Abiturentlassungsfeier 2006

Jedes Jahr verlässt ein Abiturjahrgang die Suttner und jedes Mal wieder werden die Freude an bestandenen Abiturprüfungen und der Spaß während der Abiturfeierlichkeiten beeinträchtigt durch Wehmut und Sentimentalitäten des Abschiednehmens.

110 Schülerinnen und Schüler hatten sich zu den Abiturprüfungen 2006 gemeldet, von denen 108 bestanden haben.
Mit einer Durchschnittszensur von 2,4 liegt der Abiturjahrgang um 0,3 Notenpunkte über dem Berliner Schnitt von 2,7.

Auch die Tatsache, dass 27 (!) Abiturienten einen Notendurchschnitt besser als 2,0 erzielen konnten, ist besonders bemerkenswert. Herausragendes Ergebnis war der Notendurchschnitt 1,0 von Ch. Zoschkehttp://www.tagesspiegel.de/sonderthemen/archiv/28.06.2006/2611431.asp.

Der Abiturjahrgang 2006 war in den Abiturprüfungen ein sehr leistungsstarker Jahrgang, der aber auch die Feste zu feiern wusste, die nach den Prüfungen anstanden.

Abistreich, Abiparty, Abifeier und Abiball beinhalteten eine Steigerung purer Lebensfreude und demonstrierten das gute Verhältnis von Lehrern und Schülern des Jahrgangs.

Im Rahmen der Abiturfeier mit der Aushändigung der Abiturzeugnisse im Ernst-Reuter-Saal des Rathauses Reinickendorf am Freitag, 16. Juni 2006, wurden 17 Schülerinnen und Schüler des Abiturjahrganges 2006 besonders geehrt. Sie erhielten für besonderes Engagement oder hervorragende Leistungen einen Buchpreis mit einer Urkunde überreicht. Frau Dr. Fries hielt eine temperamentvolle Ansprache für die Lehrerschaft und Na-Rhee Scherfling und Frank Berliner redeten mitreißend für ihren Abiturjahrgang.

Allen Abiturienten sei auf diesem Wege noch einmal zugerufen:

Gratulation zum Abitur und Danke für die gemeinsame Zeit!

Na-Rhee Scherfling und Frank Berliner
Abiturjahrgang

Abiturrede 2006 von Fr. Dr. Fries

Liebe Abiturienten, liebe Eltern und Nahestehende, liebe Kollegen!


Oft werden Sie während Ihrer Schulzeit das wohlige Gefühl der Sicherheit verspürt haben: Ich kann nicht mehr aufgerufen werden!

Es hat einen anderen getroffen. Herrlich dieses Gefühl, in aller Ruhe dahindämmern zu dürfen.

Doch: Es ist eine trügerische Ruhe, denn schon hat einen der Blick des Lehrers ereilt, fixierend, forschend, fragend, aus ist’s mit der Ruhe!

So ging es mir, meine Lieben, als vor einigen Wochen unsere Schulleiterin mit der Bitte an mich herantrat, heute die Abiturrede für Sie zu halten.

„Die Reihe war schon einmal an mir – vor acht Jahren – und ein altgedienter Kollege versicherte mir damals, man müsse nur einmal während der gesamten Dienstzeit!“

Doch das freundliche Insistieren, die unausgesprochene, deutliche, befehlende Erwartung einer Zusage meinerseits brachte mich völlig durcheinander.

Heutzutage lädt man bei solchen Gelegenheiten schnell etwas aus dem Internet herunter. Meine Schüler wissen, wie ich zu dieser immer mehr unser Leben beherrschenden gefährlichen Einrichtung stehe.
Selbstverständlich verbietet es auch der Stolz eines intellektuell Arbeitenden und die Achtung vor Ihnen, liebe Abiturienten, dieses monströse Hilfsmittel fahrlässig und bequem zu gebrauchen.

Eines Nachts träumte ich von Ihrem Jahrgang, liebe Abiturienten, ich sah Sie alle deutlich vor meinen Augen. Wir konjugierten zusammen, wir deklamierten Hexameter und andere wundervolle lyrische Versmaße hinter verschlossenen Türen, wir sprangen übers Pferd, rollten über die Turnmatten, hechelten um den Sportplatz, aßen zusammen Kuchen und setzten Gerüchte in die Welt. Wir grüßten uns
- auch wenn wir uns nicht kannten – lächelten uns zu und hielten uns gegenseitig die Türen auf!

Da stand mein Entschluß fest – ich musste noch einmal zu Ihnen reden! Zwei Personen hatten mich besiegt: Unsere Frau Randelhoff und der pädagogische Eros!

Da sehe ich eine meiner Schülerinnen, Yasemin, die entrüstet die Lippen schürzt – Eros Pfui – jetzt wird sie wieder unmoralisch, das kennen wir ja schon zur Genüge. Angelos lächelt freundlich, aufmunternd. Daniel seufzt seinen schulbekannten Seufzer oooojeeeh.
Katharina guckt distanziert – abwartend, Katrin und Wilhelmine sind um meine Würde besorgt, Iussuf befürchtet, dass ich mich in philosophischen Abgründen verheddere. Keine Angst!

Wir wissen ja eigentlich alle, dass mit dem pädagogischen Eros die platonische geistig-seelische Bindung zwischen Lehrer und Schüler gemeint ist, die dem Zwecke der Erkenntnisgewinnung dient.

Erlauben Sie mir also, Ihnen eine letzte Lektion zu erteilen!

Meine Schüler kennen diese Einlagen aus meinem Unterricht, und manche nennen es Fries’sche Lebenskunde. Ausnahmsweise lassen wir Eltern und Kollegen als Zuhörer zu. Auch zufällig anwesende Evaluatoren der Senatsschulverwaltung – sei’s drum!

Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen, die ich neulich in einer größeren Tageszeitung las. Da soll es tatsächlich südlich von London ein privates College geben, das seinen Schülern Unterricht im Glück-
lichsein erteilt. Man stelle sich das so vor: Lehrer fragt:“ George, kannst Du mir sagen, was Glück bedeutet?“ George antwortet:“ Äh, nee!“
Lehrer:“ Ungenügend! Setzen!“ Ruft Susan auf. Susan seufzt:“ Eine romantische Nacht, allein mit einem coolen Prinzen auf einer einsamen Yacht vor einer einsamen Insel mit Champagner!“

Was sagen Sie dazu? Ich habe – unbemerkt – bei Ihnen nachgefragt.

Folgende Antworten erhielt ich:
Glück ist das erste Bier nach bestandener Prüfung!
Glück ist in Sicherheit zu leben! Glück bedeutet Gesundheit! Glück ist es, eine Familie zu haben! Glück ist, wenn etwas zu meiner Zufriedenheit gelingt! Glück ist schwer zu definieren! Glück ist eine Hormonausschüttung!

Ah, da hinten ruft jemand etwas, habe ich das richtig verstanden?
Glück ist Bildung? Bildung!

Haben wir Sie nach ca. 9 bzw. 7 Jahren Gymnasialzeit in den Glückszustand der Bildung versetzen können?
Der Sache müssen wir auf den Grund gehen!

Im Fächerplan des Gymnasiums in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte nahezu alles eine Heimat gefunden, was der benötigte, der vor sich selbst und vor anderen als gebildet gelten wollte:

Alte Sprachen, neue Sprachen, Geschichte, Künste, Mathematik, Naturwissenschaften.
Im Lauf des 20. Jahrhunderts setzte man diesen Fächerkanon der Konkurrenz der Gymnasien aus, es entwickelten sich Schulen mit bestimmten Schwerpunkten.

Das Ganze eskalierte im Kurssystem, in welchem der
Oberstufenunterricht weithin der Wahl und Willkür des einzelnen Schülers anheimgegeben wurde. In der Folge verzichtete man auf einen festen Bestand zu behandelnder Stoffe.

Das Nützlichkeitsprinzip brach sich Bahn.
Geben Sie es offen zu, liebe Abiturienten, wie oft haben sie still oder auch laut gefragt: Wozu soll das gut sein, was ich da lernen muß?
Nützt mir das später?

Ich darf Sie beruhigen und trösten, ich mache Ihnen dieses Denken nicht zum Vorwurf – sie sind Opfer! Diese krebsartigen Wucherungen des Nützlichkeitsdenkens, für das nur die berufsvorbereitende Ausbildung zählt, ist die vorherrschende Einstellung in unserer Gesellschaft.
Wir Pädagogen müssen uns an die eigene Nase fassen, wir hätten rechtzeitig der Beliebigkeit und der Flucht aus den Inhalten wehren müssen!

Zur Zeit herrscht ein pädagogischer Imperialismus im Schulwesen, der nur noch auf Strukturen aus ist und statt konkreter Lernziele Kompetenzen andient und die Methoden über die Inhalte stellt!

Diese Auswüchse hat manch einer von Ihnen oft im Unterricht erleben müssen und sich nicht selten darüber beklagt! Warum hören wir zu wenig auf unsere Schüler? Sie erkennen mit feinem Gespür die Auswüchse der Pädagogik.

Ich zitiere die Schülerschaft:“ Ein Arbeitsbogen nach dem anderen, schon wieder Gruppenarbeit, wieder PSE, Präsentationen als Selbstzweck,eine bessere Benotung von Leistungen, wenn sie nur mit gehörigem Medieneinsatz begleitet wurden, Power Point- das Zauberwort – auch wenn der Inhalt nichts taugt. Mehr Schein als Sein! Außen hui, innen pfui, wie meine Groß-
mutter bei solchen Anlässen zu sagen pflegte.

Noch nie hat man in Bildungsfragen so ängstlich und einseitig auf Nützlichkeit für das berufliche Fortkommen gepocht. Glauben Sie nur nicht, ich verstünde die schwierige Situation nicht, in der sich Schulabgänger heutzutage befinden! Ich weiß, dass für manch einen von Ihnen die finanzielle Unabhängigkeit aufgrund familiärer Bedingungen die größte Priorität besitzt.
Aber fest steht: Die Angst vor wirtschaftlicher Unterlegenheit vertreibt die letzten Reste freien Lernens. Für Selbstentfaltung, für den gelassenen Erwerb eines weiten Horizontes kann keine Zeit mehr erübrigt werden.

Wer aber Erziehung nur als Vorbereitung zum Geldverdienen begreift und Bildung nur als Konditionierung für bestimmte Berufe, der verkennt ihre eigentliche Aufgabe:
Bildung des Herzens, Bildung des Charakters, Bildung der Persönlichkeit.

Ja, Sie da drüben in der lila geblümten Bluse, sie haben völlig recht.
Der nur linear ausgebildete Spezialist verbraucht sich in der Hektik des alltäglichen Konkurrenzkampfes. Er läuft Gefahr, innerlich zu verbrennen. Kinder, nehmen Sie sich Zeit, ihre seelischen und geistigen Energien aufzufrischen. Werden sie langsamer! Schalten
Sie Ihr Handy und Ihren Computer aus! Das meiste, was Sie dort erfahren, ist ohnehin überflüssig .
Was eben gerade geschehen, aktuell ist, ist im nächsten Moment, morgen spätestens schon überholt.

Wie aber verhält es sich mit einem Satz wie „Audiatur et altera pars“ (Für Nichtlateiner: Auch die andere Seite will gehört sein!) oder dem Ausruf der Antigone „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da“ ? Da geht es nicht um das Hier und Jetzt äußerer Abläufe, sondern um die Bedeutsamkeit für den Menschen! Da wird eine geistige Aktualität sichtbar, die den Kopf und das Herz angeht, die von unbegrenzter Dauer ist!

Begeben Sie sich in Räume der Kultur, wo Traditionen gepflegt werden. Diese besitzen auch eine Nützlichkeit. Sie nützen der Menschwerdung und dem Leben als Mensch.

Wer bewahrt, verliert, las ich neulich als Schlagzeile. Es war in dem folgenden Artikel ironisch gemeint! Gott sei Dank auch! Welch ein Unsinn!

Aus den Wurzeln der Geschichte, Literatur und Philosophie wachsen die Maßstäbe, die wir heute brauchen.

Immer wieder bin ich mit meinen Schülern im Unterricht zu der Erkenntnis gelangt, dass uns die Texte der Vergangenheit Prägungen, Haltungen, Vorbilder vermitteln, Werte, moralische Leitplanken, ein
‚inneres Geländer’ wie Hannah Arendt einmal treffend bemerkte. Sie bieten uns eine reiche Sammlung von Antworten auf die Frage nach dem richtig gelebten Leben, nach Tugend und Untugend, Humanitas und Bestialität, Gemeinwohl und Selbstbezogenheit.

Der römische Philosoph Seneca sagte einmal: „Das Verdauen eines Inhaltes zu Körpereigenem ist Bildung“. Recht hat er!

Und – was haben sie verdaut, liebe Abiturienten?

Was, wie bitte, was rufen Sie da rechts unten? Sie müssen sich schon etwas klarer ausdrücken! Aber danke, dass Sie mich auf etwas bringen.
Sie haben es sicher in Ihrer Schullaufbahn häufig bemerkt: Es gibt bisweilen nichts Schwierigeres, als sich klar und deutlich auszudrücken.

Lassen Sie es sich klipp und klar sagen: Verkommene und fehlerhafte Sprache weisen hin auf fehlerhaftes Denken! Irrtümer und fanatische Meinungen treten häufig mit einer verworrenen Sprache und schlechtem Stil zusammen auf. Die Verdorbenheit der Sprache wirkt
sich nachteilig auf die sittliche Haltung aus. Glück durch Bildung kann nur auf der Grundlage einer gediegenen Sprache entstehen!

Also, Sie da unten rechts, achten Sie auf Ihre Sprache!

Haben wir Ihnen Glück durch Bildung vermitteln können?
Wir haben unser Möglichstes getan!
Was forderte der Berliner Landesschülersprecher neulich in einer der unsäglichen Beilagen zur Schule einer Berliner Tageszeitung?

Weniger Beamte, mehr menschgebliebene Lehrer brauchen wir! Junger Mann, an uns soll es nicht liegen, rufen wir empört! Machen Sie doch bitte schön die verantwortlich, die diesen Zustand herbeigeführt haben! Aus menschlichen Lehrern sind Papiertiger geworden!Und leider haben wir Sie während ihrer gesamten Schulzeit mit Papierfluten überschwemmt in der irrigen Überzeugung, das wäre der Weg zur Bildung! Entschuldigen Sie bitte!

Aber wie steht es eigentlich mit ihnen?
Haben Sie sich auch Bildung vermitteln lassen?
Kennen Sie die Geschichte von Herrn Schwarzerde?
(Genaugenommen heißt er Schwartzert).
Er hat eine Schrift verfasst mit dem Titel ‚De miseriis paedagogorum’ (Über das Unglück und Elend der Lehrer). Er meint dort, nicht einmal im Zuchthaus können Menschen unglücklicher sein denn als Lehrer. Die Aufgabe, Schüler zu unterrichten, sei so undankbar wie die, ein Kamel tanzen oder einen Esel Flöte spielen zu lehren. Es fehle den Schülern an jeglichem Interesse für die Sache.

Nur gezwungenermaßen nähmen sie ein Buch in die Hand. Notorisch sei ihre Undankbarkeit. Sie meinten, niemand mache sich weniger um sie verdient.
Keine wesentlich andere Haltung nähmen die Eltern ein. Sie dächten nicht daran, den Lehrer für die Lernerfolge der Schüler zu loben, machten ihn aber für ihre Mängel verantwortlich.

Nichtsdestotrotz hat sich Herr Schwarzerde selbst besonderer Wertschätzung als Lehrer erfreut. Er wurde der ‚praeceptor Germaniae’ genannt. Natürlich, wir wissen es nun, wer sich hinter Schwarzerde verbirgt: Philipp Melanchton.

Liebe Abiturienten, wenn ich speziell Sie hier vor mir sitzen sehe, glaube ich nicht mehr ganz an die Wahrheit der Beobachtungen Melanchtons aus dem Jahr 1533.
Dieser, ihr Jahrgang hat hervorragende Leistungen auf dem Weg zum Abitur und in der Abiturprüfung vollbracht. Ihr Einsatz in allen Bereichen des schulischen Lebens, ihr menschlicher Umgangston, ihre Fröhlichkeit, ihr Optimismus, ihre Sportlichkeit, ihre kritische aber gerechte Haltung muß hier unbedingt lobend hervorgehoben werden.

Sie erinnern sich – wir sprachen anfangs von Glück.
Unser Glück, das Glück der gesamten Lehrerschaft der B-v-S waren Sie, die wir - jeder auf seine unnachahmliche Art nach bestem Wissen und Gewissen - bilden und erziehen durften. Auch wir haben viel von Ihnen gelernt! Dafür bedanke ich mich auch im Namen meiner Kollegen bei Ihnen.

Liebe Abiturienten, ich hoffe, ich habe einen winzigen Funken meines pädagogischen Eros in Ihnen entfachen können.

Ich entlasse Sie aber nicht aus meinen Fängen, ohne Ihnen eine letzte Hausaufgabe erteilt zu haben:
Achten und bewahren Sie unsere Sprache!
Machen Sie sich nicht zum Handlanger und Sklaven einer Wirtschaft, die den Menschen schon längst vergessen hat! Halten Sie Ihren Kopf hoch erhoben.
Gehen Sie sorgfältig um mit unserem geistigen Erbe (der Literatur, der Geschichte, der Philosophie), respektieren Sie es!

Schützen Sie unsere kulturellen Monumente, damit es uns nicht wie dem griechischen Kulturminister neulich ergeht. 27 kg Kaugummi mussten vom Marmor des Herodes Atticus Theaters in Athen entfernt werden. Banausen, sage ich da nur!

Zeigen Sie Charakter, Persönlichkeit und Herz! Bewahren Sie Vernunft und innere Ruhe – darin liegt das Glück!

Und nun wird es Zeit! Ich gratuliere Ihnen im Namen des gesamten Lehrkörpers der Bertha-von-Suttner-Schule zu Ihrer bestandenen Reifeprüfung mit einem lachendem und einem weinenden Auge. Besuchen Sie uns, sooft Sie es wünschen, und berichten Sie von Ihrem persönlichen Glück!

Was ist denn das nun wieder für ein Papier hier! Einen Moment – es sieht relativ wichtig aus!
Aha - ein Rundschreiben unserer Familienministerin.
Es sollen bei allen diesjährigen Abiturreden dezent gewisse Hinweise gegeben werden!

Nun- ich nehme einen Spruch meiner Großmutter (Jahrgang 1909) zu Hilfe, um dieser Dienstanweisung Folge zu leisten:
Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, wer nicht heiratet, bekommt kein Kind!

So, nun wäre auch das erledigt!
Im Vertrauen gesagt, ich bin gespannt, wann ich wieder reden muss!!!

Schülerrede zum Abitur 2006

Liebe Eltern, Großmütter- und Väter, Tanten und Onkel, liebe Freunde und weitere Angehörige!

Sehr geehrtes Lehrerkollegium.

Ihr- Wir- Abiturienten des Bertha von Suttner Gymnasiums!

Frank und ich begrüßen Sie alle herzlich zur Abiturentlassungsfeier 2006.

So viele Mottos und Devisen schwirren durch die Welt, sei es nun „In Vielfalt geeint“,“ Du bist Deutschland“ oder in diesem ball-lastigen Jahr das vertrauenserweckende „Die Welt zu Gast bei Freunden“.
Heute ist eines von ganz besonderer Bedeutung: „Gewappnet fürs Leben.“- Das ist das Abishirt- Abibuch- zierende Motto der hier anwesenden 109 Abiturienten und Abiturientinnen, und sollten wir mit dem Erhalt unseres Zeugnisses nun wirklich so weit sein, kann sich die Welt auf einen gewaltigen Ansturm an kompetenten Rittern und Ritterinnen gefasst machen.
Wer sich an dieser Stelle nun nach der Tafelrunde oder gar nach den drei Musketieren erkundigt, der muss teilweise enttäuscht werden. Natürlich hat diese Schule auch Kompetenzteams geschaffen, die, wenn man sie zusammen in die Prüfungen geschickt hätte, alle mit Bravour und „summa cum laude“ abgeschnitten hätten.
Doch trotz des vielgepriesenen, in der Arbeitswelt ach so essentiellen Teamgeistes werden aber „einer für alle und alle für einen “ sagen, dass die BvS vielmehr schwarze, rote und blaue Ritter hervorgebracht zu haben scheint- alles zweifellos hervorragende Einzelkämpfer, die sich aber höchstens zu ihren komplementärfarbenen Waffenbrüdern und Schwestern bekennen würden.

Kurz gesagt: Homogen und damit ein kollektives Gemeinschaftswesen war dieser Jahrgang in der Tat nicht.

Das fing schon in der 5.Klasse an, in denen wir uns erbitterte Völkerballspiele lieferten, die Brennbälle versuchten ,weiter zu werfen als die gegnerische Klasse oder unsere gegenseitige Existenz geflissentlich ignorierten. Mit den neuen Siebten entstand ein heilloses Gewusel an neuen Gesichtern und Vorurteilen, doch der eiserner Kommunikationsvorhang blieb.
Dort wurden die Fronten geklärt und mit der Mittel- und Oberstufe kam die kritische Phase der Durchmischung ...und PSE- Training:
Gruppenarbeit, Folienmalereien, Stuhldiskussionstänze, Vortragszirkulationen, wohlklingende Anglizismen wie „Wortcluster“ oder „Mindmapping“ sollten uns von nun an verfolgen. Hilfreich? Methodisch vielleicht nicht immer, aber auf sozialer Ebene dafür umso erfolgreicher. Man lernte sich besser kennen- mögen, lieben oder hassen. Voreingenommenheit wurde abgebaut oder verstärkt, aber wenigstens wusste jeder nun selbst, woraus der jeweils andere geschnitzt ist und man ging sich aus dem Weg oder trank auf Bruder- bzw .Schwesternschaft.
Davon abgesehen, dass Gemeinschaftssinn nicht notwendige und hinreichende Bedingung für einen erfolgreichen Jahrgang ist, konnte es nur besser werden.

Dieser Abijahrgang ist kein anonymer Tierverband geblieben.
Beweise lassen sich hier finden:
Zahlreiche Kursfahrten, die die ganze Bandbreite an spezifischen Eigenheiten abdeckte und manchmal nicht nur geographische, sondern auch ethologische Isolationsschranken beseitigte:
Von einer feuchtfröhlichen Tschechien-Fahrt; einem kultur- und fußintensiven, aber heiter gelassenen Trip nach London, der in aller Hergottsfrühe begann; einer frauenlastigen, sonnengeküssten Viaggio nach Sizilien, die einen die unerträgliche Leichtigkeit italienischen Seins näher bringen konnte; der Schüleraustausch ins Land mit den Elchen und dem teuren Bier; der Besuch in Schillers- und Goethes Weimar; einem faszinierenden Chinaaustausch, der neben kultureller auch kulinarische Exotik bereithielt und nicht zu vergessen einer grandiosen, schneereichen Skifahrt nach Österreich.
Hinzu kommen die gefeierten Theaterdarbietungen des DS-Kurses und des Leistungskurs Deutsch von Frau Burda. Beide Kurse haben dazu beigetragen, uns den Schulalltag zu verschönern und uns von ihrer schauspielerischen Finesse zu überzeugen.
Neben all diesen offiziellen, schulischen Veranstaltungen, gab es natürlich noch massenhaft Gelegenheiten für außerschulische Aktivitäten, denen man- hier aber nur grüppchenweise- gemeinsam in Form von Club-Bar- und Zoogängen nachgehen konnte.J
Sogar Lernzirkel vor dem Schriftlichen und dem Mündlichen wurden eingerichtet, die eine oder andere Mindmap fand ihre Daseinsberechtigung und ganz nebenbei wurde der ewige Kampf zwischen Grund- und Nichtgrundständigen zur temporären, friedlichen Waffenruhe gebracht.

Wir wollen aber nicht zu lange in die Vergangenheit zurückblicken, deswegen:
Es leben unsere kleinen und großen Unterschiede und- aus neun Jahren Oberschule habe ich zumindest gelernt, dass man nur durch die Verbindung von These und Antithese zur Synthese kommt.
Bewusst wie unbewusst haben wir also dieses dialektische Ideal erfüllt, erreicht und übertroffen, denn wir sitzen hier alle zusammen und warten auf den erlösenden Gang zum Zeugnis.

Neben den ebengenannten Erinnerungen, sowohl guten als auch schlechten, nehmen wir auch (hoffentlich zumindest) einige Fähigkeiten und Werte mit in unser weiteres Leben.
Neben Political Correctness - bloß nicht Negerkuss sagen und auch ja nicht die Redewendung „bis zur Vergasung“ verwenden-, hat man uns zum Beispiel gelehrt, sachliche Kritik zu äußern und auch selbst kritikfähig zu sein. Es ist also nur richtig wenn wir auch uns selbst und mit uns das heutige Schulwesen kritisch beleuchten können.
Man muss sich in Zeiten von Pisa-Studie und internationalem Wettbewerb also die sprichwörtliche Gretchenfrage stellen:
Sind wir gewappnet fürs Leben?! Ist Schule wie wir sie kennen den Anforderungen unserer Zeit und unserer Welt gewachsen?
Es ist sicher so, dass die enorme Bandbreite an Wissen und die Methoden weiteres Wissen anzusammeln, uns einen guten Start in die Arbeitswelt ermöglichen. Weiterhin wurden uns Dinge wie Ehrgeiz und Engagement, aber auch Teamfähigkeit und Toleranz näher gebracht, die aus der Wirtschaft nicht mehr weg zu denken sind.
Doch die berufliche Spezialisierung in bestimmten Bereichen, wie sie die Wirtschaft neben Flexibilität heute mehr fordert denn je, die ist bei einem Physik-Leistungskursler der vier Sportkurse hinter sich bringen muss oder einem Germanistikstudenten, der die Regula Falsi erklären soll ,vielleicht nicht ausreichend bedacht worden. In der heutigen Zeit ist es, ganz im Sinne der gesunden Selbstkritik, vielleicht gar nicht das Verkehrteste einmal zu überdenken, an welchen Stellen unser Schulsystem seine Schüler auf ihrem Weg, die benötigten Spezialisten zu werden, fördert und an welchen Stellen es behindert.
Geschweige der Tatsache, dass nur Philosophen es sich leisten können, Generalisten zu sein und die verdienen ja bekanntlich kein Geld....

Was haben wir nun gewonnen von 13 Jahren humanistischer Bildung ( mit Qualität)? Gilt es jetzt, hier ein Fragezeichen zu setzen angesichts der Ungewissheit, ob man so gut auf das kommende Leben vorbereitet wurde? Sind wir nun Träger berufstauglichen Wissens?
Wie bei einem guten Essen ist auch Schule nur das hors d’oeuvre , die folgenden Hauptgänge stehen uns noch bevor:
Für die einen gilt dabei womöglich, in Maßen zu essen- will man doch seine Figur halten, andere mögen wie die alten Römer die „cena trimalchionis“ zum Vorbild haben und sich am großen Wissensbüffet gütlich tun.

Und hier sind wir nach alledem also angelangt, nach 13 langen Jahren (ja, bei dem einen oder anderen waren’s ein paar mehr). Jahre voller Hausaufgaben und Klassenarbeiten, voll Referaten und Warten aufs ersehnte Pausenklingeln. Wir haben bestimmt nicht immer gelacht und noch weniger waren wir immer mit allem zufrieden, doch ich denke ich darf sagen, dass jeder der heute Anwesenden zufrieden mit dem sein darf, was heute hier gefeiert wird, sowohl Schüler als auch Lehrer, Verwandte und Bekannte, die sie alle ihren Abiturienten auf ihre Weise unterstützt haben in diesen 13 Jahren, Wir alle haben Durchhaltevermögen und Standhaftigkeit bewiesen , was man nie als Selbstverständlichkeit betrachten sollte.

Aus diesem Grund lasst uns für unsere Freude und Stolz über das bestandene Abitur die angemessene ,feierliche Untermalung genießen und anschließend das Schulleben dieses hehren Bildungsinstituts mit erhobenem Haupte hinter uns lassen. Auch wenn viele dann plötzlich mit hängenden, ja zuckenden Schultern vor dem Dunkel der Zukunft stehen.
Die drei Parzen, die besonders unsere Lateiner begleitet haben, hüllen sich hier nun in bedeutungsschwangeres Schweigen.
Was können wir also vom Leben erwarten und umgekehrt? Mögliche Antworten gaben mir zum einen ein weiser, großer Mensch, der schon in frühen Jahren zu mir und anderen sagte:
„ Folks, who says life’s fair?“, während in späteren Jahren ein patenter, kleinerer Mensch versuchte, mich mit seinem Universaloptimismus anzustecken und das Sätzchen „Alles wird und ist gut“ mich von nun an ewig verfolgen wird.

In diesem Zuge möchten wir uns aber noch einmal insbesondere bei allen unseren Lehrern bedanken, die uns den Weg zum Abitur ebneten und uns sicher durch die 4 Semester gebracht haben, besonders Frau Ites und Herrn Zimmermann, die als Pädagogische Koordinatoren mit viel Witz, Engagement und Langmut hervorragende und erfolgreiche Arbeit leisteten.
Wir bedanken uns für ihren Beitrag zu unserer Zukunft und hoffen, dass sie noch vielen Jahrgängen so zur Seite stehen.

Ebenso danken wir unserer Schulleiterin Frau Randelhoff für ihren Willen, die Schule und ihre Schüler zu etwas besonderem zu machen.

Und schließlich danken wir unserem Hausmeister Herrn Kielblock, der diese Schule und seine Schüler nicht einfach als einen Arbeitsplatz betrachtet, sondern als gute Seele der BvS für einen reibungslosen, heiteren Schulalltag sorgt.
Es ist soweit, es gibt kein Zurück werte Mitschülerinnen und Mitschüler, jetzt werden wir endgültig erwachsen. Wir wissen nicht hundertprozentig was vor uns liegt und wir wissen auch nicht, welche Aufgaben uns mit der Zeit gestellt werden, doch wir haben alle gut gelernt und sollten uns vor dieser Prüfung jetzt wirklich nicht verrückt machen. Jeder geht jetzt seinen Weg, manch einen führt dieser Weg vielleicht in 20 Jahren wieder hierher, wenn er seinem Kind beim Verlesen seiner Abi-Rede zusieht. Tatsache ist jedenfalls, dass wir alle Stolz auf uns sein können und auch Stolz sein sollten. Wir haben mit dem Abitur mehr erreicht als viele Andere in unserem Alter. Und dies sollte uns allen ein Ansporn sein, nicht zu vergessen, dass wir ein Ziel erreichen können, wenn wir es nur wollen. Das galt für das, was wir in der Vergangenheit getan haben und das sollte auch gelten, für alles, was wir in der Zukunft noch tun werden.

Abitur 2006?- Da ist nur eines sicher und damit schließe ich mit den klugen Worten Mephistos aus Goethes Faust: „ damit du, losgebunden, frei,/ Erfahrest was das Leben sei“(V.1542.f).

Wir wünschen euch allen viel Glück und die Erfüllung eurer Ziele.

Vielen Dank sagen Frank Berliner und Na-Rhee Scherfling.