Literarisch-musikalischer Abend zum Thema TÜREN am 26.11.13

 

Türen sind mir irgendwie zu konventionell, war einer der letzten Sätze, der an diesem Abend ertönte, als Schüler_innen aus verschiedenen Jahrgängen ihre eigenen kleinen und großen, musikalischen oder literarischen Werke zum Thema Türen zum besten gaben (Kostproben im Anhang). Und das Schöne an diesem Abend war, dass er eben gerade nicht besonders konventionell, sondern auf angenehme Art ungeplant verlief. Noch kurz vorher hatten nicht einmal die Organisatoren einen vollständigen Überblick, wer alles auftreten würde, und die Moderatorin wurde zehn Minuten vor Beginn aus den Reihen der Oberstufenschüler_innen heraus rekrutiert. Ganz von allein fügte sich das Ganze dann zu einer erfrischenden und bewegenden Mischung aus Gedichten, Geschichten, Theater, Liedern, Instrumentalstücken, einem Rap und einem Poetry Slam, umrahmt von einer wunderbar spontanen Moderation.

Es ist umwerfend, welche Talente jenseits von Gleichungen lösen, Texte übersetzen und Erörterungen schreiben in den Schüler_innen schlummern und bei solchen Anlässen zutage treten. Und deshalb werden wir diese Veranstaltungsreihe weiter verfolgen - natürlich auch das nächste Mal wieder ganz gezielt ungeplant, dann zum Thema BÄUME.

D. Santelmann

 

Hagen von Chamier (10b)

 

Ein unangenehmes Gefühl

Voll Leid und Müh

Reiß ich auf die Tür

Und vor mir steht -wer hätt's gedacht- der neue Chef

Und lacht und lacht und redet schlau

Ist er nicht

Was er tut ist ohne Takt ist ohne Sinn

Und so vegetiere ich dahin

 

Und schaue zu wie sich sein Mund bewegt

Wie Tropfen fliegen

Vermischt mit wilden Gesten

Doch sie trifft mich nicht die leere Rede

Denn ich höre nur das Drängen meines Zwanges

Meines Leidens meines Bangens

Als König meines einzigen Gedankens

 

Und schließlich endlich! Eine Ewigkeit scheint vergangen

Als ich befreit von tristem Monolog

Meine Suche kann setzten fort

Und so haste ich von Tür zu Tür

Der Druck wird unerträglich, drängt mich, treibt mich

Schrecklich meinem Ziel entgegen

Und als ich endlich finde was ich suche

Überkommt mich pure Freude

Als ich sehe was ich brauche

 

Verheißend voller Hoffnung

Die Tür zum Klo steht offen

 

Ich bin 17 und will noch die Welt verändern oder Die Bauarbeiter                                      Jeruscha Strelow (3. Semester)

 

Willkommen im Haus meines Lebens!

Das Fundament ist gegossen, die Säulen hochgezogen, Wände gebaut und Türen eingerahmt.  

Ich habe sechs Türen in diesem Haus

 

Eine Tür für die Geburt, das Fehlerlossein

Eine Tür für die Kindheit und den Alles-wird-gut-Trug-Schein

Eine Tür für exzessive Partynächte, Sex, drugs and Justin Bieber

Eine fürs Kinderkriegen und das Nö-wir-bleiben-zu-Hause-essen-Käse-und-trinken-Rotwein-Das-ist-uns-lieber

Eine Tür für die Midlifecrisis und die zwanzig Jahre danach, die sind eigentlich ganz nett

Und eine Tür bleibt noch fürs Sterbebett

 

Ich stehe vor diesen Türen und habe einfach keinen Bock auf diese Tour

Denn jeder hinterlässt doch eine ähnliche Lebensspur

Jeder Mensch vor mir hat schon diese sechs Türen durchschritten

Jeder dieser Menschen hat unter den engen Türrahmen gelitten

Sich an den Kanten den Kopf gestoßen und sich an der Klinke geschnitten

Ich sage nun das, was gesagt werden muss:

Ich mach mit Türen Schluss

 

Ich suche mir Türalternativen

Und lasse die holzigen Rechtecke am Straßenrand liegen

Vielleicht kauf ich mir diese bunten Perlenketten, die in Türrahmen in Häusern von alten runzeligen Miami-Omas existieren

Und in deren Türrahmen die Ladies dann im Tigerbikini obszön posieren

Während sie die Perlen zur Seite hängen

Aber selbst die braungebrannten Miami-Omas aus den alten Filmen befinden sich in den Altersfängen

Auch sie beugen sich den Lebenszwängen

 

Ich will  nicht meine 70 Jahre einfach so leben und mich dann fragen: Was ist geblieben?

Ich will nicht, dass irgendwann meine vergangenen Träume zwischen Arbeit und Verpflichtungen liegen

Will nicht, dass ich irgendwann so weit bin, den Stift aus der Hand zu legen

Weil alle anderen sagen: Davon kann man sowieso nicht leben

 

Ich will nicht durch diese sechs Türen gehen wie jeder andere

Weil jeder andere denselben Mist immer und immer wieder produziert

Und dann am Ende selbst seinen eigenen Lebensweg schraffiert

Weil jeder denkt, dass er sich was Neues traut, mal was Neues ausprobiert

Am Ende sich aber in den alten Liedern wieder und wieder verliert

 

Ich will keinen schnurgeraden Lebensweg gehen

Und steuere doch gradewegs drauf zu,

Mich wie alle in demselben Lebenszyklus zu drehen

Bin drauf und dran mich dem Türzwang zu fügen

Am Ende will ich keine 300 Seiten Lügen lesen,

Die sie als Biografie verkaufen

Vielmehr will ich 3000 Fragmente von mir haben,

Die alle im Nichts verlaufen

Voll mit lauter klugen Aphorismen von mir, so wie:

 

Der Sinn des Lebens ist

Oder

Je mehr man versucht, das Glück zu finden, desto

Oder:

Liebe ist nur ein Wort mit fünf Buchstaben, aber

 

Lasst mich doch Türen eintreten und versuchen, Berge zu versetzen

Und mich dann daran verletzen

Ich will meine Stimme erheben

Will nach höheren Sternen streben

Will keinen graden Lebensweg gehen

Vielmehr will ich in Schlangenlinien leben

Vielleicht sollte ich dann dauersaufen

damit muss ich doch torkelnd in Schlangenlinien laufen

 

Also steh ich dann in dem maroden Lebenshaus

Weiß nicht, ob ich weiter  rein gehen soll oder lieber raus

Seh die sechs Türen mich anstarren

Und verführerisch mit ihren Türklinken knarren

Am Ende geh ich raus, durch das wacklige rostige Baugestell

Denn Türen find ich aus Prinzip zu konventionell

 

Ohne Titel

Alina Schmecktal, (10e)

Maggie läuft durch den Gang. Wo ist nur diese Tür? Diese Tür, die sie jetzt brauchte? Diese eine. Sie läuft und läuft, schaut links und rechts, doch nirgendwo ist diese eine Tür! War sie im falschen Gang? Im falschen Stockwerk? Maggiei stolpert, fällt hin, steht wieder auf und läuft weiter. Wo war sie nur, wo war sie nur?

Ein ihr bekanntes Geräusch dringt an ihr Ohr. Was in Gottes Namen war das? Maggie schreckt hoch. Ihr Herz rast. Sie atmet tief durch. Einmal, zweimal. Es war ihr Wecker. Es war nur dieser eine bekannte Traum. Nur ein Traum, der in der Wirklichkeit nicht galt. Sie schlägt die Bettdecke zurück und läuft in das Badezimmer. Sie schaut in den Spiegel. Ihr Gesicht zeigt die eindeutigen Spuren von Müdigkeit.

Auf dem Weg zu ihrer Arbeit spürt Maggie wieder einmal diesen wohl bekannten Zorn in sich hochsteigen.  Unfähig!, denkt sie. Ich bin einfach unfähig diese Tür zu finden. Sie parkt das Auto, steigt aus, schließt mit einem lauten Krachen die Autotür und läuft auf das große Glasgebäude zu. Jeden verdammten Tag ging sie denselben Weg. Der einzige Unterschied waren die Patienten im Inneren des Hauses. Es gab jeden Tag andere. Trotzdem war der Tagesablauf relativ gleich. Sie schließt die Tür ihres Behandlungszimmers auf und geht in den kleinen Nebenraum. Hängt ihre Jacke und die Tasche auf und zieht den weißen Kittel über. Wie immer stellt sie fest, dass dieses eine kleine Schild sie kratzt und dass sie es entfernen müsste, aber sie

Hach! Wieso fand sie diese verdammte Tür nicht? Sie lehnt kurz an der Wand, schüttelt den Kopf und verdrängt den lästigen Gedanken. Sie verlässt den Nebenraum und setzt sich an ihren Schreibtisch.  Der erste Patient kommt und wie immer und immer wieder erzählt er ihr von seinen Sorgen. Als hätte sie keine eigenen. Sie hilft ihm. Er geht und sie hat einige Minuten Zeit. Dann öffnet sich die Tür erneut. Wieder ein Patient. Er will ein Rezept für eine Beruhigungstablette haben. Sie füllt es aus und gibt es ihm. Die Tür schließt sich. Diese harte, graue Stahltür mit diesem kalten Edelstahlgriff.  Eine Holztür wäre besser gewesen, aber das interessierte ja niemanden.

Der Tag verstreicht. Langsam, aber er verstreicht und der letzte Patient tritt ein. Jack. Ein Lächeln überfährt Maggies Gesicht. Heute!, denkt sie. Heute werde ich sie finden. Sie redet mit Jack. Ihr Gespräch ist ausführlich. Sie gewinnt einige Erkenntnisse, welche ein kleiner Test noch bestärkt.  Sie verabschiedet Jack mit dem guten Gewissen, dass sie endlich zu ihm vordringen konnte. Sie zieht sich die Jacke an. Es ist schon spät. Sie fährt nach Hause und legte sich sofort in ihr Bett.

Maggie läuft durch den Gang. So viele Türen. Unendliche Türen. Alles Türen, die sie schon geöffnet hatte. Aber diese eine Tür war nicht dabei. Sie lief und lief. Aber heute, heute musste sie dabei sein. Und da war sie. Diese eine gottverdammte Tür. So lange hatte sie danach gesucht, so unendlich lange Zeit. Sie hatte alles versucht und jetzt endlich, wo sie es schon fast aufgegeben hatte, hatte sie sie gefunden. Diese eine Tür. Sie, eine der besten Psychologinnen, hat sie endlich gefunden. Die Tür zu Jacks Seele. In Form eines Paares zweier dunkelgrüner Augen.