AG war auch die aktive Mitgestaltung der Gedenkveranstaltung zum 9. November am Mahnmal für die Opfer der Gewaltherrschaft vor dem Rathaus Reinickendorf (http://www.bertha-von-suttner.de/aktivitaeten-spezial/arbeitsgemeinschaften/rechtes-menue/ag-geschichte/ ) sowie ein einwöchiges Dokumentarfilmprojekt zur NS-Zwangsarbeit in Reinickendorf (http://www.bertha-von-suttner.de/fachbereiche/ge-pw-ek/geschichte-pw/2013/dokumentarfilm-projekt/ ).

Die AG diente zur Vorbereitung unserer Fahrt zur zentralen Gedenkveranstaltung zum Jahrestag der Auslöschung des Dorfes Lidice nach Tschechien. In einer willkürlichen Vergeltungsaktion war es in der Nacht vom 9. auf den 10. Juni 1942 von nationalsozialistischen Einsatzkräften umstellt worden. Alle Männer ab 15 Jahre wurden erschossen, die Frauen in Konzentrationslager verschleppt. Die Kinder des Dorfes wurden nach rassischen Kriterien ausgesondert und ebenfalls ermordet,  wenige von ihnen kamen zu „Germanisierungszwecken“ in deutsche Familien. Das Dorf wurde dem Erdboden gleich gemacht. Ab 1945 entstand an seiner Stelle eine Gedenkstätte.

14 Schülerinnen und Schüler unserer Schule besuchten diese Gedenkstätte zwischen dem 14. und dem 16. Juni 2013 gemeinsam mit einer Gruppe der Gustav-Freytag-Schule und dem Arbeitskreis Politische Bildung, der diese Fahrt alljährlich organisiert und finanziell unterstützt.

Nach unserer Ankunft in Prag folgten zunächst der Einladung der Deutschen Botschaft in Prag. Durch eine Filmvorführung und eine Führung über das Gelände informierten wir uns über die Ereignisse rund um den 30. September 1989, als der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher vom Balkon aus den 4000 flüchtigen DDR-Bürgern die Botschaft der genehmigten Ausreise in die BRD überbrachte.

Am Abend besuchten wir erstmals die Gedenkstätte in Lidice und kamen so in Berührung mit dem historischen Ort des Verbrechens. Anstelle eines Dorfes blickten wir auf ein grünes Tal, in dem die wenigen Mauerreste eines Bauernhofs, sowie einzelne Mahnmale an das schreckliche Schicksal seiner ehemaligen Bewohner erinnern. Nach einem Freiluftkonzert begaben sich einige Schülerinnen und Schüler zum Denkmal für die Kinder von Lidice, deren Namen verstärkt durch einen Lautsprecher über das Tal getragen wurden.

Nach der ersten Nacht in unserem Hotel in Prag stand am Samstagvormittag die zentrale Gedenkveranstaltung in Lidice auf dem Programm. Wir besuchten das Rosenbeet, verfolgten die Reden und die Kranzniederlegungen. Helmut Walz vom Arbeitskreis Lidice führte uns über das gesamte Gelände, erläuterte einzelne Ereignisse und beantwortete Rückfragen der Schülerinnen und Schüler, für die neben der bedrückenden Historie die große Teilnehmerzahl der Gedenkveranstaltung (unter ihnen Staatspräsident Zeman) beeindruckend war.

Am Nachmittag erkundeten wir in Kleingruppen die wunderschöne Stadt Prag und genossen dabei blauen Himmel und Sonnenschein. Die Fahrt der Gedenkstätten-AG erfuhr schließlich am Sonntag einen besonderen Moment. Nach dem Besuch des Museums der Gedenkstätte Lidice trafen wir auf die Zeitzeugin Mila Kalibová. Als Überlebende erzählte sie uns von ihren Erlebnissen und Empfindungen in der Nacht auf den 10. Juni 1942, von der traumatischen Trennung der Frauen und Kinder zwei Wochen später in der Turnhalle von Kladno und von ihrer Zeit im Konzentrationslager in Ravensbrück. Sie sprach von der beschwerlichen Rückkehr nach Tschechien und der Trauer beim Anblick dessen, was einmal ihr zu Hause war. Wir sind sehr dankbar dafür, dass sich Frau Kalibová zu dieser Zusammenkunft bereit erklärt und durch ihren Einsatz gegen das Vergessen ein prägendes Erlebnis ermöglicht hat.

Nach einem abschließenden gemeinsamen Essen auf Einladung der Bürgermeisterin von Lidice, Frau Kellerova, traten wir die die Rückreise an. Jede(r) nimmt individuelle Empfindungen aus diesem Wochenende mit, an dem wir mit dem Gedenken an die Verbrechen der Nationalsozialisten in Berührung kamen. Die AG wird auch im Schuljahr 2013/14 mit dem Ziel der Fahrt nach Lidice fortgesetzt und wir freuen uns auf interessierte Teilnehmerinnen und Teilnehmer!

Herr Ihsen, Frau Kelp