Nackt in des Vaters Schoß - Schillers „Die Räuber“ im Berliner Ensemble

Leander Haußmanns Abschied von der Bühne eine Neuinszenierung von Schillers „ Die Räuber“. Eine moderne Auslegung vom Debüts Schillers, doch auch gelungen?

Der Gesang der Räuber erfüllte den Saal und schon bei der Platzsuche erfasste einen selbst das Hochgefühl der ungestümen jungen Herren auf der Bühne. Mit einem zwinkernden Auge ist über die teils sehr hohen Stimmen der Räuber hinweg zu sehen. Kampfeslustiger wirkte die Bühne mit schwebenden Eisenstangen und Müll, fing sie das Bild des Räubers, eines rauen, grobschlächtigen Mannes, in ihrer Gestaltung ein.

Haußmann verlangt seinen Darstellern alles ab. Von Anfang an wird gebrüllt und geschrien und die Darsteller geben alles, um ihren Figuren Charakter zu verleihen. Bewundernswert, wäre da nicht das asthmatische Lachen des Franzdarstellers, welches die Intensität der ersten Szene teilweise lächerlich und aufgesetzt erscheinen lässt.

Als große Fehlentscheidung erweist sich der Einsatz eines großen Ventilators, der dröhnend den Brief aus Franzens Hand wehte. Denn ein Sinn war hinter diesem einfallslosen Auflockerungsversuch der Dramatik in Schillers Sprache nicht erkennbar. Stattdessen wundert man sich, ob es beabsichtigt war, dass man das Bühnenpersonal hockend hinter den Streben des Ventilators erkennen konnte.

Umso kraftvoller ist der erste Auftritt der Räuber, zu diesem Zeitpunkt noch Studenten. Rauheit, Freiheit und das Wilde der Räuber findet Ausdruck in der Zerlegung der Bühne in ihre Teile: Der Tisch wird von der Bühne gestoßen, Dinge werden geworfen und die erste Reihe der  Publikumsplätze um zwei Stühle rabiat verkürzt. Was dann jedoch folgt, hat mit Ästhetik und Moderne nichts gemein. Haußmann entschließt sich zu einer Collage aus englischen Passagen, gemischt mit sächsischem Dialekt und verzerrten Stimmen, um die Gründung der Räuberbande zu inszenieren. Die deutsche Textfassung rast im Hintergrund, für das Auge zu schnell, auf einer Leuchtdiodenwand dahin, was unpassend in Bezug  auf die Entstehungszeit des Stückes und die Funktionalität der von Schiller gewählten Worte ist. Durch die Modernität wurde diese Schlüsselstelle des Dramas verquer und lächerlich dargestellt. Als die Räuber dann noch anfangen, vor dem Ventilator stehend, Klopapier ins Publikum zu schleudern, ist es um die Authentizität, um den Realismus und um die Güte des Werkes geschehen. Erleichterung bringt erst der Aufbruch der Räuber in die Wälder. Hier muss man den Grafikdesignern zu Gute halten, dass die Räuber auf der Leinwand dank eines Videos handlungsgetreu im Wald verschwinden.

Die  Mentalität des Franz einzufangen, gelingt Haußmann im Gegensatz zur Darstellung der Räuber gut. Nackt kuschelt dieser sich an den Vater, den er glaubt, umgebracht zu haben. Die Metaphorik des In-Des-Vaters-Schoß-Zurückkehrens und die Nacktheit zur Darstellung von Wahn, Reue und Verbundenheit nutzt Haußmann, um die Situation zu verbildlichen, um das Innerste der Figur szenisch darzulegen. Erwähnenswert ist hier die Darstellung von Franz durch Matthias Mosbach, der ohne Scham auf der Bühne spielt und brüllt und weint, sodass man mit der Figur Franz fühlt, dass man sie nehmen und verstehen kann. Auch die übersteigerte Darstellung des Tötungsaktes durch Verbrennen und das mehrmalige Auferstehen des Vaters, sei es im Leichensack oder im Bett, wo er den Sohn in anklagender Umarmung gefangen hält, gelingen hier und geben dem Stück, der Verkörperung menschlicher Abgründe, eine spürbare Atmosphäre.

Die zweite Hälfte des Stückes beeindruckt durch Ernsthaftigkeit und Gewalt. Schonungslos lässt Haußmann die Räuber lachen, wenn einer von seinen Morden erzählt, er lässt sie Gräueltaten üben, ohne je die Gruppendynamik zu vergessen. Groß sind diese Momente brüderlicher Verbundenheit dargestellt. So muss der Priester, der dies in Frage stellt, brennen. Auch hier wird die Tat durch eine Videoinstallation visuell beeindruckend weitergeführt. Der zusätzliche Bühnenvorhang fällt, heruntergerissen, und die Räuber fliehen durch die Logen.

Aber auch die andere Seite abseits der Räuberbande verliert Haußmann nicht aus den Augen. Die von Schiller nicht sehr kraftvoll darstellte Amalie, ist vor Haußmann eine Frau der Emanzipation, die nicht gehorcht, sondern Worte wie Gift ausspuckt und ihren Unmut Franz spüren lässt. Sie beißt ihn und er blutet, sie stößt ihn weg und ist dabei um ein Vielfaches stärker als die männliche Impulsivität. An dieser Stelle ist die Moderne eine gelungene Steigerung der Figurencharakterisierung, welche dem überzeugenden Schauspiel Antonia Bills zu verdanken ist.

Der Showdown am Ende ist eine Klimax an Gewalt. Vordergründig an der Bühne steht Karl und befiehlt seinen Räubern den eigenen Bruder zu töten. Daneben vergeht sich Franz an Amalia und entblößt sie, stöhnt und schreit. Gesteigert wird dieses Bild der Gewalt durch die Folter der Amalia durch das Drücken ihres Kopfes ins Wasser und der Ermordung Spiegelbergs durch die anderen Räuber.

Das Ende stellt das Ende dieser Klimax dar. Durch die Opferung Amalias entsetzt, gibt Karl auf, doch nicht leise, sondern laut, wie es einem Räuber gebührt.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Inszenierung nichts für jedermann ist. Man muss offen sein für Gewalt und Moderne. Trotz der enttäuschenden ersten Hälfte der Inszenierung ist das Stück ein Erlebnis und und zum Ende hin sehr sehenswert. Haußmann ist ein gelungener Abschied von der Bühne mit diesem Stück gelungen.

Lena, Klasse 10b