Im Fokus des ersten Semesters im Leistungskurs Deutsch stand vor allem die Exilliteratur des 20. Jahrhunderts. Zudem hat sich der Kurs auch mit moderner Migrationsliteratur beschäftigt. Neben einer Auswahl von Büchern und Gedichten wurde das Theaterstück „Schwarze Jungfrauen“ besucht und behandelt. Im Nachfolgenden wird sich mit dem Stück in Form einer Rezension auseinandergesetzt.

„Nach dem Fick ist vor dem Fick"


Eindrücke von der Inszenierung „Schwarze Jungfrauen“ im Maxim-Gorki-Theater  ;  Was kann man eigentlich überhaupt noch vom Maxim-Gorki-Theater erwarten?

Seit der 'Heerschaftsübernahme' der neuen Intendantin Shermin Langhoff ist viel passiert. Es wurde beispielsweise der Preis zum besten Theater des Jahres gewonnen, aber ob das Theater mit der neuen Leitung wirklich einen nachhaltigen Gewinn gemacht hat, ist fragwürdig, da Normalsterbliche wie ich oder die mir bekannten Theatergänger das Maxim-Gorki-Theater nur noch mit Vorsicht genießen können oder es sogar meiden. Wer wurde nun also bei der Beurteilung berücksichtigt? Was sind eigentlich die heutigen Ansprüche an ein „Theater des Jahres"? Den wirklich wichtigen Leuten scheint stumpfe Provokation jedoch zu gefallen, was den Sieg letztendlich wirklich verdient macht.

Shermin Langhoff hat dem Maxim-Gorki-Theater neben einem neuen Stil auch einige neue Theaterstücke mitgebracht. Zu diesen gehört auch das 2005 von ihr selbst in Auftrag gegebene Stück „Schwarze Jungfrauen", was laut Langhoff auf zugespitzten Interviews mit „Neomosleminnen" basiert. Literarisch umgesetzt wurde es letztendlich vom türkischstämmigen Schriftsteller Feridun Zaimoglu und Günter Senkel. Die Regie wurde von Neco Celik übernommen. Das Stück bietet Einblick in das Leben von fünf in Deutschland lebenden muslimischen Frauen, die trotz ihrer Unterschiedlichkeit alle den festen Standpunkt vertreten, sich emanzipiert zu haben und ihre neu erlangte Stärke nun ausleben zu können. Durch einen monologischen Aufbau hat sich einerseits sofort gezeigt, dass die Frauen die Geschichten unabhängig voneinander erzählen, aber auch die gewollte Abgrenzung gegen die Außenwelt und die Ansichten der westlichen Welt wurden dadurch unmissverständlich symbolisiert. Dabei haben sie direkt ins Publikum gesprochen, wobei man sich durch die schroffen und teilweise auch beleidigenden Worte eigentlich nur ausgeschlossen und angegriffen fühlen konnte. Wie ein gejagtes Tier saß man eingepfercht in seinem Sitz, immer mit der Angst, dass eine der Frauen gleich von der Bühne runterspringen könnte, um auf ihre Worte Taten folgen zu lassen. Es waren nicht Mimik, nicht Gestik, Kostüm oder Maske, die einen haben erzittern lassen, sondern allein der Inhalt. Ein Inhalt, der fast nur von Hass und Wut lebte.

Worüber man immer wieder nachdenken sollte, ist, dass dieses radikale Gedankengut von jungen Neomuslimas aus Deutschland fast genauso gedacht, gefühlt, gesagt und ausgelebt wird. Je intensiver ich darüber nachdenke, desto problematischer erscheinen mir die Aussagen der Frauen. Was war nun also wirklich so schlimm? Basierend auf dem eigenen Gefühl der Zurückgesetztheit durch Kultur, Menschen, Freunde, aber auch die eigene Familie oder sich selbst beginnen die Frauen Rache lüsternd über die westliche Kultur, die Menschen, einfach alles herzuziehen, wobei sie bei sich Dinge legitimieren, welche sie zuvor noch kritisiert haben. Trotzdem versuchen sie sich gegenüber anderen Gruppen, ach, eigentlich allen anderen Menschen abzugrenzen, um sich dem einzig wahren, dem Islam hinzugeben. Andere Religionen insbesondere aber das Christentum werden dabei gar nicht respektiert. Ihrer Leitidee folgend, verlieren sie sich in einem Wahn, den sie als Emanzipation bezeichnen, das Erlangen von Stärke. Na dann, herzlichen Glückwunsch! Wenn ich so darüber nachdenke, muss ich feststellen, dass mir diese Radikalität verdächtig bekannt vorkommt. Gestern noch hat man versucht alles gegen Homophobie oder Rassismus zu tun, heute lassen wir uns selbst diskriminieren. So erzählt eine der 'charmanten' Damen, auf einer Party von einer Lesbe angesprochen worden zu sein. Was hätte man als heterosexueller, toleranter Mensch in dieser Situation wohl alles machen können? Sehr Vieles, aber die Reaktion der Schauspielerin hat mich so tief in den Sessel gepresst, dass ich gar nicht fassen konnte, welche Worte grade erst ihren Mund verlassen hatten. Voller Ekel hat sie Sätze über die Lippen gebracht, die so erniedrigend und bloßstellend waren, dass mir nicht die richtigen Worte für eine angemessene gnadenlose Verurteilung einfallen. Eine andere von ihnen hat ihr Bild einer Schwulenorgie veranschaulicht. Mit einer solchen Selbstverständlichkeit erzählt, klang es wie ihr typisches Bild. Diese eingeschränkte Sichtweise ist natürlich auch in Anmaßungen, Verachtung und Schamlosigkeit gegipfelt. Ich finde dafür wirklich keine Worte. Zu ihrer Zielgruppe gehörten nebenbei auch noch alle "Schweinefresser" und im Allgemeinen Ausländer. Ich denke, das sollte ich jedoch unerwähnt lassen, da die ersten beiden Beispiele für sich sprechen können.

Worum geht es den Frauen eigentlich genau? Laut ihren eigenen Aussagen geht es ihnen um eine Symbiose von Sex und Islam. Sie vertreten die Meinung, dass eine Ganzkörperverhüllung ebenso wenig über die Religion aussagen kann wie freizügige Kleidung. Ach, auf einmal! Man soll sie nicht nach dem Äußeren beurteilen oder dem, was sie tun. Sie wollen ihren Sehnsüchten nachgehen, aber trotzdem ihre Gottesangehörigkeit demonstrieren. Auf unsere Kosten? So wird von ihnen der für den Islam revolutionäre Satz "Nach dem Fick ist vor dem Fick" verkündet. Hä? Keine Jungfrau mehr, mehrfach keine Jungfrau mehr, aber trotzdem urteilen wollen und über diese eine Kleinigkeit hinwegsehen. Was ist mit den Hasstiraden, Ekel, Wut oder der Verachtung gegen genau diese schnelllebige Gesellschaft? Was macht sie anders? Nichts! Die leidenschaftlichen Lobpreisungen ihres Gottes beziehen  sich nämlich nur auf das, was ihnen genehm ist. Um noch schnell einen Satz über die Wortwahl zu verlieren, ist es wichtig zu wissen, dass  der Wortschatz in diesem Sinne nicht sehr stark variiert hat. Wenn ich innerhalb von weniger als einer Stunde gefühlte 100 Mal eine Variation des  Wortes "Fick" in mein Skript schreiben würde, könnte ich auch ein wunderbares Theaterstück entwerfen. Vielleicht kommt es ja heute genau nur noch darauf an. Welchen Reiz hat Theater noch, wenn man nur um der Provokation Willen provoziert? Soviel auch zum Titel "Schwarze Jungfrauen", der nur ironisch gemeint sein kann. Auch beim Bühnenbild wurde sich etwas ganz Feines ausgedacht. Das futuristische und innovative Bild war einfach überwältigend. Auf der Bühne waren in zwei Etagen sechs Quader zu einer Box angeordnet, in der die Frauen standen. Über ihnen waren Bürodeckenleuchten angebracht, die manchmal mehr, manchmal weniger passend zum Lärm, den die Fachleute wohl Musik nennen würden, leuchten konnten. Manchmal saßen wir auch einfach im Dunkeln, aber das waren meine absoluten Highlights, weil etwas Ruhe und Frieden einkehrte. Das war aber noch nicht alles, denn es war den Frauen möglich, zwischen den Kästen zu wechseln. Damit sollte gezeigt werden, dass nicht nur der Inhalt teilweise totaler Schwachsinn war, sondern auch die Kistenkonstruktion. Diese Wechsel haben keinen Sinn ergeben, sondern sollten nur etwas Schwung in das Sprechtheater ohne jegliche Dynamik bringen. Da würde jetzt bestimmt in Fachkreisen die Rede von 'minimalistischer Eleganz' sein.

Ich würde jetzt gerne meine Aussage revidieren, die Momente im Dunkeln seien mir die Liebsten gewesen, denn auch diese wurden gnadenlos zerstört. Aus Krankheitsgründen konnte eine der Darstellerinnen nicht spielen, sodass eine andere, natürlich ohne jegliche Kenntnis vom Text oder dem genauen Ablauf, mit einer Taschenlampe bewaffnet ihren Part übernehmen musste. In meinen ruhigen Momenten hörte man dann im Hintergrund ewiges blättern im Text. Dass sie wohl nicht erste Wahl für die Besetzung war, konnte man nach den ersten Sekunden bereits erahnen, da ihr Sprechgestus durch einen Sprachfehler so dermaßen nervig war, dass ich mich nicht mal mehr im Ansatz an den Inhalt ihrer Monologe erinnere. Augen auf bei der Berufswahl! An dieser Stelle möchte ich jedoch zum ersten Mal ein wirklich ernst gemeintes Lob an den Rest der Schauspielerinnen richten, die ihre Rollen mit einer großen Überzeugungskraft gespielt haben. Den Charakteren wurde durch sie bei diesem doch sehr erschreckenden Thema Leichtigkeit verliehen, die das Stück dann doch noch erträglich machte. Ebenso positiv überraschend waren Kostüm und Maske. Gegen alle Erwartungen hat sich niemand nackt zur Schau gestellt. Zu Beginn noch mit Burka bekleidet, hatten sie nach dem Fallenlassen der Hüllen komplett hautfarbende Kleidung an, eine Glatze und dominantes Make-up, funktional und ästhetisch ansprechend. Dieser ist jedoch auch der einzige Punkt, der dem Stück gut zuzuschreiben ist. Auch die Idee der Darstellung des Weltbildes von Muslimas ist nicht grundsätzlich zu kritisieren, aber die dramatisch überspitzte Darstellung könnte andere Mädchen oder Frauen zu einem Nachdenken über dieses Thema veranlassen, jedoch mit der Konklusion, diesen Ansichten zuzustimmen.

Das Stück "Schwarze Jungfrauen" ist hochproblematisch und vermittelt vollkommen falsche Werte des Islams, weshalb es eindeutig nicht zu empfehlen ist. Überrascht hat es mich aufgrund der Entwicklung des Maxim-Gorki-Theaters jedoch nicht wirklich. Den interviewten Frauen sollte man dringendst mit auf den Weg geben, dass Dominanz und Stärke nicht mit Emanzipation gleichzusetzen sind.

Lisa H., 11. Jg.