Die Gewinner*innen des Schreibwettbewerbs 2026

An unserem diesjährigen Schreibwettbewerb zum Thema „Die Wahrheit hat viele Gesichter“, in Form von Kurzgeschichten nahmen über vierzig Schüler*innen der Klassenstufen 5 – 11 teil. Besonders engagierten sich dabei die die Klassen 8 bis 10 sowie die Jahrgangsstufe 11.

Wir danken allen Schüler*innen für die vielen unterschiedlichen, kreativen und originellen, teilweise spannenden, besonders aber auch berührenden Texte sowie allen Lehrer*innen, die deren Entstehung im Unterricht angeregt und begleitet haben. Allen Geschichten gemein sind überraschende Wendungen, ein ganz eigener und lebendiger Schreibstil und ein sehr oft zum Nachdenken anregendes Ende, wodurch die Lektüre der Geschichten allen Jurymitgliedern viel literarische Freude bereitet hat.

Der Schreibwettbewerb wurde vollständig von den beiden Leistungskursen Deutsch der Jahrgangsstufe 11 entworfen, geleitet und juriert. Wir danken allen Schüler*innen der Leistungskurse für ihr Engagement und ihre wachen und klugen Entscheidungen.

Unten können die Platzierungen in den einzelnen Klassenstufen, die prämierten Kurzgeschichten und die Begründungen der Jury nachgelesen werden.

Wir wünschen uns allen entspannende Sommerferien und viele interessante Erlebnisse, die vielleicht auch zum (kreativen) Schreiben anregen!

Für den Fachbereich Deutsch: Sandrine Kuntzag

Gewinner*innen des Schreibwettbewerbs 2026:

 

Klassen 5 - 6:

 

1. „Verhängnisvolle Wahrheit“ von Thedora S.

 

Die Kurzgeschichte „Verhängnisvolle Wahrheit“ hat uns aus mehreren Gründen besonders überzeugt: Der unmittelbare Beginn der Geschichte - die Erzählerin Linda sitzt voller Sorge nach dem schweren Unfall ihrer Schwester im Wartezimmer eines Krankenhauses und wartet auf die Nachricht der Ärztinnen – baut direkt einen Spannungsbogen auf, der bis hin zum offenen Ende aufrecht erhalten bleibt, sodass sich die Leser*innen bis zum Schluss und darüber hinaus fragen: Was geschah tatsächlich im Kletterpark? Die Frage nach der Schuld wird hier mit dem Aspekt des großen Glücks im Unglück auf interessante und sehr lesenswerte Weise verknüpft.

 

 

Klassen 7 - 8:

 

1. „Der gelbe Regenschirm“ von Ellie B.

Die Geschichte „Der gelbe Regenschirm“ hat uns sehr gut gefallen, da sie das Thema des Wettbewerbes auf besondere Art trifft und dabei alle Merkmale einer Kurzgeschichte sehr gut umsetzt. Vor allem die Wandlung der zunächst konfliktreichen Situation am Beginn der Geschichte – die Hauptfigur Lena ist genervt von ihrem ungeliebten Nachbarn, der sich am Ende ungeahnt als jemand lang Ersehntes entpuppt – überzeugt vollends. Die Frage, ob Edward, der penetrante Nachbar, wusste, dass Lena seine Bekanntschaft ist, regte lebhafte Diskussionen bei der Jury an und die überraschende Enthüllung durch Dackel und Regenschirm lässt einen immer noch schmunzeln.

 

2. „Hinter den Masken“ von Maya R.

Bei der Kurzgeschichte „Hinter den Masken“ von Maya R. hat uns besonders der Schreibstil sehr gut gefallen, der einem das Geschehen sehr lebhaft vor Augen führt. Der Titel hat uns zudem sehr überzeugt, ist Interesse weckend und hat einen tollen Bezug zum Plakat des Schreibwettbewerbs. Außerdem ist das Ende extrem offen gehalten, was der Leserin viel Raum zum Weiterrätseln lässt. Spannung wird durch einen Mordfall, der gleichzeitig der überraschende Wendepunkt ist, in besonderem Maße erzeugt. Doch das Motiv für den Mord wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben…

 

3. „Die Vergangenheit stirbt nie“ von Fares S. und Paul L.

Besonders gut gefällt uns an der Geschichte von Fares und Paul, dass das Thema des Wettbewerbs auf eine originelle Art und Weise interpretiert wird, indem die Rolle des Protagonisten in einer Mordszenerie bis zum Ende ungeklärt bleibt und sich erst in einem spannungsvollen Abschluss auflöst, da eine alternative Wahrheit präsentiert wird. Außerdem hat uns der Schreibstil mit kurzen, prägnanten Sätzen, die Klarheit und Unmittelbarkeit vermitteln, aber auf der anderen Seite auch die absichtlich gestiftete Verwirrung zu Beginn unterstützen, besonders überzeugt. Abschließend ist uns noch positiv aufgefallen, dass man den Protagonisten erst nach und nach während des Lesens der Geschichte richtig kennenlernt, indem beispielsweise die Namen seiner Familienmitglieder erst spät erwähnt werden, und man so seine Perspektive leicht einnehmen kann. So wird trotz der ausgefallenen Situation eine fast alltägliche Nähe zu ihm hergestellt.

 

 

Klassen 9 - 10:

1. „Das Tagebuch“ von Neda M.

Die Kurzgeschichte „Das Tagebuch“ kann durch einen leicht verständlich geschriebenen Schreibstil überzeugen. Obwohl für die meisten Leser*innen weit entfernte Themen wie Krieg, Flucht, Verdrängung von Erinnerungen und Leid vorkommen, schafft es die Autorin, eine gewisse Nähe und Mitgefühl herzustellen. Man kann die Schwere der Gedanken Jovans förmlich spüren und ist hautnah dabei, wie er mit sich ringt, das Richtige zu tun. So kann man sich sehr gut dem moralischen Dilemma der Hauptfigur Jovan, das Tagebuch eines Fremden zu verkaufen und seine finanziell schlechte Situation zu verbessern oder es der Tochter des Fremden zu übergeben, stellen und mitfiebern. Die Kurzgeschichte lädt zur eigenen moralischen Entscheidungsfindung ein („Wie hätte ich gehandelt?“).

 

2. (ohne Titel) von Mihaly H.

Mihalys Geschichte hat uns gut gefallen, weil darin das Thema des Schreibwettbewerbs auf besondere Weise getroffen wurde: Viele verschiedene Zeugenaussagen erfassen durch ihre Bruchstückhaftigkeit schlussendlich alle nicht die ganze Wahrheit zum Hergang eines Unfalls. Durch diese Vielfältigkeit der Versionen dieses Unfalls werden die Leser*innen direkt mit auf eine packende Gedankenreise genommen. Auch das offen gehaltene Ende hat viel Raum zum Nach-denken gelassen, sodass man unbedingt wissen möchte, wie es weitergeht!

 

3. „Der Mann, den ich Opa nannte“ von Frida B.

Diese Kurzgeschichte zieht den Leser besonders in den Bann, weil er sich mit dem schwierigen Thema einer möglichen NS-Vergangenheit naher Familienmitglieder beschäftigt. Gemeinsam mit der Erzählerin enthüllen wir auf dem Dachboden das Geheimnis des Großvaters. Eine Situation, die uns allen genauso hätte passieren können, und damit sehr ergreifend und hochaktuell. Auch sprachlich gelingt es der Autorin, detailliert und genau die Situation zu erfassen und somit den Lesenden ganz tief in die Abgründe einer Familie hineinzuziehen – auch der Titel verspricht diesbezüglich schon viel!

 

Jahrgangsstufe 11

1. „Der Fall“ von Helena P.

Die Kurzgeschichte „Der Fall“ kann durch einen besonders leserlichen Schreibstil überzeugen. Die Anordnung der einzelnen Passagen ähneln einem Tagebuch, was es dem Leser erleichtert, in die Geschichte einzutauchen. Die Autorin schafft es, die Spannung des Kriminalfalls über die Kurzgeschichte hinweg zu halten und entlässt den Lesenden mit einem offenen, aber klaren Ende, bei dem dazu eingeladen wird, über einen möglichen Ausgang der Geschichte nachzudenken. Zudem kann die Kurzgeschichte mit vielen Details und den ansprechenden Charakteren überzeugen.

 

2. „Warum die Wahrheit nicht alles ist...“ von Jolanthe B.

Die Kurzgeschichte „Warum die Wahrheit nicht alles ist“ lässt die Leser*innen nachdenken und an einigen Stellen spekulieren, wie die Geschichte weitergeht bzw. was sich hinter dem bisher Erzähltem verbirgt. Durch den Plot-Twist im letzten Teil der Geschichte lässt die Autorin offenbaren, wie unterschiedlich Trauer und Verlust auf jeden Menschen wirken können. Hierbei wird der emotionale Umgang mit Trauer der Hauptfigur Emilie überzeugend dargestellt. Durchweg gelingt es Jolanthe eine bestimmte Atmosphäre der Stille und Dunkelheit zu schaffen.

 

3. „Das Urteil“ von Emily H.

Die Kurzgeschichte „Urteil“ kann durch eine lebhafte Erzählweise überzeugen. Die Autorin verwendet bewusst eine Ich-Erzählung, um genauen Einblick in die Gedanken, Gefühle und auch Selbstzweifel der Hauptfigur zu geben. Besonders gelungen ist die Verbindung der äußeren Gegebenheiten mit den Geschehnissen der Geschichte. So schafft es Emily, das Wetter als Verstärker der Stimmung der Kurzgeschichte überzeugend zu nutzen. Wie in vielen Krimis üblich gibt es auch hier am Ende einen Plot-Twist, der überzeugend dargestellt wird.

 

 

Und hier die Gewinner*innengeschichten:

„Verhängnisvolle Wahrheit“ von Thedora S., 5b

Sie fühlte den rauen Stoff des Wartestuhls. Im Moment war ihr sowieso alles egal, dass sie ihr Training verpassen würde, dass sie ihre Hausaufgaben noch nicht gemacht hatte, dass sie ein Loch in der Hose hatte. Doch eine Sache war ihr überhaupt nicht egal! Nervös pulte sie am Loch in ihrer Hose herum. Es wurde immer größer so wie die Sorge, die sie allmählich zu verschlucken drohte.

„Linda! Linda!“ Sie schrak aus ihren Gedanken hoch und schaute auf. Ihre Mutter wischte sich erneut Tränen aus dem Gesicht. „Linda, wir können jetzt zu ihr.“ Sie betraten einen schlichten Raum. Dort lag sie. Sophie. Sophie hatte die Augen geschlossen. Lindas Herz pochte wie wild. War Sophie tot? Was würde dann mit Linda passieren? Schließlich war sie an Sophies Unfall schuld! Aber das durfte niemand jemals erfahren!

„Was ist mit ihr?“ „Ihr rechter Unterarm ist gebrochen! Doch wir müssen noch einen MRT machen, um nach dem Sturz eine Beschädigung der Wirbelsäule auszuschließen.“, sagte die Ärztin. „Wie konnte das passieren? Du solltest doch auf sie aufpassen!“, schrie ihre Mutter Linda an. Die Worte sickerten zu Linda durch, wie Wasser das man in der hohlen Hand halten will. Als sie hochsah, sah sie, dass ihre Mutter und die Ärztin sie fragend ansahen. Also erzählte sie stockend, was sie sich auf der Fahrt ausgedacht hatte. Diesen Text hatte sie so oft umgedichtet, bis er wenigstens ein wenig der Wahrheit entsprach.

Die nächsten 20 Minuten kamen ihr vor wie Stunden und sie wagte es kaum, zu ihrer Mutter hochzusehen. Als Sophie zurück ins Zimmer gebracht wurde, nahm ihre Mutter sie sofort in die Arme. Und wie Linda befürchtet hatte, fragte ihre Mutter Sophie: „Was machst du denn für Sachen? Ich habe mir solche Sorgen gemacht!“ Linda sog scharf den Atem ein und biss sich auf die Lippen. Zum Glück war alle Aufmerksamkeit ihrer Mutter auf Sophie gerichtet, trotzdem wollte Linda am liebsten im Erdboden versinken. „Ich und Linda waren im Kletterpark und sind geklettert.“, fing Sophie an zu erzählen. Als sie ihren Namen hörte, zuckte Linda zusammen. Sie war der festen Überzeugung, dass die Wahrheit jetzt doch ans Licht kommen würde. Zu ihrem Glück bemerkte niemand, wie nervös sie war. „Aber in den Bäumen wurde mir plötzlich schwindelig. Das ist das letzte, an das ich mich erinnere.“, erzählte Sophie weiter. Linda traute ihren Ohren kaum. Hatte Sophie für sie gelogen? Oder konnte sie sich wirklich an gar nichts mehr erinnern?

Plötzlich klopfte es an der Tür, die drei schreckten hoch. Mit ernstem Gesicht kam die Ärztin herein. „Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht.“, sagte sie. „Wir haben bei Sophies MRT einen Tumor in ihrem Gehirn entdeckt.“ Erschrocken schlug sich die Mutter die Hand vor den Mund. Linda drückte die Hand ihrer Schwester ganz fest. „Wir gehen davon aus, dass sich der Tumor gut entfernen lässt.“ Zu Sophie gewandt sagte sie: „Du kannst von Glück reden, dass wir das so früh entdeckt haben. Später wäre der Tumor vielleicht nicht mehr so leicht zu entfernen gewesen. Man könnte sagen, der Sturz hat dir das Leben gerettet.“ Linda konnte nicht fassen, was sie da hörte. Das bedeutete ja, dass sie gar nicht so viel Schuld trug. Sophie würde zwar einige Wochen einen Gips tragen und operiert werden müssen, aber wenigstens ist Sophie so Schlimmerem entkommen. Ihre Mutter streichelte Sophie übers Haar. „Dann hatte das ganze ja doch etwas Gutes.“, sagte sie sichtlich erleichtert. Auf einmal klingelte es. Die Mutter kramte ihr Handy aus der Tasche und verließ den Raum. Linda schaute zu Sophie herab. In ihrem Blick versuchte Linda zu erkennen, ob Sophie doch mehr wusste. Doch Sophie lächelte sie nur offen an. Die bedrohliche Wahrheit würde nie ans Licht kommen, da war sich Linda jetzt ganz sicher. Nach wenigen Minuten kam ihre Mutter wieder herein. „Das war der Kletterpark. Ich soll morgen vorbeikommen. Sie wollen mir erzählen, was sie beobachtet haben.“

Linda erbleichte.

 

,,Der gelbe Regenschirm“ von Ellie B., 8f

Die Glocke der Ladentür klingelt. Das erste Mal an diesem Tag. Herein kommt Miss Chatham, sie trägt das Gleiche wie jede Woche. Sie bestellt das Gleiche wie jedes mal. Blaue Lilien, mit denen geht sie jede Woche anschließend zum Friedhof. Lena redet mit ihr über das Wetter. Wie jede Woche. Sie sitzt hinterm Tresen und schlägt ihren Laptop auf. Eine neue Nachricht. Von ihm! Lena öffnet den Chat muss unwillkürlich lächeln. Sie hat ihn im Internet kennengelernt. Sie schaut sich nochmal das Profilbild mit dem gelben, an die Mauer gelehnten Regenschirm und dem süßen braunen Dackel daneben an. Sie schreiben schon seit einer Weile jetzt. Lena würde ihn so gerne in echt kennenlernen! Plötzlich wird Lena von einem lauten Geräusch aus ihren Gedanken gerissen. Vor ihrem Laden hält quietschend ein großes Auto. Heraus steigt Edward Satory, ein großer, kräftiger Mann mit Sonnenbrille. Er steuert auf Lenas Laden zu, kommt rein und begrüßt sie mit einem verschmitzten Lächeln. Sie ist genervt. Lena weiß genau warum er hier ist. Edward Satory will schon lange ihren Laden haben, als Erweiterung für sein Restaurant nebenan. Doch Lena will ihren Laden nicht verkaufen, denn sogar ihre Oma hatte in dem Laden schon gearbeitet. Gott, hasste sie diesen Mann! Lena hatte keine Kraft für eine weitere Diskussion mit ihm. Sie schiebt ihn zur Tür raus, geht mit ihm nach draußen und hängt das ,,Geschlossen“- Schild an die Tür. Lena spannt ihren blau gepunkteten Regenschirm auf und geht in Richtung nach Hause. Doch Edward gibt leider nicht so schnell auf. Lena hört Rufe hinter sich. Edward will sie einfach nicht in Ruhe lassen: „Warte Lena, bitte, du weißt genau wie viel mir die Erweiterung helfen würde!“ „Der Laden bedeutet mir wirklich viel zu viel. Du weißt die Antwort!“ sagt Lena genervt und wütend.  Lena will das nicht mehr. Diese ständigen unnötigen Diskussionen. Sie wird ihm den Laden nicht verkaufen. Dicke Regentropfen prallen auf ihren Regenschirm. Sie lässt Edward Satory stehen und diesmal ruft er ihr nicht hinterher, er weiß, dass er gerade nichts mehr tun kann. Zuhause angekommen zieht Lena erschöpft ihre Schuhe aus und schmeißt ihre Tasche in die Ecke. Sie braucht jetzt unbedingt eine Pause, aber wo ist ihr Laptop? Scheiße, den hat sie im Laden liegen gelassen. Also nochmal Schuhe anziehen, Treppen runter und loslaufen. Nach ungefähr 10 Minuten kommt sie beim Laden an. Sie öffnet die Tür und sieht ihr silbernes Macbook schon auf dem Tresen liegen, da bemerkt  sie den gelben Regenschirm, der an den Tresen gelehnt steht. Lag der vorhin schon da? Hat Miss Chatham den hier stehen lassen? Plötzlich ertönt die Ladenglocke. Es ist Edward Satory, der klatschnass mit einem braunen Dackel an der Leine in der Tür steht und sagt: ,,Sorry, den hab ich hier stehen lassen.“

 

 

„Hinter den Masken“ von Maya R., 8f

Clara öffnet die Tür zum Ballsaal in der riesigen Villa. Überall sind dekorierte Tische, Blumen und Menschen in Kostümen, Anzügen, Ballkleidern und Masken zu sehen. Es wird von dem Quartett am anderen Ende des Saals Musik gespielt und einige Menschen tanzen in der Mitte des Raums. Clara durchsucht mit den Augen die Menschenmenge und läuft dann schnell zu einem jungen Mann, einer Frau und einem älteren Herrn, die neben der Tanzfläche in ein Gespräch vertieft sind. „Hallo Ella, Hallo Henry“. Sie tauschen Blicke miteinander. Clara wendet sich dem älteren Mann zu. „Sir Matthew, danke, dass sie diese Feier veran-stalten“. Er nickt nett und entschuldigt sich. Plötzlich geht das Licht aus. Stille. Doch dann ertönt ein Schrei – ein Schmerzensschrei! Das Licht erleuchtet wieder und alle staunen, denn in der Mitte des Raums liegt eine Person in einer Blutlache. Es ist Sir Matthew. Schreie, Panik und Flüstern unter den Gästen: „Was ist passiert?“; „Wer hat das getan?“. Kurz danach taucht der Inspektor auf, ein ernster Blick auf seinem Gesicht. „Ruhe, alle beisammen! Dies ist eine Tragödie, doch ich werde alles tun, um den Täter zu entdecken.“ Claras Kopf ist gesenkt, Hände hinter dem Rücken und ein düsterer Blick auf ihrem Gesicht. Der Inspektor kommt bald auch bei Clara, Ella und Henry an und fragt sie, was sie gesehen und gehört haben. Henry schaut nervös zu Ella. „Wir haben nichts gesehen. Es war ja stockdunkel. Gehört haben wir auch nichts. Bis der Schrei ertönte, dieser grauenhafte Schrei.“ Ella legt eine Hand auf Henrys Schulter. „Es ist einfach alles so schrecklich.“ Clara bleibt das Gespräch über ruhig und erwidert nur mit einem kurzen „Ja, genau.“. Der Inspektor schaut sie mit zusammengekniffen Augen etwas länger an. Jedoch verlässt das Misstrauen schnell wieder sein Gesicht, nachdem die drei Freunde ihm ein nettes Lächeln schenken. „Ich kenn euch drei schon so lange und weiß, was ihr durchgemacht habt.“ Er schaut Clara bedeutungsvoll an. „Es tut mir leid, dass ihr das erleben musstet, aber ich werde, wie versprochen, den Täter finden.“ Er dreht sich um und will loslaufen, als er stoppt und Clara traurig anlächelt. „Wenn du irgendwann über deine Mutter reden willst, kannst du das immer tun. Dieser Abend muss bestimmt einige schlechte Erinnerungen wecken.“ Clara kommen die Tränen in den Augen. „Dankeschön!“ sagt sie. Bald verlassen die Freunde die Villa. Ein starkes Gewitter tobt draußen. Sie laufen ganz durchnässt die dunkle Straße herunter. Ella fragt besorgt: „Was haben wir nur getan?“ Clara lächelt nur und seufzt erleichtert. „Er hat es verdient, für das was er meiner Mutter angetan hat.“ Sie verschwinden in der Nacht.

 

 

„Die Vergangenheit stirbt nie“ von Fares S. und Paul L., 8f

Die Tür steht einen Spalt offen. Ich bleibe auf der Schwelle stehen und starre in den Raum. Die Wände sind aus mattem Beton, der das Licht schluckt, statt es zu reflektieren. Nur an einer Seite zieht sich eine durchgehende Glasfront entlang. Die Blutspritzer wirken wie rote Wolken. Sie schweben über der vom Abendrot beleuchteten Stadt im Hintergrund. In der Mitte des Raumes liegt noch immer die leblose, blutüberströmte Person.

Für einen Moment höre ich nur meinen Atem. Immer wieder denke ich, ich hätte mich daran gewöhnt. An die Stille. An das Gefühl, wenn die Zeit plötzlich langsamer wird. Aber das stimmt nicht. Ich trete näher.

Der Mann bewegt sich nicht. Seine Augen sind geschlossen, als würde er schlafen. Nur die seltsame Kälte im Raum verrät, dass hier nichts mehr gut werden kann. Warum trifft es immer die Falschen? Meine Hände zittern. Ich balle sie zu Fäusten. Nicht jetzt, Michael. Reiß dich zusammen.

So war es damals auch. Die Wohnung war hell gewesen, draußen hatten Kinder gespielt. Ich war zu spät nach Hause gekommen. Zu spät für alles.

Anna. Noch heute kann ich ihren Namen kaum hören, ohne dass mir die Luft wegbleibt. Sie lag im Wohnzimmer, und ich stand einfach nur da. Unfähig, zu schreien. Damals schwor ich mir, nie wieder so hilflos zu sein. Und trotzdem bin ich es. Jeden Abend. Wenn ich die Wohnung aufschließe und niemand „Papa!“ ruft.

Jonas ist inzwischen 12. Mia 9. Sie wohnen bei meinen Eltern. „Nur vorübergehend“, hatte ich gesagt. Das ist drei Jahre her. Zu viel Arbeit. Zu viele schlaflose Nächte. Zu viele Erinnerungen. Meine Mutter schickt manchmal Fotos. Jonas beim Fußball. Mia mit einer Zahnlücke und einem selbstgemalten Bild in der Hand. Ich lege die Fotos in eine Schublade. Weil ich es nicht ertrage. Was für ein Mensch macht so etwas? Was für ein Mensch steht immer wieder vor Toten und hofft, irgendwann weniger zu fühlen?

Ich sehe auf den Mann vor mir hinunter. Vielleicht hatte er auch Kinder. Vielleicht wartet jemand auf ihn. Vielleicht hat er heute Morgen noch gedacht, dass alles gut wird. Ich schlucke. Die Vergangenheit klebt an mir wie ein nasser Mantel. Egal, wie schnell ich laufe, sie holt mich ein. Manchmal frage ich mich, ob Anna stolz auf mich wäre. Oder enttäuscht. Weil ich die Kinder nicht selbst großziehe. Weil ich ständig weg bin. Weil ich immer noch nicht gelernt habe, loszulassen. Ich knie mich hin und betrachte das Gesicht des Mannes. Fremd. Und doch kommt mir jeder Tote bekannt vor. Jeder erinnert mich an sie. An diesen einen Tag. An den Augenblick, in dem mein altes Leben endete. Hinter mir knarren Schritte. „Michael?“ Ich drehe mich um. Ein junger Kollege steht in der Tür und sieht mich fragend an.  „Die Spurensicherung ist da“, sagt er leise. „Sollen wir anfangen, Herr Kommissar?“ Ich atme tief ein. Dann werfe ich dem Toten einen letzten Blick zu, richte mich auf und nicke. „Ja“, sage ich. „Diesmal finden wir den Mörder.“

 

 

 

„Der Mann, den ich Opa nannte“ von Frida B., 9a

Mein Opa starb vor 5 Jahren. Ich liebte ihn innig und war sehr traurig, als er schließlich im hohen Alter von uns ging. Doch was ich eines Tages auf dem Dachboden fand, änderte alles.

Der eigentliche Grund, warum ich dort hoch ging war, dass ich nach meiner Kindheitskiste suchte. So eine, wo jedes Kind früher seine kleinen Schätze gesammelt hat. Ich durchstöberte die Kiste und stieß dabei auf einige alte Fotos und Briefe. Es waren Kinder- und Familienfotos von meinem Opa. Das war erstmal nichts ungewöhnliches. Wir hatten im Wohnzimmer mehrere Alben mit alten Familienfotos aus der Zeit meines Opas. Normalerweise hätte ich mich darüber gefreut, Fotos zu finden. Ich liebte es, mir alte Fotos anzugucken und mir Geschichten dazu auszudenken. Aber, was ich da sah ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Mein Opa in Uniform, Adolf Hitler die Hand schüttelnd, mit einem freudigen Ausdruck im Gesicht! Daneben lagen Briefe, vermutlich von Verwandten, die ihre Glückwünsche zum Eintritt in die Partei aussprachen. Sie schrieben, wie sehr sie sich für ihn freuten, dass er diesen Schritt endlich gewagt hatte und, dass das Glück nun wieder auf seiner Seite wäre.

Mein lieber, lustiger, herzlicher Opa, der keiner Fliege etwas zu Leide tat, sollte ein Nazi gewesen sein? Wie konnte das nur sein? Kann man sich so in einem Menschen täuschen? Mein gesamtes Leben wusste ich nichts davon. Niemand hatte mir auch nur eine Kleinigkeit gesagt. Wäre es nicht mein Recht gewesen, es zu erfahren? Zu wissen, wer mein Opa wirklich war.

Aber ich brauchte erstmal ein paar Tage, um zu verarbeiten, was ich dort oben auf dem Dachboden erfahren hatte. Nachts quälten mich die Fragen. Ich versuchte mir einzureden, dass er sicherlich nichts Schlimmes getan hatte und nur aus einer Notsituation heraus in die Partei eingetreten war. Ich versuchte es mir schönzureden, doch letztendlich kamen die zermürbenden Fragen immer wieder zurück und ich entschloss mich schließlich, die Fragen zu stellen, die mir im Kopf herumschwirrten.

Ich entschied, zu meiner Mutter zu gehen. Sie war schließlich die Tochter meines Opas. Sie stand gerade in der Küche und machte den Abwasch. Ich kam hinein und fragte zögerlich: „Mama?“ Meine Mutter drehte sich lächelnd, noch mit einem Teller in der Hand um und antwortete: „Ja, Schätzchen. Was ist denn?“ „Du, Mama, ich habe doch letztens meine Schatzbox von früher auf dem Dachboden gesucht. Erinnerst du dich noch daran?“,erwiderte ich. Meine Mutter sagte daraufhin: „ Natürlich. Hast du sie eigentlich gefunden? Ich hatte gar keine Gelegenheit mehr nachzufragen. Du warst so wenig da.“ „Die Box habe ich nicht gefunden, aber dafür etwas anderes.“,antwortete ich zögerlich. „Was denn?“, fragte sie. Ich rückte nun mit der Sprache heraus: „Ich habe alte Fotos und Briefe von Opa gefunden.“ Ich atmete noch einmal tief ein und sprach weiter: „Ich habe herausgefunden, dass Opa ein Nazi war.“

Das Gesicht meiner Mutter wurde kalkweiß und wie in Zeitlupe rutschte ihr der Teller aus der Hand. Er zerschellte auf dem Boden. Das Geräusch holte meine Mutter in die Realität zurück. Mein Vater rief aus dem Wohnzimmer, ob alles in Ordnung sei. Meine Mutter antwortete mit überraschend fester Stimme, dass alles in Ordnung sei und ihr nur ein Teller hinuntergefallen wäre. Plötzlich griff meine Mutter erstaunlich fest nach meinem Arm und zog mich in die kleine Vorratskammer neben der Küche. Sie schloss die Tür behutsam und schaltete das Licht an. Ich schaute sie verwirrt an und fragte, was das solle. Sie antwortete mir in einem lauten Flüsterton: „Erwähne das nie wieder und besonders nicht vor deinem Vater. Das ist ein dunkler Fleck in unserer Familiengeschichte, über den wir nie reden.“

Ich fragte verwirrt: „Aber warum nicht? Und warum soll ich es gerade nicht vor Papa erwähnen?“ Sie erwiderte bloß: „Wie ,glaubst du, reagieren andere Leute darauf, wenn du erzählst, dass dein Vater oder in deinem Fall Großvater ein Nazi war? Sie reagieren definitiv nicht gut und distanzieren sich von dir. Aus diesem Grund habe ich es deinem Vater auch nie erzählt. Die Familie behält Stillschweigen über diese unangenehme Angelegenheit. Und warum sollte man es dann weitererzählen, mit der Gefahr, dass es am Ende noch bekannt wird und man selbst ruiniert ist?“ „Warum hast du es mir nicht wenigstens erzählt? Ich bin deine Tochter!“, erwiderte ich. „Warum sollte ich dich damit belasten? Es ist angenehmer für dich, wenn du so wenig wie möglich darüber weißt. Außerdem ist es gut, wenn dieses dunkle Kapitel vergessen wird“, war die Antwort meiner Mutter.

Ich antwortete zornig: „Aber es ist mein Recht es zu erfahren! Es ist die Geschichte meiner Familie und auch, wenn es ein dunkler Teil ist, sollten wir ihn nicht einfach vergessen, sondern Verantwortung übernehmen!“

 

„Schätzchen, bitte reg dich nicht auf. Du hast recht. Ich hätte es dir erzählen sollen, aber du verstehst nicht, wie die Vergangenheit deiner Familie dein Leben beeinflussen kann. Ich habe meine Erfahrungen gemacht.“, sagte meine Mutter ruhig. Ich beruhigte mich wieder etwas und fragte: „Was für ein Mensch war Opa wirklich? Welche Schuld hat er als Nazi auf sich genommen?“

Meine Mutter fragte mich, ob ich das wirklich wissen wolle. Ich antwortete, dass ich es wissen müsse. Sie nickte nur, atmete tief ein und begann: „Vater trat der NSDAP nicht nur auf Grund seiner Überzeugungen bei. Die Familie war in großer Geldnot und stand kurz vor dem Ruin. Wie du sicherlich weißt, besaß er einen Kaufmannsladen. Die Weltwirtschaftskrise überlebte der Laden nur knapp. Doch danach ging es nicht gerade bergauf. Die Bevölkerung war sehr sparsam und durch die großen Kaufhäuser entstand große Konkurrenz. Auf Grund unserer wirtschaftlichen Probleme trat dein Großvater in die Partei ein. Es war damals weder etwas Ungewöhnliches noch etwas Schändliches. Die Partei half uns sehr. Wir hatten deutlich mehr Kunden und das Geschäft lief wieder. Dadurch hatten wir selbst auch wieder genug Essen und es gab sogar wieder kleine Geschenke zu den Festtagen. Weißt du, in dieser Zeit wurde das Denken von der Regierung stark beeinflusst. Gerade dadurch, dass die Regierung uns half, glaubten wir ihnen. Die Bevölkerung vertraute ihnen und Hass gegen Juden war auch nichts neues in dieser Zeit. Umso mehr man von der Propaganda mitbekam und das passierte zwangsläufig, desto überzeugter war man. Die Propaganda wurde auch stark in der Schule verbreitet. Wir wurden sie gelehrt. Man war umgeben von ihr.

Vater trat nach einiger Zeit aus Überzeugung der SS bei. Er arbeitete als Aufseher in Konzentrationslagern. Er quälte die Häftlinge, bestrafte sie und schickte sie auch in den Tod. Zu dieser Zeit war er überzeugt, das Richtige zu tun. Doch er hat Schreckliches getan. Er hat etwas getan, was man sich nie verzeihen kann. Er hat unschuldige Menschen verletzt und getötet. Auch, wenn es damals die Aufgaben eines Aufsehers in den Lagern waren, lässt es sich mit nichts rechtfertigen.“ Meiner Mutter liefen die Tränen über die Wangen. Mir wurde ganz schwer ums Herz und auch in meinen Augen sammelten sich Tränen.

Ich fragte, was danach passiert sei. Mutter fuhr fort: „ Als der Krieg letztendlich endete, war er zum Glück gerade auf Urlaub zu Hause. Er tauchte unter und da er nicht gerade bekannt oder besonders grausam war, konnte er im Chaos verschwinden. Er kam nie vor Gericht und kam ungeschoren davon. Wir zogen alle zusammen woanders hin. Vater baute sich wieder einen Kaufmannsladen auf und es lief gut. Irgendwann konnten wir dieses Haus hier kaufen. Niemand wusste hier etwas über die Vergangenheit von Vater und in ihren Augen starb er als hart arbeitender, netter, alter Mann.“

Meine Mutter beendete ihre Erzählung und innerlich war ich ganz aufgewühlt. Die Tränen meiner Mutter waren getrocknet. Sie nahm mich in den Arm, drückte mich ganz fest und verließ die Vorratskammer. Ich stand dort allein und starrte ins Leere. Nun wusste ich, wer mein Großvater war. Obwohl wusste ich das nun wirklich?

 

 

„Der Fall“ von Helena P.

Dienstag, 17:45 Uhr

Es war der Dienstag gewesen, als das Telefon klingelte. Dienstag Nachmittag, exakt um 17:45 Uhr, kurz vor meinem Dienstschluss. Es war ein völliger Zufall, dass ich diejenige war, die das Telefon abnahm. Es hätte ebensogut mein Kollege sein können, wäre er nicht 2 Minuten vorher zur Toilette geeilt, um sich zum fünften Mal an diesem Nachmittag die Hände zu waschen. Der Anruf hätte auch genauso gut zwei Stunden später oder am Mittwoch kommen können. Dann wäre nicht ich diejenige gewesen, die in die ganze Sache mit hineingezogen worden wäre. Doch er kam nunmal an dem Dienstag Nachmittag um 17:45 Uhr. Und so begann die Geschichte.

 

„Kommissarin Wellheim, Polizeipräsidium, wie kann ich helfen?“

„Ah, Wellheim, Behördenleiter Hecker hier. Hören Sie, es gab einen Vorfall.“ „Ich höre.“

„Die Kollegen von Zentrale 34 haben gestern Nacht im Ostviertel eine Leiche entdeckt. Lag am Rand vom Brosepark. Allem Anschein nach Mord. Tod durch Schussverletzung. Eine Tatwaffe wurde nicht gefunden. Ich kann mich um den Fall nicht kümmern, aber er muss so schnell wie möglich übernommen werden. Trauen Sie sich das zu?“

„Ich…ja…jawohl, Chef.“

„Gut, mein Kollege wird Ihnen die Akte mit den bisherigen Informationen zu Opfer und Verdächtigen schnellstmöglich zukommen lassen. Ich zähle auf Sie.“

Donnerstag, 13:02 Uhr

Karl Baron, 57 Jahre, Besitzer des Grand-Hotels in der Innenstadt. Tot aufgefunden in der Nacht von Montag auf Dienstag im Brosepark. 

Diese Informationen stehen neben dem Schwarz-Weiß-Foto, aus welchem mich ein Mann mit streng zurückgekämmtem hellen Haar, kurzem Schnauzbart und tiefen Falten anstarrt.  Doch auch ohne den Namen hätte ich den Mann sofort erkannt. Schließlich waren wir über 10 Jahre lang Nachbarn. Ich schlucke bei dem Gedanken. Besonders freundlich war er nie gewesen. Reich, das sehr wohl. Allerdings nur im materiellen Sinne. Im Inneren war er mir schon immer recht leer vorgekommen. Nie habe ich ihn mal ernsthaft lachen gesehen. Tja, so ist das, wenn man zu viel Geld hat, man verlernt, die Dinge wertzu-schätzen und beginnt nach einiger Zeit, immer frustrierter zu werden, weil das Ziel im Leben bereits erreicht scheint. Mir schien es immer so, als würde er seinen Frust an anderen Menschen auslassen. Hat mich immer schief angesehen, als ich bei Nachbarschaftstreffen von meiner DIS erzählt habe. Dissoziative Identitätsstörung, auch bekannt als gespaltene Persönlichkeit. Meine Freunde meinen immer, dass das total cool und mysteriös sei. Ich wurde deswegen allerdings auch schon häufig ganz anders behandelt. „Psycho,

Verrückte, Gollum“. All diese Namen musste ich mir schon so oft anhören.

Mittlerweile habe ich das Ganze aber durch viele Jahre Therapie gut unter Kontrolle bekommen. Trotzdem hielt ich es für angebracht, meinen Nachbarn davon zu erzählen, damit sie sich nicht wundern, sollte doch einmal meine andere Hälfte -Caren, wie ich sie nenne- nachts im Treppenhaus laut randalieren und ich -Maja- mich am nächsten Tag nicht mehr daran erinnern können. Caren kann manchmal etwas schwierig sein. Doch ich war bei Weitem nicht die einzige Person, die nicht gerade herzlich von Herrn Baron in die Arme geschlossen wurde. Mit seiner Frau schien er schon seit längerer Zeit ein Problem zu haben. Irgendwelche Ehestreitigkeiten. Daher hat es mich auch nicht sonderlich gewundert, als ich ihren Namen gestern auf der Verdächtigenliste der Akte entdeckt habe.

Ich blicke auf die Uhr. Das Verhör mit Elisa Baron findet heute als erstes statt. Noch eine knappe halbe Stunde. „Maja!“ schallt es aus dem Nebenzimmer. Zwei Sekunden später steht Louis in der Tür. 

„Ermittelst wirklich du im Mordfall von Karl Baron?“, fragt er mich aufgeregt. Ich schmunzele. Louis ist seit 8 Jahren mein engster Kollege hier. Warum wir uns auf Anhieb so gut verstanden haben, weiß ich nicht, aber ich glaube, aufgrund der Tatsache, dass er auch manchmal nicht ganz klar im Kopf ist. Er hat die lästige Angewohnheit, sich alle zehn Minuten die Hände zu waschen, weshalb sein Schreibtisch auch der der

Präsidiumstoilette am nächsten gelegen sein muss. War klar, dass er jetzt eifersüchtig ist. „Jap“, sage ich mit einem süßen Lächeln, „wärst du deiner Hygiene Hypochondrie mal fünf Minuten später nachgegangen, dann hättest du vielleicht den Anruf entgegennehmen können.“ Er bringt seine Gesichtszüge wieder unter Kontrolle und rümpft die Nase. „Tse. Ist mir doch egal. Dafür musst du dich jetzt mit dieser hysterischen Frau rumschlagen. Die wartet schon draußen im Flur.“ „Elisa Baron?“ „Ja. Vielleicht solltest du ihr eine Packung Taschentücher mitnehmen. Viel Spaß.“

Ich seufze und stehe mich aus meinem Stuhl auf. „Na dann mal los.“

Donnerstag, 13:40 Uhr

„Elisa Maria Baron, 55 Jahre, Ehefrau von Karl Baron. Kommissarin Wellheim. Sind Sie bereit, zu beginnen?“

Es ist vollkommen unnötig, ihr meinen Namen zu nennen. Schließlich ist auch sie seit Jahren meine Nachbarin. Doch für die Aufzeichnungen muss ich mich an die Richtlinien halten. Die Frau, die mir gegenüber sitzt, hat allerdings so gut wie keine Ähnlichkeiten mehr mit der Frau Baron, die ich kenne. Sie hebt langsam den Blick von der Tischplatte. Ihre Augen sind rot unterlaufen, tiefe Furchen durchziehen ihr Gesicht, generell wirkt sie sehr erschöpft. „Was sein muss, muss sein,“ gibt sie mit brüchiger Stimme zurück. Ich räuspere mich. „Der Verlust ihres Mannes tut mir wirklich sehr leid, es ist verständlich, dass Sie durcheinander sind, doch es ist meine Pflicht, ihre Aussage in diesem Fall aufzunehmen.“ „Fangen Sie schon an.“ „Nun gut. Wie Sie bereits informiert wurden, wurde ihr Mann in der Nacht von Montag auf Dienstag kurz vor dem Eingang Ihrer Straße tot aufgefunden. Da Sie, als seine Lebensgefährtin vermutlich der Mensch sind, der ihm am nächsten stand, muss ich als erstes Sie in diesem Fall befragen.“ Ich lege eine kurze Pause ein und überlege, wie ich das Folgende formulieren soll. „Laut den Angaben der Akte, schien das Verhältnis zwischen Ihnen und Ihrem Mann allerdings bereits seit längerer Zeit etwas…wie soll ich sagen…zu bröckeln. Können Sie mir dazu etwas sagen?“ „Kein Kommentar“. 

Ich seufze. Dickköpfige Menschen können so anstrengend sein. „Frau Baron, Sie sind eine Frau mittleren Alters, verheiratet seit 24 Jahren. Es ist nicht untypisch, dass eine Ehe nach einer Zeit nicht mehr so rosig verläuft wie zu Beginn. Das kann an verschiedenen Dingen liegen: Untreue, mangelnde Kommunikation oder auch… finanzielle Probleme.“

Sie blickt auf. „Was wollen Sie damit sagen?“ „Nun, um direkt zur Sache zu kommen: Es besteht die Annahme, dass Sie etwas mit dem Tod ihres Mannes zu tun haben könnten, sei es aus Liebeskummer oder -worauf die Hinweise hindeuten- aufgrund von Erbangelegenheiten. Fakt ist, dass Sie sich mit Ihrem Mann bis zuletzt nicht mehr gut verstanden haben und das rückt Sie in diesem Fall leider in ein unangenehmes Licht.“ Frau Baron springt auf. Ihr Stuhl poltert quietschend nach hinten. „Ich habe mit dem Tod meines Mannes NICHTS zu tun. Was Sie sagen, ist reine Verleumdung! Ich bin weder interessiert an seinem Erbe, noch bin ich ihm nachts aufgelauert, um ihn zu ermorden! Glauben Sie mir, ich habe mehr als genug Geld.“ „Sind Sie sich da sicher?“

„NATÜRLICH!“ 

„Nun, dann können Sie mir doch sicher sagen, was Sie dann an diesem Abend gemacht haben?“

„Ich…“ Sie schaut zu Boden.

„Nein? Das ist nicht gut. Ohne Alibi bleibt uns nichts anders übrig, als Sie weiterhin als…“ „Ich. War. Es. Nicht. Ich war an dem Abend gar nicht da!“ Sie schlägt sich die Hand auf den Mund.

„Nicht da? Interessant. Wo waren Sie denn?“

Sie schluckt und schaut zu Boden.  „Ich…ich kann…es nicht sagen.“

Donnerstag, 15:58 Uhr

Seufzend reibe ich mir die Augen und lehne mich in meinem Schreibtischstuhl zurück. „Eine Befragung und schon zusammengebrochen, ist das traurig.“ Louis sitzt einen Tisch weiter und blättert in einem Magazin.

Ich werfe ihm einen vernichtenden Blick zu. Dann seufze ich. „Die Ehefrau des Opfers besitzt kein Alibi. Das fängt nicht gut an.“

„Hört sich für mich so an, als wäre der Fall schon gelöst.“

Ich runzle die Stirn und blicke zu ihm. „Na Gottseidank, dass Hecker nicht Dir den Fall übertragen hat. Das Ganze ist erst gelöst, wenn wir das Motiv und den Beweis haben, dass sie es wirklich war. Aber ich gebe dir recht, die Tatsache, dass sie sich nicht verteidigen kann, rückt sie in eine verdächtige Position. Wir müssen sie definitiv noch weiter befragen.“ Ich blicke auf die Uhr. „Aber zuerst ist ein gewisser Herr Meerwald dran.“

Donnerstag, 16:15 Uhr

„Markus Meerwald, 52 Jahre, stellvertretender Hotelleiter des Grand-Hotels in der Innenstadt. Mein Name ist Kommissarin Wellheim. Sind Sie bereit, zu beginnen?“ Der Mann, der mir gegenüber sitzt, nickt knapp. Ich präge mir sein Gesicht ein. Grüne Augen, braune, kurze Haare, Drei-Tage-Bart. Seine Haltung wirkt selbstbewusst und offen, zumindest mehr als bei Frau Baron. Nach einem kurzen Blick bin ich mir sicher.  Diesen Mann habe ich noch nie zuvor gesehen. Ich räuspere mich. „Nun, wie Ihnen bereits mitgeteilt wurde, wurde Herr Baron in der Nacht von Montag auf Dienstag tot aufgefunden.“ Ich lege eine kurze Pause ein. „Laut Akte waren Sie Kollegen und außerdem die letzte Person, die Herrn Baron an besagtem Abend lebend gesehen hat. Können Sie mir etwas dazu sagen?“ Herr Meerwald lehnt sich in seinem Stuhl zurück. Er scheint nicht wirklich beunruhigt.

„Wie man‘s nimmt.“ 

Ich stutze. „Wie bitte?“

„Das mit den Kollegen. Wie man’s nimmt. Er war mein Vorgesetzter. Das hat er mir auch mehr als einmal unmissverständlich klargemacht.“ „Wie meinen Sie das?“ Herr Meerwald seufzt. „Er hat mir das Gehalt gekürzt. Vor ca. einem Monat.“ Ich halte inne. Die Zahnrädchen in meinem Kopf beginnen, sich zu drehen.

„Wissen Sie, woran das lag?“„Keine Ahnung. Er schien schon immer, nicht besonders viel von mir zu halten.“

Er bemerkt meinen nachdenklichen Blick und fügt hastig hinzu: „Das bedeutet aber nicht, dass ich ihn umgebracht habe.“

Ich tue so, als hätte ich seinen letzten Satz überhört. „Was haben Sie am Montag Abend gemacht?“

„Nichts besonderes. Ich war im Hotel, hab‘ an einer neuen Broschüre gearbeitet. Um 21 Uhr hab ich dann Feierabend und mich auf den Weg zum Bahnhof gemacht und mir dort noch was zu Essen gekauft.“

„Wann genau haben Sie Herrn Baron das letzte Mal gesehen?“ „Das muss so gegen 21:30 Uhr gewesen sein. Hab’ ihn noch gesehen, wie er auf seine Bahn gewartet hat.“

„Und Sie?“

„Hmm?“

„Wo sind Sie danach hingegangen?“

„Naja, nach Hause.“

„Kann das jemand bezeugen?“

„Bezeugen…Ja klar, es ist später noch ein Freund vorbeigekommen und wir haben uns das Champions League-Halbfinale angesehen.“ 

„Wirklich?“

„Ja, sicher.“

Ich mustere ihn und warte ab, ob er noch etwas an seiner Aussage ändern will. Als er das nicht tut, setze ich wieder an. „Nun, das wundert mich aber. Darf ich Sie daran erinnern, Herr Meerwald, dass das Champions League-Halbfinale am Montag um Punkt 21 Uhr begann? Laut Ihrer Aussage seien Sie um 21:30 Uhr aber noch am Bahnhof gewesen und wenn ich einen Blick in Ihre Akte werfe, wohnen sie in der Dorotheenstraße im Westviertel. Nun, vom Grand-Hotel braucht man mit der Bahn allerdings, lassen Sie mich kurz überlegen…mindestens eine knappe Stunde bis ins Westviertel. Selbst wenn Sie völlig ohne Verkehrs-probleme durchgekommen wären, wären Sie so trotzdem erst gegen 22:30 Uhr nachhause gekommen, zu welchem Zeitpunkt das Spiel nur noch gut 10 Minuten lief.“

Ich lege eine Pause ein und sehe Herrn Meerwald in die Augen. Seine selbstbewusste Miene ist etwas verrutscht. Ich lehne mich nach vorne, dann frage ich bedrohlich leise: „Was haben Sie wirklich gemacht?“

„Ich…“, ich bemerke, wie seine Augen beginnen, nervös hin und her zu blicken. Jetzt fängt er an, sich mit der Hand, Luft zuzuwedeln.

„Warum sind Sie so nervös? Wenn Sie nichts zu verbergen haben.“

„Ich…ich habe Herrn Baron nicht umgebracht, glauben Sie mir.“

„Das würde ich ja gerne, aber Sie verhalten sich im Augenblick durchaus verdächtig.“

„Nein, ich…“ Er bricht mitten im Satz ab und senkt seinen Blick Richtung Tischplatte. Ich warte noch einen Augenblick ab. Nichts. Ich seufze. „Nun, ich denke, diese Befragung ist erstmal vorbei.“ Ich richte mich auf und gehe zur Tür.  

„Es tut mir leid, Herr Meerwald, aber ohne Alibi müssen wir Sie unter Verdacht in Hinblick auf den möglichen Tatbestand erstmal hierbehalten, bis wir Sie…“

„Elisa Baron!“

„Was?“ Ich drehe mich zu ihm um.

Er schluckt. Dann holt er stockend Luft. „Elisa Baron ist mein Alibi.“

Freitag, 14:02 Uhr

Ich sitze an meinem Schreibtisch. Vor mir eine unberührte Tasse Kaffee, die mittlerweile allerdings schon wieder vollkommen kalt ist. Die Gedanken von gestern schwirren mir nur so durch den Kopf. Elisa Baron hatte eine Affäre mit Markus Meerwald. Sie hat ihren Mann mit seinem eigenen Arbeitskollegen betrogen. Oh Mann. Aber so verrückt diese Geschichte auch klingen mag, die beiden Verdächtigen geben sich gegen-seitig ein Alibi. Frau Baron war bei Herrn Meerwald an dem Abend, an dem ihr Mann erschossen wurde. Das wurde spätestens bewiesen, als ich mir die Aufnahmen der Überwachungskameras von Herrn Meerwalds Apartment angesehen habe. Ich seufze. Ich war mir so sicher, dass einer von beiden der Täter war. Die Motive hätten zumindest gepasst: Frau Baron wegen ihrer Ehestreitigkeiten und Herr Meerwald aus Rache wegen des gekürzten Gehalts - abgesehen davon, dass das Opfer der Ehemann seiner heimlichen Affäre war. Ich lehne meinen Kopf gegen die Tischkante. Tja, die Wahrheit kann viele Gesichter haben. Aber so muss ich noch einmal ganz von vorn beginnen. Und das bedeutet als erstes, neue Verdächtige zu identifizieren. Frau Baron und Herrn Meerwald mussten wir gestern nach dem Verhör für‘s Erste laufen lassen. In der Akte waren keine weiteren Verdächtigen vermerkt, was bedeutet, dass ich mich wohl von neuem auf die Suche machen muss. Doch das wird schwierig ohne weiteren Anhaltspunkt. Ich stöhne. Manchmal frage ich mich wirklich, warum ich Kommissarin geworden bin. Jetzt muss ich im Fall meines ermordeten Nachbarn ermitteln und komme nicht weiter. 

Ich werfe einen Blick zur Akte, die rechts neben mir liegt. Ich will gerade danach greifen, um noch einmal ganz genau zu prüfen, ob ich auch wirklich kein Detail übersehen habe, als das Telefon klingelt. Ich zucke zusammen. Bei dem schrillen Dröhnen des Diensttelefons erschrecke ich mich immer wieder aufs Neue.

Ich nehme den Hörer ab und räuspere mich. 

„Kommissarin Wellheim, Polizeipräsidium, wie kann ich hel…“

„Wellheim, gut, dass ich Sie erreiche. Es gibt Neuigkeiten.“

„Neuigkeiten?“

„Korrekt. Karl Baron wurde heute Morgen noch einmal genauer untersucht.“

„Und?“ Ich merke, wie Hecker zögert.

„Hören Sie, das was ich Ihnen jetzt sage, muss zunächst unter uns bleiben, bevor wir weiteres wissen.“

„Chef?“

 Er holt Luft. „Die Patrone, die Karl Baron getötet hat, stammt aus einer Dienstwaffe.“

Ich erstarre. 

„Wellheim, haben Sie mich gehört?“

„J-ja Chef… Sie meinen, Herr Baron wurde von einem Polizeibeamten getötet?“

„Danach sieht es aus. Nun, wäre er aber aus Notwehr von der Polizei erschossen worden, wäre mir das längst gemeldet worden. Es deutet also alles auf einen gezielten Mord hin.

Und zwar wie es scheint…von jemandem aus unseren Reihen.“

Ich schlucke. Auf einmal fühle ich mich nicht mehr so sicher an meinem Schreibtisch wie noch vor 5 Minuten.

„H-haben Sie jemanden in Verdacht?“

„Ich hatte gehofft, dazu können Sie mir etwas sagen. Hat sich irgendjemand im Umfeld ihres Kollegiums in letzter Zeit seltsam verhalten?“

„Nein, nicht dass ich wüs…“ Moment. Mein Atem setzt eine Sekunde aus, als die Alarmglocken in meinem Kopf zu schrillen beginnen. „Hört sich für mich so an, als wäre der Fall schon gelöst.“ Das hatte mir Louis gesagt, gleich nach der allerersten Befragung. Ich hatte mich zu dem Zeitpunkt schon gefragt, warum er so voreilig war, sonst macht er sich immer viel zu viele Gedanken um alles. Hypochonder eben. 

Ich schlucke, als ich mich an seinen angespannten Gesichtsausdruck erinnere, als er mich gefragt hat, ob ich den Fall von Herrn Baron übernommen habe. Damals habe ich es für harmlosen Neid gehalten, aber…

„Wellheim?“

Ich werde aus meinen Gedanken gerissen. 

„J-ja, Chef?“

„Haben Sie nun etwas mitbekommen oder nicht?“

Ich zögere. „Nein, Chef, bis jetzt noch nicht.“

Er seufzt. „Nun gut, verhalten Sie sich erstmal weiterhin unauffällig und halten Sie die Augen offen. Dasselbe gilt für mich. Ich melde mich, sobald ich mehr weiß und das tun Sie bitte auch.“

„Natürlich, Chef.“

Freitag, 18:40 Uhr

Tick Tack Tick. Das einzige Geräusch im Raum stammt von der Wanduhr, die mir verkündet, dass nun seit der Mittagspause bereits die dritte Stunde vergangen ist, die ich ohne mich zu rühren in meinem Schreibtischstuhl verbracht habe. Die meisten Kollegen haben bereits Dienstschluss gemacht, nur nebenan sitzen noch zwei oder drei Mitarbeiter, die heute die Spätschicht haben. Ich blicke zu dem Schreibtisch neben mir. Louis ist heute den ganzen Tag nicht aufgetaucht. Das verstärkt mein mulmiges Gefühl nur noch mehr. Ich versuche, es abzuschütteln. Ich kenne Louis jetzt fast seit 8 Jahren, er würde doch nicht…. Existiert etwa ein Motiv, von dem ich nicht weiß? Ich seufze. Schon klar, ich darf mich nicht nur auf ihn fokussieren, sondern muss die Augen für alles offen halten, aber ich kann meine Gedanken einfach nicht sortieren. Ich blicke auf die Uhr. Ich bin schon eine Stunde länger hier als ich eigentlich muss. Es bringt nichts, ich sollte mich auf den Weg nach Hause machen. 

Als ich meine elektronische Dienstkarte am Ausgang des Präsidiums in den Schlitz der Kontrollanlage stecke, um mich auszuchecken, blicke ich mich mehr als einmal über die Schulter um. Ich weiß, dass ist idiotisch, aber ich habe das Gefühl, sämtliche Blicke meiner Kollegen würden auf mir haften. Als könnte ich keinem von ihnen mehr trauen. Ich wische mir über die Stirn und biege in die Straße ein, die Richtung Bahnstation führt. Was, wenn Louis hier irgendwo ist? Hat er irgendwie mitbekommen, dass die Schusspatrone identifiziert wurde? Versteckt er sich jetzt, weil er befürchtet hat, dass der Verdacht auf ihn fallen könnte? Ich merke, wie meine Schritte immer schneller werden. Ich hätte diesen Fall nie annehmen sollen. Jetzt fühle ich mich nicht mehr mal in meinem Polizeipräsidium sicher. Und das mag schon was heißen.

Freitag, 20:00 Uhr

Es knarzt, als ich den Haustürschlüssel ins Schlüsselloch stecke und aufschließe. Sofort geht der Bewegungs-melder mit einem leisen Klick an und taucht das gesamte Treppenhaus in ein warmes gelbes Licht. Ich gehe die abgenutzten Treppenstufen hinauf bis in den dritten Stock und öffne meine Tür.  „MIAUUU“, tönt es von drinnen, kaum habe ich einen Schritt in die Wohnung gemacht. Ich lächle müde. „Hey, Eddie.“ Ich gehe in die Hocke und kraule meinem Kater den Kopf.

„Tut mir leid, dass es so lang gedauert hat. Du bekommst gleich was zu essen.“ Ich stehe auf, lade meine Tasche in der Küche ab und schütte etwas Trockenfutter in Eddies Schüssel. Dann schlurfe ich ins Wohnzimmer und lasse mich auf das Sofa fallen. „Was ein seltsamer Tag.“ Ich schaue Eddie dabei zu, wie er sein Futter hinunterschlingt, sich genüsslich das Mäulchen schleckt und dann zu mir Richtung Sofa tapst. Ich streife mein Halfter ab, damit ich mich bequemer hinlegen kann, während Eddie mir auf den Schoß springt. Ich beginne ihn zu kraulen und betrachte dabei das Halfter mit meiner Dienstwaffe. Eddie fängt an, unter meinen Fingern zu schnurren. „Kannst du dir das vorstellen?“ Ich hebe die Waffe. „Mit so einer hat jemand unseren Nachbarn erschossen.“ Jemand. Ich bleibe bei Jemand. Ich kann diesen Titel einfach noch nicht mit Louis Namen ersetzen.  

Während sich Eddie auf den Rücken rollt, öffne ich gedankenverloren das Munitionsfach mit dem Emblem der örtlichen Polizei. Und erstarre. Eine Patrone fehlt. Ich schließe und öffne das Fach nochmal, doch ich habe mich nicht getäuscht. Aber wie kann das sein? Ich weiß noch ganz genau, dass ich die Munition am Wochenende wieder vollständig aufgefüllt habe und seitdem habe ich sie nicht gebraucht. Ein dunkler Gedanke versucht sich in mir breit zu machen. Ich schüttle den Kopf und rufe mir in Erinnerung, was ich am Montag gemacht habe. Das ist immer mein dienstfreier Tag in der Woche. Ich bin zuhause geblieben und habe den ganzen Tag an meinen Rechnungen gearbeitet. Später habe ich mir dann einen gemütlichen Filmabend gemacht und danach…. Ich kneife die Augen zusammen. Die Erinnerungen verschwimmen vor meinem geistigen Auge. Bin ich auf dem Sofa eingeschlafen? Oder… Ich reiße die Augen auf. Mein Herz vergisst einen Moment, zu schlagen. Nein. Das kann nicht… Ich fühle mich, als müsste ich mich jeden Augenblick übergeben. Eddie maunzt und schaut mich fragend an. Doch mein Kopf kann an nichts weiteres als einen einzigen Namen denken. Caren.

 

„Warum die Wahrheit nicht alles ist...“ von Jolanthe B.

Die Wahrheit hat viele Gesichter. Oder eben auch nicht. Manchmal ist die Wahrheit auch wirklich. DIE Wahrheit und es existiert keine andere. Meistens sind diese Arten von Wahrheiten die schlimmsten. Es gibt keine positive Sicht auf den Verlauf der Geschehnisse, kein silberner Hoffnungsschimmer, der einem das Licht am Ende des Tunnels zeigt. Du sitzt einfach im Tunnel. Und dieser ist nass, dunkel und schlichtweg ungemütlich. So muss sich Vanessa gefühlt haben, dachte Emilie. Es gab auch keine Hoffnung mehr. Wenigstens machte sich diese nicht bemerkbar, als am 03. September diesen Jahres der Körper… ihres toten Vaters seinen Weg wieder zurück in die nasse, dunkle und schlichtweg ungemütliche Erde fand. Wo alles herkommt und alles auch wieder aufhört. DIE Wahrheit ist, dass er gestorben ist und das wird für immer die einzige sein.

Die alle Sinne ergreifende Frage: Was jetzt? blieb seitdem an ihrer besten Freundin hängen, vermutete Emilie. Genau wissen konnte sie es nicht, zwar kannte sie Vanessa seit dem Kindergarten, aber Vanessa hatte zu diesem Zeitpunkt schon seit Wochen nicht mehr mit ihr geredet. Jeglicher Versuch, mit ihrer Freundin zu sprechen, blieb erfolglos. Nichts funktionierte. Nachrichten wurden ignoriert, Anrufe wurde weggedrückt und das leicht verzweifelte klingeln Emilies an Vanessas Haustür resultierte nur in einer lautstarken Konversation mit einem älteren, griesgrämigen Nachbarn, dessen Mittagsschlaf unterbrochen wurde.

Seltsam war das alles schon. Das letzte Mal hatte Emilie Vanessa am Tag zuvor gesehen. Am Tag vor dem Unfall. An einem Tag, der war wie immer. Nichts hatte vermuten lassen, dass Emilie das Radio am Abend einschalten und der lokale Radiosender verlauten lassen würde: “Heute Abend gegen 20:32 Uhr sorgte ein außer Kontrolle geratener Lastwagen für einen Auffahrunfall auf der A7. Der Bürgermeister der Kleinstadt Wessingen kam Berichten zufolge ums Leben und…”

Genau in diesem Moment hatte Emilie aufgehört zuzuhören. Das war alles, was sie wissen musste. Der Bürgermeister der Kleinstadt Wessingen wurde letztes Jahr mit 61 Prozent ins Amt gewählt. Emilie erinnerte sich noch an die Party danach. Bei Vanessa zu Hause. Es wurde gesungen, getanzt und darauf angestoßen, denn schließlich hatte Erik Hellinig, Vanessas Vater, die Wahl gewonnen. Seitdem verfolgte Emilie diese Wahrheit. Die Wahrheit, dass der Vater ihrer besten Freundin tot war und was das für ihre Freundin bedeuten würde.

Niemand redete wirklich über das, was passiert war. Sie hatte eine Konversation mit ihrer Mutter, von der sie nur einzelne Bruchteile beibehielt. Seitdem? Komplette Stille. Man könnte meinen, dass sich jeder Einzelne in Wessingen dazu entschieden hat, für immer zu schweigen und dieses tragische Kapitel der Stadtgeschichte mit ins Grab zu nehmen.Am Abend des Unfalls hatte Vanessa schon aufgehört, auf ihre verzweifelten Anrufe zu antworten. Emilie würde lügen, wenn sie behaupten würde, es tat nicht weh. Von seiner besten Freundin ignoriert zu werden, kann diesen Effekt haben. Sie versuchte, rational an die Sache heranzugehen. Sie zeigte sich verständnisvoll. Verständnisvoll dafür, dass niemand in der Schule mehr mit ihr redete. Verständnisvoll dafür, dass niemand sich darum zu kümmern schien, dass ihre beste Freundin wie vom Erdboden verschluckt war. Verständnisvoll dafür, dass ihre beste Freundin seit dem Kindergarten sie ignorierte.

Emilie erinnert sich noch ganz genau an den Moment, in dem ihr Verständnis in Wut umschlug. Es war drei Monate nach dem Unfall, mittlerweile war der Spätsommer in den Winter umgeschlagen und die schwüle Hitze, die am Abend des Unfalls herrschte, war verpufft. Es war am Dienstag während der Biologiestunde Details sind irrelevant. Was nach einem zehnminütigen Wutausbruch übrig blieb? Ein Gespräch mit Emilies Mutter und der Schulleitung. Was sie besprochen haben? Auch hieran sind Emilies Erinnerungen eher schwammig. Alles was sie wusste war, dass der blinden Wut und puren Verzweiflung… leere folgte. Es lief auf eine Suspension hinaus. Drei Wochen. Emilie interessierte es ehrlich gesagt auch nicht. Der Weg nach Hause war still. Stiller als Emilie es gewöhnt war. Sie erwartete Fragen von ihren Eltern. Fehlanzeige. Absolut nichts. Keine weiteren Strafen. Keine Standpauke. Nur ein besorgter Blick ihres Vaters, den Emilie ganz genau im Rückspiegel erkennen konnte.

Emilie ging sofort in ihr Zimmer. Sie war nicht stolz auf den Fakt, dass sie sogleich in Tränen ausbrach. Nach Wochen, in denen Emilie nichts gefühlt hatte, brach es nur so aus ihr heraus. Schön war es nicht. Der Leere, die sie noch im Büro der Schulleitung spürte, folgte nun Angst. Ihr Kopf war nicht mehr leer, er war überfüllt mit den Erinnerungen der letzten Wochen. Verwirrende Erinnerungen. Nichts machte irgendeinen Sinn. Es dauerte… aber nach Stunden wich ihrer Angst Erschöpfung. Sie schlief ein und die Stimmen in ihrem Kopf wurden endlich still.

Frühstück. Später als sonst verständlicherweise. Wo musste Emilie schon hin? In die Schule? Sie versuchte, die erneut besorgten Gesichter ihrer Eltern zu ignorieren, während sie sich ihren Tee eingoss. Sie schaffte es gerade noch zum Kühlschrank für den Joghurt und die Marmelade, bevor ihr Vater den Mund aufmachte.

„Emilie?” sagte er: „Deine Mutter und ich haben geredet… und wir wollten einmal fragen. Das mit Vanessa-”. „Also, jetzt wollt ihr über sie reden?! Nachdem ihr die ganze Geschichte für Wochen ignoriert habt? Kein einziges Wort darüber, dass sie sich seit Wochen nicht mehr meldet… Kein Wort über den Unfall ihres Vaters…”

Emilies Stimme brach weg, ihre letzten Worte waren sowieso nur noch Geflüster gewesen. Ihr Blick wandte sich zu Boden und sie bemerkte nicht, wie die Besorgnis ihrer Eltern in Beunruhigung umschlug…„Was meinst du damit?” fragte ihre Mutter „Emilie… Vanessa ist -”.

„Ich denke, es wäre besser, wenn sie es endlich selbst sieht. Wir können sie nicht vor der Wahrheit beschützen, die sie so offensichtlich ignoriert…” unterbrach ihr Vater. Sie saßen im Auto… wohin sie fuhren? Fragwürdig. Niemand hatte es Emilie verraten wollen. Sie hatte sich umziehen müssen und ins Auto setzen. Keine ihrer Fragen wurde beantwortet.

Sieben. Acht. Neun. Zehn. Elf. Emilie zählte die Minuten, die sie im Auto verbrachten. Während der Minute 17 schienen sie an ihrem Ziel angekommen zu sein. Ihre Mutter schaltete den Motor ab. Dreißig Sekunden absolute Stille. Ihr Vater atmete tief durch und stieg aus. Emilie folgte ihm…

Der Friedhof war still. Fünfzehn Schritte nach vorne. Drei Schritte in die vierte Reihe. Die Realisation schlich sich ein. Langsam, schleichend und von einem unglaublich bitteren Geschmack im Mund begleitet. Der Grabstein war nur einige Zentimeter von Emilie entfernt. Er lag dort ganz unschuldig, als wäre nie etwas passiert und als wäre alles wie immer. Aber das war es nicht.

DIE Wahrheit… war nicht die Wahrheit, die Emilie die letzten Monate gelebt hatte.

Vielleicht weil sie nicht in dieser Wahrheit hatte leben wollen.

 

Vanessa Hellinig

13. April 2010 - 28. August 2026

Geliebte Tochter und Freundin

 

„Das Urteil“ von Emily H.

Das Urteil fällt und mit einem Mal höre ich nur noch den Regen, der gegen die Fensterscheibe prallt. Während der Wind mich umarmt und mich sanft mit Kälte umhüllt. Das war’s. Ich lehne mich vorsichtig zurück und versuche den Raum als solchen wieder wahrzunehmen. Das Licht scheint von der Deckenlampe gelblich auf den mit Lack beschichteten Holztisch vor mir und reflektiert in einigen Silhouetten das Geschehen. Ich stehe ein letztes Mal auf. Bis schließlich eine junge Frau in den Gerichtssaal stürmt. Rasch drehe ich mich zu ihr um. Die schwere Holztür fällt ins Schloss und der ganze Saal bricht in Murmeln aus.

Die junge Frau bleibt vor der Tür stehen. Langsam wird mir bewusst, dass ich sie schon einmal gesehen habe. Ihre blonden Haare fallen ihr in Wellen über die Schulter und glänzen golden im Licht, genau wie ihr silbernes Armband. Woher kenne ich sie nur? Die Richterin bittet die Frau, zum Rednerpult in die Mitte zukommen, wobei sie meine Aufmerksamkeit wieder auf sich zieht. Ich setze mich vorsichtig auf den harten Stuhl. Mein Herz beginnt immer schneller zu schlagen, während meine Gedanken sich im Kreis drehen.

Als die Frau beginnt in das kleine Mikrophon zu sprechen, stoppen sie allmählich. Es fühlt sich so an, als wäre ich gelähmt.

„…das Urteil basiert auf einer Fälschung und die Person, die dafür bezahlt hat, sitzt hier im Raum“ entgegnet die Frau selbstbewusst. Aber anstatt mich anzuschauen, blickt sie zur Richterin. „Frau Müller sie wissen doch, dass eine gewisse Beweislast vorliegt. Die Angeklagte hat im Juni Fahrerflucht begangen, nachdem sie Täterin eines schweren Autounfalls war. Es kam zu schwersten Verletzungen“. Die Richterin räuspert sich, wobei mein Verteidiger aufgebracht das Wort ergreift. Erneut fällt es mir schwer zuzuhören. Ich höre zu, das tue ich seit etwa einer Stunde, aber ich kann nicht zuhören. Die vordere Reihe beginnt zu toben, bis schließlich Frau Müller, so heißt sie glaube ich, beginnt auf das Vorherige einzugehen. „Welche Beweislast liegt denn hier bitte vor?!“ fragt sie abwertend. Warte, verteidigt sie mich grade etwa. Ich bin verwirrt. Die Richterin senkt ihren Kopf zum kleinen Mikrophon, welches am Pult mühsam befestigt wurde. „Am Tatort wurden ein abgebrochenes Autoteil und ein Lackschaden gefunden, die exakt zum Wagen der Angeklagten passten. Alle Beweise sprachen gegen sie, weshalb das Urteil gerade auch so hart ausfiel.“ So der Anwalt, der sich anscheinend ebenfalls angesprochen gefühlt hat und schneller auf die Frage antworten wollte.

In diesem Moment blitz es und ein tiefer Donner geht durch den Raum. Die Wände im Saal beginnen leicht zu wackeln. Frau Müller lässt sich davon allerdings nicht aus der Ruhe bringen. Ganz im Gegenteil, sie wirkt noch selbstsicher als zuvor. Sie wartet einige Sekunden bis es wieder ruhiger wird.

„Exakt“ erwidert sie. „Die vorliegenden Beweise passen nämlich zu exakt.“ Ein weiteres Murmeln geht durch die Reihen und für einen kurzen Moment kreuzen sich unsere Blicke. Mein Hals fühlt sich trocken an und ich greife zu dem Glas Wasser, welches auf dem Tisch steht. Ein kleiner runder Abdruck entsteht, während ich das Glas anhebe und trinke. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sie zu ihrer Ledertasche greift, um eine Mappe herauszuholen. Es handelt sich um einen dünnen Aktenordner, welcher mit einem dumpfen Schlag auf den Tisch fällt. Mit der rechten Hand stelle ich neugierig das Glas genau auf den runden Wasserfleck zurück.

Ein weiterer Donnerschlag ertönt, sodass selbst das Licht zu flackern beginnt. Frau Müller hingegen zögert nicht eine Sekunde, bevor sie einige Fotos und Dokumente aus der Mappe holt. Eines der Fotos hält sie dabei mit einer Hand hoch. „Was sie auf diesen Foto sehen, ist ein Foto der Tiefgarage der Angeklagten, und auf diesem Papier…“, sie zeigt auf ein weiteres Papier, „hier sehen sie die GPS Daten von Dr. Wagners Auto aus der Unfallnacht.“ Beim Erwähnen seines Namens stockt mein Herz gleichsam. Der Saal beginnt endgültig zu toben und ich versuche mühsam von weiter Entfernung die Fotos zu erkennen. Sie zeigen das schwarze Auto von ihm vor meiner Garage, heißt das etwa. Nein, das kann nicht sein, dass würde er nicht tun, oder? Woher hat sie diese Fotos überhaupt? Die Aufnahme musste aus unmittelbarer Nähe gemacht worden sein. Aber was wenn… Meine Lunge beginnt zu schmerzen und ich versuche die Tränen zu verdrängen, bis eine schließlich meine Wange runterläuft. Im selben Moment wird der Regen stärker. Ich schaue nach oben und versuche vergeblich den Schmerz zu entfliehen, der sich in meinen Adern ausbreitet. Frau Müller fährt schließlich fort. „Es war Herr Dr. Wagner selber, der den Unfall verursacht hat. Er dachte er könnte mich darüber belügen. Mich verleugnen. Aber das kann er nicht“. Ihre Stimme nimmt einen abwertenden Unterton an und sprüht nur von Verachtung. Als sie Dr. Wagners Namen aussprach, veränderte sich ihr Gesicht für einen Augenblick. Es war kein Schmerz. Es war Hass. Das war also die Frau, vor der er mich verheimlicht hat. Während ich dachte er würde mich lieben, hat er die Nacht benutzt, um mein Auto mit Unfallspuren zu präparieren. Er wollte mich los werden, als wäre ich ein bloßer Fehler, sodass er sein Leben ungestört mit ihr weiterleben kann. Ohne dass sie oder ich von einander erfahren. Anders als zuvor wird es im Saal still, selbst wenn sie nur die Hälfte der Wahrheit kennen, genügt es, dass sie sich ihr Teil denken können. Zitternd atme ich aus, um mich zu beruhigen und den Gedanken zu entfliehen. Unruhig beiße ich mir auf meine Unterlippe und Frau Müller fährt vor.

„Er hat uns beiden das Herz gebrochen, Frau Richterin. Aber nur einer von uns dreien geht dafür ins Gefängnis und das ist nicht die Angeklagte.“ Ihr Blick schnellt zu ihm. Ich hatte total vergessen, dass er ebenfalls anwesend ist. Er sitzt dort in der zweiten Reihe, sein Bein zuckt unruhig hin und her. Es ist das erste Mal, dass er mich während der Gerichtsverhandlung anschaut. Doch wo eins das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit war, bleibt nun das reine Gefühl von Verrat und Enttäuschung.

Ich bin so in Trance, dass ich die Stimme meines Verteidigers total überhöre. Eine Mann bringt die Fotos, die Frau Müller gebracht hat, zu uns. Mein Verteidiger muss wohl danach gefragt haben, um sie genauer betrachten zu können. Langsam schiebt er sie zu mir rüber. Ich kneife die Augen zusammen. Irgendwas stimmt nicht. Die Silhouette des Fahrers… das kann er nicht sein. Die Person am Steuer ist doch viel zu klein und auf dem Foto ragte unter der Kapuze eine einzelne blonde Strähne hervor. Außerdem trug sie dasselbe silberne Armband, das ich schon an Frau Müller bemerkt hatte.

Ein Stein fällt mir vom Herzen. Er konnte es nicht gewesen sein, wir waren doch den ganzen Abend zusammen gewesen. Wie hätte er den gleichzeitig auch in der Tiefgarage sein können? Mein Blick wandert zurück zu der jungen Frau. Ihre Figur hingegen passt perfekt zu der des Fahrers, außerdem, wenn dass seine angebliche Frau ist, dann heißt es, dass sie ebenfalls Zugang zum Auto von Herr Wagner hat. Unbewusst öffne ich meinen Mund als ich realisiere, wer in jener Nacht den Unfall verursacht hat. Es war Frau Müller. „Herr Dr Wagner, vielleicht möchten sie sich ebenfalls zu den Anschuldigenden äußern“ entgegnet die Richtern. Nun bin ich es, die das Wort erstmals ergreift. Meine Stimme zittert und mein Verteidiger und alle anderen im Saal schauen zu mir. Ich erhebe mich vorsichtig vom Stuhl. „Das wird nicht nötig sein. Sie war es, Frau Müller“. Noch bevor ich unterbrochen werden kann, fahre ich fort. „Sie war es, die in jener Nacht das Auto gefahren hat und für den Unfall verantwortlich war. Sie ist die Person auf dem Foto und sie hat die Beweise gefälscht, um uns gegeneinander auszuspielen“. Bei letzterem zeige ich zwischen mir und ihm hin. Mit einem bloßen Flüstern füge ich hinzu. „Frau Müller, sie war in der Tiefgarage.“ Ein einzelner Blitz folgt auf meine letzten Worte. Doch kein Donner, nur ein kurzes Erleuchten. Frau Müller erstarrt und ich meine, einen Schatten eines Lächeln und Überraschung auf dem Gesicht der Richtern zu erkennen.

Darauf folgen weitere Fragen und Aussagen, doch ich starre bloß aus dem Fenster. Das Unwetter hat sich mittlerweile gelegt und die Sonne scheint in den eins so trüben Raum. Ein wenig später fiel das Urteil, doch dieses Mal, betraf es nicht mich. Denn die Wahrheit hat schließlich viele Gesichter.

 

 

 

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Alma Jung gewinnt mit ihrem Drehbuchskript den Schreibwettbewerb „Schreib für Hanau“

Der Deutsch Leistungskurs von Frau Kuntzag hat an dem bundesweiten Schreibwettbewerb "Schreib für Hanau! Deine Worte für Zusammenhalt und Vielfalt", organisiert von der Initiative kulturelle Integration und dem Deutschen Kulturrat, teilgenommen. Dieser wurde anlässlich des rassistischen Anschlags in Hanau vor sechs Jahren ins Leben gerufen, um den zehn Ermordeten zu gedenken und sich gegen Rassismus und andere Formen der Diskriminierung und des Menschenhasses aufzulehnen. Der Beitrag von Alma Jung aus unserem LK wurde dabei als einer von zehn Gewinnerinnen-Texten aus ganz Deutschland ausgezeichnet, woraufhin der gesamte Kurs am 10. Februar 2026 zu der Gedenkveranstaltung und den dazu angebotenen Workshops eingeladen wurden. Als Abschluss haben wir bei der Abendveranstaltung in der Staatsbibliothek zu Berlin gemeinschaftlich Almas Text präsentiert. Zudem wurden alle anderen Gewinnerinnen-Texte vorgetragen und es gab interessante Gespräche sowie musikalische Auftritte.

Julia Rolka und Nursseg Nyamusa aus dem LK Deutsch der Stufe 11

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Der Schreibwettbewerb an der Bertha-von-Suttner im Schuljahr 2024 / 2025

Beim diesjährigen Schreibwettbewerb hatten wir uns für das Format Dramenszene entschieden, was für alle Beteiligten neu und herausfordernd war. Gleichzeitig gab es viele Gruppeneinsendungen, was schön und wohl auch der Gattung geschuldet ist. Das Thema „Die Ruhe vor dem Sturm“ wurde von vielen wörtlich und von anderen eher metaphorisch ausgestaltet. In der Klassenstufe 5/6 gab es zudem viele witzige Umsetzungen als Sketche. Somit hatten wir insgesamt 35 Beiträge, die die Vielfalt und kreativen Ideen unserer Schülerschaft widerspiegeln.

Unser Glückwunsch gilt allen, die an dem diesjährigen Wettbewerb teilgenommen haben und besonders den Gewinner*innen:
Jahrgang 5/6
1. Platz E. Kukla und G. Niederland (6): „Peter kommt zu spät“
2. Platz Y. Schatral und D. Seidelsohn (…): „Ruhe vor dem Sturm“
3. Platz O.L. Curran (6): „Der Neujahrsvorsatz“
Jahrgang 7 / 8
1. Platz M. Müller (8): „Glasige Augen“
2. Platz J. Bratouss und B. Dragolovcanin (8): „Im Garten Gethsemane“
3. Platz S. Nitz (7): „Die Ruhe vor dem Sturm“
Jahrgang 9 / 10
1. Platz T. Bauer, A. Vollendorf, N. Newby und J. Rolka (10): „Die Stille vor dem Sprung“
2. Platz F. Grieffenhagen, M. Ostrop, D. Saatmann, M. Schneider (10): „Die Ruhe vor dem Sturm“
3. Platz A. Korain, R. Willard, M. Haench, Leoneska, A. Santarius (10): „Gallen“
Jahrgang 11/12
1. Platz A. Ibing und S. Pohle mit “Des Pudels Kern“
2. Platz E. Buder (11): „Staub über Morgen“
3. Platz N. Born (11): „Vier Worte“

Die Geschichten sind unter diesem LINK nachzulesen.

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Rückmeldungen der Jury

Jahrgang 5/6

Jury: L. Bäumler, L. Schönle, F. Smolenski, U. Wonnemann

1. Platz E. Kukla und G. Niederland (6): „Peter kommt zu spät“

Euer Sketch ist besonders herausgestochen und hat uns sehr beeindruckt, weshalb wir euch als Siegerinnen des diesjährigen Schreibwettbewerbs der Jahrgangsstufen 5/6 ausgewählt haben. Euer Sketch ist lebendig und hat uns beim Lesen sehr viel Freude bereitet, auch weil er eine Situation aus unser aller Leben auf witzige Art aufgreift. Eure Sprache ist authentisch und eure Grammatik und Rechtschreibung makellos. Vielen Dank für eure Einsendung und wir würden uns freuen, würdet ihr nächstes Jahr erneut teilnehmen :).

Euer Deutsch Leistungskurs von Frau Boldt

2. Platz Y. Schatral und D. Seidelsohn: „Ruhe vor dem Sturm“

Wir freuen uns, dass ihr beim diesjährigen Schreibwettbewerb den zweiten Platz der

Jahrgangsstufen 5/6 belegt habt. Euer Sketch hat uns sehr amüsiert und ihr habt es geschafft, den bekannten Witz für die Bühne umzuarbeiten und dabei das Genre Sketch besonders gut zu erfüllen. Vielen Dank für euer Engagement und euer Produkt und wir würden uns über zukünftige Einsendungen von euch freuen.

Euer Deutsch Leistungskurs von Frau Boldt

3. Platz O.L. Curran (6): „Der Neujahrsvorsatz“

Herzlichen Glückwunsch zum dritten Platz des diesjährigen Schreibwettbewerbs der

Jahrgangsstufen 5/6! Dein Sketch zeigt, wie sprachliche Missverständnisse im Alltag zu komischen Situationen führen können und hat uns nicht nur viel Freude beim Lesen bereitet, sondern uns auch angeregt, über sprachliche Bilder in der Alltagssprache nachzudenken. In deinem Sketch greifst du gleich mehrere solche Missverständnisse auf, die jeder für sich schon einen Sketch Wert sind. Wir bedanken uns herzlich für dein Engagement.

Dein Deutsch Leistungskurs von Frau Boldt

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Jahrgang 7/8

Jury: M. Rocks, M. Rösler, V. Schubbert, J. Welk

Nach langem Überlegen haben wir uns für drei Texte entschieden, die wir auszeichnen wollen:

1. Platz: Marleen Müller (8a) mit „Glasige Augen“

Dein Text hat uns besonders gut gefallen, da du Geschichte mit Deutsch super verbunden hast. Du hast starke Emotionen durch deine Dramenszene übermittelt, mit einem erschütternden Setting und einer lebendigen Protagonistin, sodass wir durch die Identifikation mit ihr angeregt wurden, uns mit dem wichtigen wie aktuellen Thema Krieg auseinanderzusetzen. Deswegen haben wir uns entschieden dir den ersten Platz zu geben. Herzlichen Glückwunsch!

2. Platz: Berina Dragolovcanin und Johanna Bratouss (8a) mit „Im Garten Gethsemane“:

Euer Text überzeugt besonders durch die außergewöhnliche Idee mit theologischem Bezug und eine interessante Interpretation des Wettbewerbsthemas. Doch auch mit eurer einzigartigen Schreibweise habt ihr euch den zweiten Platz wirklich verdient. Herzlichen Glückwunsch!

3. Platz: Sophie Nitz mit „Die Ruhe vor dem Sturm“

An deinem Text hat uns besonders gut die sich langsam aufbauende Spannung gefallen, die perfekt zum Thema passt. Du hast deine Dramenszene nicht nur ausgedacht, sondern auch Ideen der Inszenierung gegeben, wie beim richtigen Theater. So konnte man sich die Situation richtig gut vorstellen. Zudem greifst du das Genre des sozialen Theaters auf – eine tolle Leistung in Klasse 7!

Daher haben wir entschieden dir den dritten Platz zu geben. Herzlichen Glückwunsch!

Allen anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern möchten wir ebenfalls gratulieren. Ihr habt tolle Texte geschrieben. Jeder einzelne Beitrag hatte etwas Besonderes. Vielen Dank für eure

Einsendungen und eure Teilnahme am Wettbewerb.

Euer Deutsch Lk von Frau Boldt

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Jahrgang 9/10

Jury: L. Blaschka, E. Flentge, R. Hanke, D. Reinberga

1. Platz T. Bauer, A. Vollendorf, N. Newby und J. Rolka (10): „Die Stille vor dem Sprung“

Herzlichen Glückwunsch zum ersten Platz beim diesjährigen Schreibwettbewerb in der

Jahrgangsstufe 9/10! Eure Dramenszene hat uns vor allem wegen Eures kreativen und modernen Ansatzes sehr imponiert und die Spannung war kaum auszuhalten. Besonders fanden wir neben der Originalität vor allem jedoch die beiden Charaktere, die ihr so wunderbar mit Gedanken und Gefühlen zum Leben erweckt und gleichzeitig durch ihre Namenlosigkeit mysteriös gestaltet habt.

Vielen Dank für Eure Einsendung, es hat uns sehr viel Freude bereitet, Eure Dramenszene zu lesen und wir hoffen, dass Euch die Lust am Schreiben weiterhin bestehen bleibt.

2. Platz F. Grieffenhagen, M. Ostrop, D. Saatmann, M. Schneider (10): „Die Ruhe vor dem Sturm“

Wir gratulieren euch herzlich zum wohlverdienten zweiten Platz des diesjährigen

Schreibwettbewerbs! Eure Szene hat mit ihrer originellen Handlung, den klugen Dialogen und den authentischen Charakteren geglänzt. Das Gespräch zwischen dem ruhigen Anwalt Dr. Berger und der verzweifelten Sophie im kargen Nebenzimmer des Gerichtsgebäudes ist euch sehr eindrücklich gelungen. Besonders gut fanden wir die Darstellung des inneren Konflikts eurer Protagonistin. Sophie wurde angeklagt, weil sie Menschen geholfen hat, sicher über die Grenze zu kommen. Sie

fühlt sich, als würde nicht das Unrecht bestraft, sondern ihre Menschlichkeit. Ihr habt die

Spannung vor Beginn der Verhandlung hervorragend eingefangen. Eine wirklich gelungene und durchdachte Umsetzung des Wettbewerbsthemas!

3. Platz A. Korain, R. Willard, M. Haench, Leoneska, A. Santarius (10): „Gallen“

Bei eurer Dramenszene stach vor allem der passende Themenbezug zum Wettbewerbsthema „Ruhe vor dem Sturm“ hervor! Während ein Wirbelsturm auf die kleine Fischerinsel zusteuert, möchte Oli am liebsten sofort die Insel verlassen. Doch ihre Eltern bleiben gelassen und behaupten, der Sturm würde, wie viele Jahre zuvor schon einmal, gar nicht kommen. Als Oli schließlich doch vor die Tür geht, hat der Sturm alles verwüstet. Man hatte hier sofort ein detailliertes Bild eurer Figuren vor den Augen. Auch das Setting eurer Szene war sofort deutlich. Herzlichen Glückwunsch zum dritten Platz des diesjährigen Schreibwettbewerbs!

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Jahrgang 11/12

Jury: M. Blagojevic, M. Mönnich, A. Matsuki, M. Ticevic

1. Platz A. Ibing und S. Pohle (11) mit “Des Pudels Kern“

Herzlichen Glückwunsch! Ihr habt beim diesjährigen Schreibwettbewerb den 1. Platz belegt.

Besonders überzeugend ist die originelle Handlung und der dramengerechte Aufbau des Textes. Auch der spannungsvolle Aufbau, bei dem das Thema des Wettbewerbs „Die Ruhe vor dem Sturm“ durch die Gesprächsentwicklung umgesetzt wird, ist sehr gut gelungen. Der Text endet mit einem durchdachten Wendepunkt, der das weitere Handlungsgeschehen offenlässt. Zudem überzeugt der Text durch seine sprachliche Qualität.

2. Platz E. Buder (11): „Staub über Morgen“

Herzlichen Glückwunsch für den 2. Platz beim Schreibwettbewerb! Du hast uns besonders mit deiner kreativen Idee für das Setting überzeugt. Dessen bedrückende Atmosphäre wird durch die passende Sprache in der Figurenrede und den Regieanweisungen verstärkt. Dadurch entwirfst du mit ausdrucksstarken Mitteln präzise sowohl die Figuren als auch ein Bühnenbild, das als Rahmen der Handlung vor unseren Augen erscheint.

3. Platz N. Born (11) mit „Vier Worte“

Herzlichen Glückwunsch! Du hast beim diesjährigen Schreibwettbewerb den 3. Platz belegt.

Besonders überzeugt in deiner Szene hat uns die Dialoggestaltung als Gedankendialog. Dieser spiegelt das Spannungsfeld von Einsamkeit und Distanz, das im Setting einer Zugfahrt herrscht und zudem Thema des auch sprachlich komplex gestalteten Dialogs ist. Auch gefallen hat uns die kreative wie einfache Idee, das Wettbewerbsthema durch die Namen der Protagonistinnen aufzugreifen.