Die Geste zählt

Eine Menschenmenge, die längst größer ist, als es Stühle gibt, die für sie reichen, hat sich am 15.10.2014 um 12 Uhr am stillgelegten Gleis nahe des S-Bahnhofs Grunewald um eine kleine überdachte Bühne versammelt, um der Gedenkveranstaltung „Gleis 17“ in Erinnerung an die Judendeportationen zur Zeit des Nationalsozialismus beizuwohnen. Unter ihnen sind auch wir Schüler des 10. Jahrgangs von der Bertha, denn heute werden nicht nur Erwachsene etwas vortragen, auch einige Schüler der Klassen 10a, 10b und der Oberstufe beteiligen sich mit Reden, für die sie bereits seit dem April recherchiert haben.

Zu Beginn der Veranstaltung hören wir von Felix Mehlinger aus der 10a ein Trompetenstück. Die Menge wird still und richtet den Blick auf die kleine Bühne. Es folgen Grußworte von Rabbiner Daniel Alter, der Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters und Andreas Nachama, Direktor der Stiftung „Topografie des Terrors“.

„Man kann als Mensch gar nicht erfassen, was an diesem Gleis alles geschehen ist“, meint Daniel Alter. Es stimmt - wenn man hier am stillgelegten, von Grün umgebenen Gleis steht und aus der Ferne Baulärm hört, ist es schwer vorstellbar, wie an diesem Ort vor 70 Jahren insgesamt ca. 55.000 jüdische Mitbürger mit dem Zug deportiert wurden, ohne dass jemand etwas dagegen unternommen hätte. So fragt sich auch Andreas Nachama, was wohl gewesen wäre, hätten die Lokführer von damals gestreikt, wie die der S-Bahn in diesen Tagen. Man gerät ins Nachdenken und fragt sich wie so oft: „Wer war eigentlich Schuld?“ Doch das ist nicht der einzige Beitrag, der die Versammelten nachdenklich stimmt.

Nicht Wenigen stehen Tränen in den Augen, als die Zeitzeugin Margot Friedländer (93) berichtet, wie sie damals überlebte, weil sie nach Theresienstadt und nicht wie ihre Mutter und ihr Bruder nach Auschwitz deportiert worden war. Als dort Opfer von Auschwitz ankamen, die mehr tot als lebendig aussahen, berichtet Frau Friedländer, sei ihr klar gewesen, dass sie ihre Angehörigen nie wieder sehen würde. Man spürt die Betroffenheit des Publikums, niemand kann solche Passagen der deutschen Geschichte so nahegehend vermitteln wie Zeitzeugen.

Jetzt kommt die Arbeit zutage, die sich unsere Schülerinnen und Schüler über Monate gemacht haben, für die sie auch in der Schulzeit Bibliotheken besucht und vergessene Biografien damaliger Opfer recherchiert haben. Die Schüler der Klassen 10a, 10b und der Oberstufe erzählen mit großem Ernst von den Schicksalen einiger deportierter Krankenschwestern. Sie haben sogar ein Gedicht geschrieben, in dem sie ihre Gedanken und Gefühle zu den Ereignissen zum Ausdruck bringen. Nach jedem Beitrag stellen sie eine weiße Rose in die Vase neben dem Podest. Überhaupt trägt jeder der Anwesenden eine weiße Rose in der Hand; sie sollen an die Stundentengruppe „Weiße Rose“ erinnern, die sich damals als eine der wenigen für die Opfer des Antisemitismus eingesetzt hat.

Zum Schluss hören wir noch ein Trompetenstück von Felix. Es ist fast schade, dass nicht geklatscht wird. Nun treten die Gäste vor und jeder legt seine weiße Rose an das Gleis. Das Rosenmeer bietet ein beeindruckendes und berührendes Bild.

Als wir an der Bushaltestelle sitzen, kommt Frau Grütters noch einmal zu uns und dankt vor allem den vortragenden Klassenkameraden für ihr Engagement, aber auch uns anderen Schülern für unsere Anwesenheit. Es sei besonders wichtig, sagt sie, dass die jungen Generationen an die Ereignisse von vor 70 Jahren erinnert werden, damit all das Unglück und die damaligen Fehler nicht in Vergessenheit geraten. Denn irgendwann wird es keine Margot Friedländer mehr geben, die uns davon erzählen könnte.

Wenn man zurück auf die Gleise schaut, kann man zwischen den hunderten weißen Rosen auch einige rote erkennen. Anscheinend konnte jemand keine weißen Rosen mehr bekommen, aber das ist egal - Die Geste zählt.

Marlene Peine, Klasse 10b