Redeanalyse mit einem Profi - Gespräch mit Martin Kothé

Der Journalist Martin Kothé ist insbesondere als Pressesprecher und Redenschreiber des damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler bekannt. Am 09. März 2015 hatten wir, der Grundkurs Deutsch bei Frau Seite, die Chance, uns mit ihm über seine Arbeit als Redenschreiber zu unterhalten.

Semesterthema in unserem Grundkurs Deutsch war die Analyse von politischen Reden. So traf es sich gut, dass Martin Kothé seine Bereitschaft erklärte, mit uns über seine Tätigkeit als Redenschreiber für den damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler zu sprechen.

Als Vorbereitung auf das Gespräch diente uns eine Rede von Horst Köhler aus dem Jahr 2010.  Er hielt sie anlässlich des einjährigen Gedenkens an die Opfer des Attentats von Winnenden. In unserer Redeanalyse untersuchten wir die Rede nach den Gesichtspunkten: „Erste Eindrücke“, „Struktur“ „Publikumsbezug“ und „Sprache“. Unsere Ergebnisse wollten wir in dem Gespräch  mit der Intention Kothés als Redenschreiber abgleichen.

Martin Kothé erzählte uns zunächst etwas über den Beruf des Redenschreibers. Zu dieser Tätigkeit  sei er eher zufällig gekommen. Als guter Schreiber werde man meistens zunächst Journalist oder Autor. Als Redenschreiber müsse man jedoch seine Eitelkeit hintenanstellen, da die geschriebene Rede nicht mit dem eigenen Namen, sondern mit dem eines anderen assoziiert werde. Überdies müsse man sich genau mit den Gedankengängen der Person, für die man schreibt, auskennen. So konnte er uns auch ausführlich die Rhetorik von Horst Köhler erklären. Da Horst Köhler als jüngstes von acht Kindern aufgewachsen ist und als einziger in der Familie einen Hochschulabschluss machte, ist seine Rhetorik von dem Grundsatz geprägt, dass jeder ihn verstehen soll. Diese Grundhaltung erwartete er auch von seinen Redenschreibern.

Martin Kothé konnte weitere interessante Punkte über das Schreiben einer Rede anbringen, z:B. die Tatsache, dass an fast allen Reden eine Gruppe von mindestens 6 Personen beteiligt ist.

Die in unserer Analyse formulierte Intention der Köhler-Rede konnte er bestätigen. Er ging auch auf den von uns als brisant angesehenen Aspekt der möglichen Zensur ein. Köhler sagt in seiner Rede, dass man „einen medienübergreifenden Pressekodex im Geist der Prävention“ brauche. Von Teilen unseres Kurses wurde diese These als Einschnitt in die Pressefreiheit aufgefasst. Kothé meinte dazu, dass eine intensive Berichterstattung über den Amoklauf Anreiz für weitere Täter sei. Das einzige, was ein solches „Rattenrennen“ nach einem Amoklauf verhindern könne, sei Zensur. Doch, dies betonte er ausdrücklich, sei in einem freien Rechtsstaat nicht möglich. So bliebe nur der Appell an die Vernunft der Journalisten, die Berichterstattung so allgemein und wenig detailliert wie möglich zu halten.

Zum Punkt „Struktur“ fügte er an, dass sich diese während des Arbeitsprozesses entwickle. Der Gesichtspunkt „Publikumsbezug“ ist bei Reden für Horst Köhler von besonderer Bedeutung, da dieser stets darauf achte, eine Konversation auf Augenhöhe zu führen. Beim Aspekt „Sprache“ stimmte er überwiegend unseren Analysen zu, mit der Ausnahme, dass die von uns als bewusst aufgefasste Auslassung des Wortes „Amoklauf“ tatsächlich Zufall sei.

Zum Abschluss gab er uns noch einen überraschenden Rat. Er halte den Beruf des Redenschreibers für nicht mehr zukunftsträchtig. Seiner Meinung nach sind Reden ein aussterbendes Mittel im politischen Diskurs. Reden hätten längst nicht mehr die Bedeutung von vor einhundert Jahren. Bei einer Rede, die in den Köpfen der Menschen für Jahre hängen bleibe, müssten Anlass und Zeit zusammen fallen. Dies sieht er auf Jahre hinweg nicht mehr. Heutige Reden seien nur noch für den unmittelbaren Medienkonsum am Folgetag, aber nicht mehr für die Ewigkeit.

Jannik Kremer (Jahrgangsstufe 11)