90 Minuten Mittelalter - Eine musikalische Reise

Eigentlich ist es ein ganz normaler Montagmorgen, doch statt unserer Lehrer stehen heute Hans Hegner und Cosima Hoffmann vor uns, den Schülerinnen und Schülern der Deutschgrundkurse im ersten Semester. Ihre Kleidung mutet merkwürdig an: Sie ähnelt der, die man aus Filmen, die im Mittelalter spielen, kennt. Schnell wird es still in der Mediothek und die beiden beginnen zu singen. Sie singen in einer fremden Sprache und auch die Instrumente sind uns unbekannt. Aber genau deshalb sind die beiden hier: um uns die Welt der Lyrik und der Musik des Mittelalters näher zu bringen.

„Minnesang“, so heißt der in mittelhochdeutscher Sprache verfasste Gesang aus dem Mittelalter, in dessen Mittelpunkt die Liebe steht. „Nichts Besonderes. Liebeslieder kennt doch jeder!“, denken wir. Irrtum! Damals war es nämlich unüblich über Themen, die die Menschen im Alltag berühren, zu singen, erzählt Hans Hegner. Und genau deshalb war der Minnesang etwas völlig Neues. Außerdem folgte der Minnesang häufig einem speziellen Muster, so Hegner: Ein sehr hartnäckiger Ritter betet eine edle Dame an – und wird immer wieder abgewiesen.

Wir erfahren, diese Form der Lyrik ursprünglich aus dem Süden Frankreichs stammte, dann folgt schon ein neues Lied. Vorgetragen wird ein mittelalterliches Heldenepos. Nach vier Strophen erklärt Herr Hegner: „Das Nibelungenlied hat eigentlich 2400 Strophen“. Ein bisschen irritiert schauen wir ihn an, denn eigentlich hat niemand damit gerechnet, noch 2396 weitere Strophen zu hören. Aber dann fügt er schnell hinzu, dass der Vortrag des vollständigen Textes zu lange dauern würde.

Während er weiter erzählt, unterstützt er seine Worte mit einem stetig gleich bleibenden Ton. Allein die Tonhöhe scheint zu variierten. „ Immer die gleiche Leier!“, sagt er und ja, genau so kommt es uns auch vor. Aber warum eigentlich Leier? Natürlich, das Instrument, das er spielt und das immer gleich klingt, das ist eine Leier, genauer gesagt eine Drehleier. Daher kommt also diese bekannte Redewendung!

Nach einer Zeit ergreift er ein neues Instrument, genau wie Cosima Hoffmann. Diese beiden Instrumente kommen uns nun schon ein bisschen bekannter vor und tatsächlich: Nun haben wir es mit dem Vorläufer der Oboe und des Dudelsacks, der Schalmei, zu tun. Nach einigen Intonationsschwierigkeiten, wird uns schnell klar, warum die Instrumente über den Lauf der Zeit verändert wurden. 90 Minuten später stehen Hans Hegner und Cosima Hoffmann immer noch vor uns. Allerdings singen sie nun nicht mehr auf Mittelhochdeutsch, sondern fragen uns auf Hochdeutsch, ob wir noch Fragen haben. Wir sind aus dem Mittelalter wieder in der heutigen Zeit angelangt und nach dieser Reise um eine interessante Erfahrung reicher.    

07.09.2015 ;  von Josefina  Leisle und Ole Köhler