Zwischen Kiez und Kudamm

Hamburg 20.-26.09.2009: Das Daumendrücken hat geklappt…Unser DS-Kurs ist auserwählt worden, Berlin beim „Schultheater der Länder“ 2009 in Hamburg zu vertreten! Ein letztes Mal bekamen wir die Chance zum offiziell inzwischen 7. Mal unsere Bilderreise durch Berlins Vergangenheit diesmal einem völlig neuen Publikum zu präsentieren.
Doch alles der Reihe nach…Das SdL ist ein jährlich bundesweit ausgeschriebener Wettbewerb für Schultheatergruppen aller Schulformen. Ausgewählt wird je Bundesland eine Theatergruppe. Mit der Veranstaltung verbunden sind umfangreiche Workshops vor Ort, Fachtagungen und Spielleitertreffen und natürlich jede Menge Schauspiel, Action und fachlicher Austausch mit anderen DS Gruppen aus ganz Deutschland. Das diesjährige Thema des SdL war „Spiel:Platz=Stadt:Raum“, was bedeutete, dass sich jede Gruppe mit einem Stück bewerben konnte, welches sich auf einen Stadtraum bezog, oder wie in unserem Falle sich mit der eigenen Umgebung beschäftigte. „Die jugendlichen Schauspieler können den Stadtraum als Spiegel ihrer Identitätssuche nutzen und ihn nach seinen Frei- Räumen und Begrenzungen befragen.“- so stand es in der Beschreibung. Perfekt also für unsere „Bilder“! Logischerweise wurden die einzelnen Inszenierungen auch in öffentlichem Raum aufgeführt, so etwa auf großen Plätzen, Treppen, im Kaufhaus, auf einem Spielplatz oder in einem Brunnen. Das ganze wird „site specific theatre“ genannt. Für unser Stück kam ein solcher Platz ohne jede Technik oder Bühnenbeleuchtung selbstverständlich nicht in Frage, doch auch für diese Art von Anspruch war gesorgt. Auf „Kampnagel“, einer alten zum Theater umgebauten Fabrikhalle fanden allabendlich Veranstaltungen statt, von der Eröffnungszeremonie über ein Bandfestival bis hin zur ausgiebigen Verköstigung der rund 700 Teilnehmer. Und außerdem gab es hier auch verschieden große Bühnen und die größte von ihnen konnte es kaum erwarten am Mittwochabend zur „prime time“ um 20 Uhr von uns Hauptstadtkindern bespielt zu werden. Dementsprechend groß waren auch unsere Aufregung und unsere Zweifel. Können wir eine ungefähr 4mal so große Bühne wie unsere zu Hause überhaupt ausreichend bespielen? Werden wir es schaffen ohne Mikros auch hinten die letzte Tribünenreihe(!) zu beschallen? Wird das ungewohnt kleine Klavier, von unserer wunderbaren Pianistin Ulrike Bauer gespielt, den Saal ausfüllen können? Und wie soll auf dieser ungewohnten Bühne mit dem riesigen Backstagebereich der Umbau funktionieren? Mit einem Tag Probezeit, einem Haufen erkälteter, fußkranker oder stimmlich eingeschränkter BvS-ler und einer schier umwerfenden Fülle an modernster Technikausstattung, die unsere Technikerin Niki Papadopoulos erst einmal auf unsere bescheidenen Bedürfnisse beschränken musste, wurde die Anspannung bis zum großen Auftritt am Abend doch relativ groß. Letztendlich wurden all unsere Zweifel in dem riesigen Bauchkribbeln und der reinen Spielfreude ertränkt und wir lieferten eine saubere Performance vor dem größten Publikum unserer bisherigen „Karriere“. Wie gut unser Stück tatsächlich ankam, das hätten wir uns in unseren kühnsten Träumen nicht vorstellen können. Die lauten „Zugabe“-Rufe wurden übertönt von der Forderung: “Noch mal von vorne!“ und selbst als wir uns nach der Show ins Restaurant auf Kampnagel setzen wollten um auf unseren Erfolg anzustoßen, wurden wir von sämtlichen Gästen mit Standing Ovations und lautem Jubel empfangen. Ein klasse Gefühl!

Neben diesem absoluten Höhepunkt gab es in der gesamten Woche eine Fülle an Möglichkeiten seine verrücktesten Theaterfantasien auszuleben, neue Freundschaftsbande zu knüpfen und vor allem auch die Hamburger Fußgängerschaft ordentlich zu verwirren. Welcher normale Mensch wäre auch nicht verunsichert, wenn er in eine U-Bahn steigt und plötzlich 50 Leute anfangen zu singen, bei der nächsten Station aber wieder mucksmäuschenstill sind und stattdessen im Freeze auf Einsteigende zeigen. Oder der riesige Flash-mob, der veranstaltet wurde und bei dem mitten in einer belebten Einkaufsmeile ein Schauspieler nach dem anderen scheinbar zusammenhangslos stehen blieb und auf denselben Punkt irgendwo an einer Häuserwand starrte, woraufhin sich eine große Menge neugieriger Passanten um uns sammelte und schließlich sogar ihre Fotoapparate herausholte um dieses „berühmte“ Haus zu fotografieren. Jugendliche, die sich einfach so mitten auf die Straße legen, nach einer Weile laut lachend wieder aufstehen und dem nächsten telefonierenden Fußgänger wie Hühner gackernd hinterherlaufen oder unauffällig Leute beschatten um dann deren Gänge zu kopieren…Ja, die Hamburger mussten eine Menge Humor aufbringen, um in dieser einen Woche, besonders um die Landungsbrücken im Hamburger Hafen herum, ihren Geschäften nachzugehen. Natürlich steckt hinter all dem Unfug tatsächlich eine nicht unbedeutende Arbeit, Konzentration, Mut und schauspielerisches Talent, letzteres war glücklicherweise bei allen Teilnehmern vorhanden und niemand war sich zu gut für irgendeine Aktion oder fand es zu peinlich, wodurch das Ganze noch mehr Spaß machte. Eine Menge dazugelernt haben wir auch und äußerst nützliche Tipps und Arbeitsweisen erhalten, die uns bei unseren folgenden Projekten garantiert viel weiterhelfen werden. Die Nachbesprechungen eines jeden Stücks (nicht zuletzt auch unsere eigene) waren zu diesem Zweck eingerichtet und letztendlich auch jeder Workshop half uns, unsere Fähigkeiten im und um das Schauspielern zu verfeinern und auf verschiedenen Ebenen Kontakte zu knüpfen.

 

Alles in allem eine wunderbare Erfahrung, die unserem Kurs viele neue Gesichtspunkte der Theaterkunst nahegebracht und eine bereichernde Möglichkeit zum Austausch mit anderen Gleichgesinnten aufgezeigt hat.

Wiebke Lepke, 13.Jg. ; September 2009