Abiturentlassungsfeier 2009

Am Freitag, den 26.06.09 erhielten die Abiturienten in einem feierlichen Rahmen im Ernst-Reuter-Saal ihre Abiturzeugnisse. 113 Abiturienten kamen mit Eltern und Angehörigen, so dass der Saal gut gefüllt war. Das Orchester unter Leitung von Frau Suckow eröffnete die Veranstaltung nachdem alle Abiturienten unter dem Applaus der Gäste den Saal betraten.

Frau Randelhoff-Szulczewski begrüßte alle Anwesenden und stellte die Programmpunkte dieser Feierstunde vor.
Das Orchester führte weiter durch das Programm und wurde tänzerisch begleitet von Anna Sophie Drosd und Sascha Bartsch. Der Kurs Darstellendes Spiel von Frau Burda präsentierte das Stück "schul.zeit".

Orchester und Darstellendes Spiel
Frau Frau Randelhoff-Sz., Frau Drews und A.-K. Schaube & J.E. Thie

Es sind aber auch viele Schüler hervorzuheben, die mit einer Eins vor dem Komma ihr Abitur beendeten. In diesem Jahrgang waren es 28 Abiturienten. Besonders sind die fünf Jahrgangsbesten mit der Traumnote 1,0 zu erwähnen: Sarah Huber, Kristin Lange, Maximilian Brauner, Gunther Mohr sowie Maximilian Staudt.
Dann endlich folgte der langersehnte Höhepunkt der Feier: die Überreichung der Abiturzeugnisse duch Frau Randelhoff-Sz., Frau Ites-P. und Herrn Zimmermann. Alle Abiturienten blieben nach der Zeugnisübergabge zum gemeinsamen Gruppenfoto auf der Bühne und erhielten ihren verdienten Applaus.

Den Abschluss der Feierstunde gestaltete der Abiturientenchor unter Leitung von Sophie Mossakowski mit Liedern von ABBA und EARTH, WIND AND FIRE.

Mit dem traditionellen Umtrunk im Foyer, in diesem Jahr dankenswerter Weise mit Unterstützung des Leistungskurses von Frau Gerber organisiert und gesponsert vom Verein der Freunde des Gymnasiums, wurde der Abend beendet und die Abiturienten ins Leben entlassen.
Wir wünschen Ihnen alles Gute und sie mögen sich an ihre "Wurzeln" erinnern und "die "Flügel" benutzen, die das Bertha-von Suttner-Gymnasium" ihnen für ihre Zukunft mit auf den Weg gab.


F. Zimmermann, 29.06.09

Abiturrede 2009 (Frau Drews)

Rede zur Vergabe des Abiturs 2009 am Bertha-von -Suttner-Gymnasium Berlin

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, sehr geehrte Eltern, Großeltern , Verwandte und Freunde, liebe Kolleginnen und Kollegen!

Ich komme zum Schluss...... Die Lehrerrede zu Ende, bevor sie begonnen hat ? Die Vergabe der Abiturzeugnisse in greifbare Nähe gerückt? Ja, das wär’s, nicht wahr? Großartig.

Aber nein. Diesen Gefallen kann ich Ihnen leider nicht tun, denn, liebe bald ehemalige Schülerinnen und Schüler, ich komme zu Ihrem Schluss, Ihrem Abschluss nämlich, zum Abschluss Ihrer Schullaufbahn und dazu, zum bestandenen Abitur, möchte ich Ihnen zunächst – im Namen der Lehrerschaft des Bertha-von-Suttner-Gymnasiums - ganz herzlich gratulieren.

Dieser besondere Schluss, der ja auch ein Anfang ist, bedarf natürlich einiger Worte, und diese werden Ihnen – ja Pech, ich bin Deutschlehrerin, – in der bekannten Struktur von Einleitung (haben wir gleich hinter uns) , Hauptteil und Schluss begegnen und Ihnen Gelegenheit geben, vemutlich zum letzten Mal - zu analysieren und zu interpretieren, nach versteckten Alliterationen, Anaphern und Assonanzen zu suchen - und zum letzten Mal das zu tun, was Sie so gerne tun, nämlich einen Lehrer Ihrer Schule zu e v a lu i e r e n , z.B. in Bezug auf diesen viel zu langen Satz, den ich Ihnen, wäre er mir in einer Klausur untergekommen, mit Sicherheit rot – als völlig überfrachteten Satzbau - angestrichen hätte.

Die Schüler meines - ehemaligen - Deutsch-Leistungskurses werden, als wir uns im vierten Semester mit Rhetorik beschäftigten - sicher nicht im Entferntesten daran gedacht haben, dass ich heute hier stehen könnte und werden sich besonders freuen, diese Bewertung, kompetent wie Sie nun sind, vornehmen zu können. Aber keine Angst, ich habe mit Ihnen Kurt Tucholskys Ratschläge für schlechte Redner gelesen und so kann nichts passieren, außer wenn ich z.B. diesem folgen würde;
„ Kündige den Schluß deiner Rede lange vorher an , damit die Hörer vor Freude nicht einen Schlaganfall bekommen. Kündige den Schluss an, und dann beginne Deine Rede von vorn und rede noch eine halbe Stunde. Dies kann man mehrere Male wiederholen.“

Nein, keine Angst, ich fasse mich kurz.

Der Abschied von Ihnen fällt mir nicht leicht - und ich denke, vielen meiner Kollegen geht es ähnlich. Man hat ja doch ein paar Jahre miteinander verbracht. Ich sehe eine ganze Reihe von Ihnen als Siebtklässler vor mir, eifrig Plakate mit Benimmregeln an die Wände des Klassenraums klebend: „Wir wollen uns nicht gegenseitig Federtaschen an den Kopf werfen“ oder : „Wir wollen niemanden ausschließen, weil er nicht das neueste Handy hat“ - stand da z.B. Die Erarbeitung solcher Regeln erschien mir damals - nicht ohne Grund , Sie werden sich vielleicht erinnern - bitter nötig - heute ist das nicht mehr so. Sie haben mit der Hochschulreife ja doch auch, so möchte ich voraussetzen, eine andere Art von Reife erlangt.
Wir sind uns in den Jahren nach den geschilderten Anfangszeiten vielfach in, aber auch außerhalb des Unterrichts begegnet:
Ich saß mit Ihnen schon auf den Treppen vor Sacré Coeur - mit Blick auf das glitzernde Paris oder auf den Stufen des antiken Theaters von Taormina - mit Blick auf das blaue, sizilianische Meer und den qualmenden Ätna oder - in Raum 225 - mit Blick auf die großen Geister der deutschen Literatur. Viele von Ihnen haben mich beim Aufbau der Schülerbibliothek, bei schulischen Projekten und vor allem beim Wettbewerb Jugend debattiert unterstützt, in dem eine ganze Reihe von Schülern Ihres Jahrgangs sehr erfolgreich waren. Einige standen trotz Abistress bis zum Schluss als Juroren zur Verfügung. Für dieses Engagement, für Ihre Neugier, Offenheit und Selbständigkeit möchte ich mich ganz herzlich bedanken.

Partir, c’est mourir un peu – ich hoffe, das verstehen jetzt auch diejenigen, die Französisch abgewählt haben...Ja, der Abschied fällt schwer.

Wenn ich im Rückblick, wie es Sitte ist, nach einem besonderen Kennzeichen Ihres Jahrgangs, einem Pars pro toto für denselben suche, wäre das ....eine transportable Kaffeetasse: „Coffee to go“, schnell , mobil, medial und global orientiert - und vielleicht doch nicht ganz verzichten wollend auf die wärmende Wirkung eines alten Kulturguts...
Mit der mobilen Kaffeetasse in der Hand kam man oder frau – nur ein bisschen! zu spät – in den Unterricht, interpretierbar als: „ Verzeihung, aber ich komme gerade vom Frühstück und bin, weil ich ja pünktlich kommen wollte, nicht fertig geworden“ Oder : „Ich lasse mir von keinem Lehrer verbieten, mich während des Unterrichts zu ernähren“. Oder: „Ich führe im Gegensatz zu Ihnen ein Bohèmeleben und komme morgens nur mühsam aus dem Bette“.

Was ist sie also die Kaffeetasse ? Provokation? Abgrenzung? Ausdruck eines schnellen, Ihres Lebensstils? Ich entscheide mich für die Interpretation: „Sehnsucht nach Wärme in einer etwas kalt gewordenen Welt“ - und genau damit haben die Worte zu tun, die ich Ihnen zum Schluss, zum Ende Ihres alten und zum Beginn Ihres neuen Lebens-abschnitts mit auf den Weg geben möchte:
Diese Worte stammen von einem Dichter - natürlich. Einem guten alten Bekannten. Sie stammen von Johann Wolfgang von Goethe - und heißen:

„ Zwei Dinge sollen Kinder von Ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel“ .

Ich möchte mir erlauben, diese Worte für meine Zwecke zu verändern und zwar folgendermaßen :

„ Zwei Dinge sollen Schüler von Ihren Lehrern bekommen: Wurzeln und Flügel“ .

Ein Anspruch. Ob er erfüllt worden ist, das können Sie heute, liebe Abiturientinnen, liebe Abiturienten, am Schluss Ihrer Schullaufbahn und am Schluss meiner Rede - gerne selbst beurteilen:

Ich wende mich aber zunächst - wie Goethe es eigentlich wollte - an Ihre Eltern, Ihre Großeltern und auch an alle weiteren hier anwesenden Familienmitglieder und Patchworkfamilienmitglieder. Vielleicht wissen Sie, liebe- kleine und große - Familien, gar nicht, wie wichtig Sie sind ! In jeder Wertehierarchie - Umfrage, die ich mit meinen Schülern durchgeführt habe, stand immer ein Wert an oberster Stelle: „ FAMILIE“. Ich muss gestehen , dass das in meiner Generation nicht ganz so war, ich finde es erstaunlich und auch anrührend. Und wichtig.
Warum?
Ich denke, ohne familiäre Verwurzelung besteht für den Einzelnen und ganz besonders den jungen Einzelnen die Gefahr, den Halt zu verlieren, sich an fragwürdigen Autoritäten und Ideologien zu orientieren, nach falschem Heldentum zu streben - oder sich mit Rauschmitteln aus der Welt zu stehlen. Es besteht die Gefahr, ins Bodenlose zu sinken, Hass und Gewalt an die Stelle von Vertrauen zu setzen ..... und es besteht - im allerschlimmsten Fall die Gefahr – haltlos - Halt zu suchen - an der Waffe in der Hand...um sich selbst und andere zu zerstören.

Liebe Eltern, liebe Großeltern, ja auch und gerade Sie, liebe Großmütter und Großväter, liebe Familien ....Sie sind die Wurzeln, die Garanten für Geborgenheit und Vertrauen, und Sie sehen- als Abflugbasis- heute zu , wie Ihre Kinder und Enkelkinder „flügge“ werden. Sie haben sie auf Ihrem langen Schulweg gestützt und begleitet und werden für sie da sein, auch - wenn Sie das Nest verlassen haben. Die heute hier sitzenden Abiturientinnen und Abiturienten haben von Ihnen – das sieht man - Wurzeln und Flügel erhalten.

Zwei Dinge sollen Schüler von ihren Lehrern bekommen: Wurzeln und Flügel

Ist auch das gelungen? Konnten Ihre Lehrer Ihnen Wurzeln und Flügel geben und in welchem Sinne wollten sie das ?
Immerhin ist ja auch die Schule eine Art Familie und wie in jeder Familie gibt es beliebte und unliebsame Verwandte, wunderbare Momente des Zusammenseins, aber auch Spannungen und Meinungsverschieden-heiten. Ja, die Parallelen sind nicht zu verkennen... Auch und gerade dann, wenn es schwer fällt, sich zu lösen, für manchen sogar so schwer, dass er noch einmal tüchtig verbale Hiebe nach allen Seiten verteilen muss, um überhaupt fortgehen zu können. ..

In Fortsetzung der Erziehungsarbeit und auch in Zusammenarbeit mit Ihren Eltern haben wir Lehrer – ich bin übrigens natürlich nur ein Exemplar dieser Gattung mit nur einem, äußerst subjektiven Blick auf die Dinge - haben wir Lehrer uns bemüht, Sie zu „verwurzeln“, z.B. über jene Benimmregeln in den Klassenzimmern des Altbaus. Der Wunsch nach Geborgenheit ist keine Schwäche. Sie hatten und haben ein Recht darauf, sich geschützt zu fühlen in einer Klassengemeinschaft, in einer Schulgemeinschaft, die z.B. konsequent „Nein“ sagt - zu jeder Art von Gewalt. Für mich als Klassenlehrerin und Tutorin war dies immer ein zentrales Anliegen und ich weiß mich mit diesem Anliegen nicht alleine.
Aber nicht nur Normen und Regeln gehören zu Ihrer Verwurzelung , sondern auch ganz bestimmte Werte, die, das möchte ich behaupten, an unserer Schule in jedem Fach - nicht nur in einem - vermittelt werden:

Wir haben uns bemüht, Ihnen ein festes Wertesystem jenseits von Dogmatismus und Ideologie mit auf den Weg zu geben, dessen Eckpfeiler Toleranz, Vernunft und Selbstbestimmung heißen – ja, ganz im Sinne jener Utopie einer Menschheitsfamilie, die Sie alle aus Lessings Drama „Nathan der Weise“ so gut kennen. Wir wollten Sie nicht als Fähnchen - oder Pflänzchen - im Wind, das der erste Sturm umblasen kann.
Als anläßlich unseres hundertjährigen Schuljubiläums im letzten Jahr die Eltern einer heute hier sitzenden Abiturientin in die Festbroschüre schrieben, dass sie nicht bereuten, die Erziehung ihrer beiden Töchter unserer Schule anvertraut zu haben und dies damit begründeten, dass es hier eine gemischte, ethnisch, religiös und aus allen sozialen Schichten stammende Schülerschaft gäbe und sie – ich zitiere „hier ihre Kinder in den Händen selbstdenkender Pädagogen“ wüssten, habe ich mich sehr gefreut und war stolz, einer so gewürdigten Schule anzugehören. Und das können auch Sie – nun im Rückblick - sein, bei aller Kritik, die Sie an dem einen oder anderen Lehrer, an der einen oder anderen Note haben sollten oder gerade weil Sie sie haben sollen, haben dürfen. Diese Werte und diese Wurzeln machen Sie, so ist zu wünschen „standfest“ für Ihre Zukunft.

Wir haben uns aber nicht nur bemüht, Sie zu erziehen – in jenem sokratischen Sinne, mäeutisch, als „Hebammen“ Ihrer eigenen Gedanken und Werte, wir haben Ihnen – hoffentlich! - auch etwas beigebracht.
Sie im Wissen zu verwurzeln, Sie zu bilden und Ihnen gerade damit neue Horizonte zu eröffnen, zu denen Sie nun fliegen können, das war dabei unsere Absicht.
Die Auseinandersetzung mit Geschichte zum Beispiel, ja auch und gerade die manchmal unbequeme mit der deutschen Geschichte.... die alten Sprachen, Musik, Theater, Kunst und Literatur, die kulturellen Traditionen, in denen Sie leben, sind ebenso wie Mathematik und die Naturwissenschaften und all die anderen Fächer der Boden, in dem Sie gewachsen sind und weiter wachsen werden, weiter wachsen sollen. Mir persönlich lagen in meinen Fächern zwei Dinge besonders am Herzen:

Zum einen ein bisschen mehr to stay als to go, genauer gesagt Capuccino to stay statt Coffee to go, Savoir vivre statt fast food und fast life.... und zum anderen jenes „ Chacun à sa facon“, ihre ganz individuelle Bildung. Auch damit weiß ich mich nicht allein. „ Die Arbeit des Erziehers gleicht der ein Gärtners“, so sagt der arabische Schriftgelehrte Abbas Effendi, „eines Gärtners, der verschiedene Pflanzen pflegt. Eine Pflanze liebt den strahlenden Sonnenschein, die andere den kühlen Schatten, die eine liebt das Bachufer, die andere die dürre Bergspitze...jede muss die ihrer Art angemessene Pflege haben , andernfalls bleibt ihre Vollendung unbefriedigend“. Ich hoffe sehr, dass wir Sie in diesem Sinne gepflegt, geprägt, gebildet haben, dass Sie jetzt mehr wissen und über sich selbst hinauswachsen können. Die Zukunft wird zeigen, ob dem so verwurzelten Sproß die Vollendung gelingt.

Und nun zu den Flügeln:
Das Wissen, das Sie an Ihrer Schule erworben haben, soll Sie keineswegs festhalten, sondern weit über innere und äußere Grenzen tragen. Es soll Sie zu Neuem führen, der Phantasie, dem Unge-wöhnlichen, den Träumen und Visionen Raum geben. Sie brauchen Flügel, die Ihnen ermöglichen, sich über das Naheliegende hinweg-zubewegen, meta-physisch.
Sie brauchen Flügel, Mut zu fliegen, um sich aus der „selbstver-schuldeten Unmündigkeit“ zu befreien, aus dem Vor-Urteil, dem Gewohnten, dem Vertrauten. Sie brauchen Flügel, um das Fremde, Andere zu sehen und zu verstehen, um eingefahrene Wege zu verlassen. Wir haben uns an der Schule bemüht, Ihnen diese Flügel zu geben.
So sind viele von Ihnen auf den Flügeln ihrer Fremdsprachenkenntnisse ganz konkret geflogen, z.B. über den Atlantik nach Kanada oder in die USA oder um die halbe Welt nach China, Australien und Neuseeland. Sie haben den Heimatort, die Wurzeln verlassen, und durften - schon während der Schulzeit - neue Horizonte kennenlernen. Mit Sicherheit in weit stärkerem Umfang als die Generationen vor Ihnen. Und auch in Zukunft werden Sie natürlich Flugzeuge besteigen und andere Kontinente besuchen. Es muss ja aber auch nicht immer gleich so weit sein: Neue Welten lassen sich – z.B. mit dem Comenius-Programm - auch im alten Europa entdecken, wenn man sich für Sprache und Kultur, Gesellschaft, Geographie und Politik anderer Länder interessiert. Oder auf den Flügeln der Rhetorik, wenn Sie Eingefahrenes argumentativ zu kritisieren verstehen, in der Mutter – oder in der Fremdsprache.
"Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“ sagt der Philosoph Ludwig Wittgenstein. Viele von Ihnen haben beim Model United -Nations-Projekt eindrucksvoll bewiesen, dass Sie bereit und fähig sind, Grenzen zu überschreiten, um Verantwortung in der Welt zu übernehmen. Sie werden diese neuen Wege mit Sicherheit auszubauen wissen.
Es sind aber keineswegs nur die äußeren Reisen, die zählen, sondern auch und gerade die inneren, z.B. diejenigen, die man in Büchern machen kann. Ja, in Büchern. Oje, typisch Deutschlehrer, sagen sich jetzt sicher einige von Ihnen und denken „ich mache meine Reisen lieber im Internet“, aber ich setze mit dem Dichter Jean Paul dagegen:

„Bücher lesen heißt wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben in die Sterne“

Lesen, nicht Surfen, verleiht Ihnen Flügel, trägt sie in in ungeahnte Weiten und ist gleichzeitig - neben Schreiben und Rechnen – die Abflugbasis Ihres Wissens, eine „Wurzelkompetenz“ sozusagen.

„Kompetenz“ - ein Wort zu diesem Wort : Sie kennen es zur Genüge, wurde es doch in den letzten Jahre reformbedingt äußerst häufig gebraucht und sah es doch manchmal so aus, als ob sie nichts anderes mehr lernten als Kompetenzen - und das auch noch in jedem Fach. Ich weiß, auch die Rahmenplanmacher meinten wohl nicht wirklich Kompetenzen ohne Substanz, Form ohne Inhalt , aber allzu oft klang es so, beliebig, austauschbar. Wenn etwa ein Fach wie Philosophie - solchen Reformen zufolge - auf seine philosophischen Inhalte verzichtet und sich nur noch als „Kompetenzenlieferant“ legitimieren lässt - ich hörte dies unlängst von den Schülern des Jahrgangs unter ihnen, die genau das als Quintessenz der Studieninformation zum Fach Philosophie mitnahmen, - drängt sich der Verdacht auf, Sie, die Schüler und zukünftigen Studenten sollen für eine Welt zurechtgebogen werden, die Sie als funktionierende „ Zahnrädchen“, nicht aber als eigenständig denkende Menschen will.
Ich meine mit „Kompetenzen“ Fähigkeiten und Fertigkeiten, die es Ihnen erlauben, die Inhalte, die Sie erlernt haben, anzuwenden , sie auszubauen und weiterzudenken. In diesem und nur in diesem Sinne sind Kompetenzen die Flügel, die Sie brauchen.

Unsere, meine Aufgabe war es, Ihnen eine Wurzelkompetenz wie Lesen, um mein Beispiel wieder aufzugreifen, zur Flügelkompetenz werden zu lassen, Ihnen die Möglichkeit zu geben, „in die Sterne zu wandern“. Bücher werden zu Flügeln allerdings nur dann, wenn sie in Ihnen weiterleben, sich in Ihnen und Sie selbst verändern. In Büchern können Sie alle , aber auch alle Welten betreten, alles, aber auch alles erschaffen! Lesen birgt die größtmögliche Freiheit. Schreiben übrigens auch. Und - so verstanden - geht es beim Lesen wie beim Schreiben eben um weit mehr als um rahmenplankompatible Kompetenz, es geht um - Existenz.

„Bildung ist nicht“ so sagt der Philosoph Heraklit , „das Füllen von Fässern“, sondern das Entzünden von Flammen“ - es würde mich freuen, wenn in Ihnen solch‘ ein Sprach-und Literaturfeuer entfacht worden ist, ein Antriebsfeuer natürlich und keines, dass ihre Flügel beschädigt...

Das wichtigste Wort in Goethes Zitat ist „und“. Ihre Aufgabe, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, ist es nun, beides zu leben, Wurzeln und Flügel, und das alleine, ohne uns, Ihre Lehrer, Ihre Familien. Nur beides zusammen macht den Menschen zum Menschen: Es kann nur der abheben, der Bodenhaftung hat. Höhenflüge ohne dieselbe führen –siehe Ikarus - zum Absturz. Wurzeln ohne Flügel führen dagegen zu geistiger Enge. Beide Extreme machen den Weg frei - für jene Schwäche des Ichs, die den Menschen manipulierbar macht.
Sie dagegen, das wünsche ich Ihnen, sollen stark sein wie ein festverwurzelter Baum, dessen Krone in die Wolken strebt.

Ich komme zum Schluss. Nun wirklich.

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, was ich eigentlich sagen wollte. Das wäre schön. Denn es gibt eine Kompetenz, die ich bisher in kaum einem Rahmenplan gesehen habe und die mir die allerwichtigste zu sein scheint: die Fähigkeit zu fragen. Lassen Sie mich dazu ein letztes Dichterwort zitieren. Es stammt von Rainer Maria Rilke :

„ Habe Geduld gegen alles Ungelöste in deinem Herzen und versuche , die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremdem Sprache geschrieben sind. Forsche jetzt nicht nach Antworten, die dir nicht gegeben werden können, weil du sie nicht leben kannst und es handelt sich darum, alles zu leben.
Lebe jetzt die Fragen - vielleicht lebst du dann – allmählich - ohne es zu merken - in die Antwort hinein“.

In diesem Sinne, liebe Abiturientinnen und Abiturienten: Breiten Sie Ihre Flügel aus, fliegen Sie davon ....
Und vergessen Sie Ihre Wurzeln nicht ganz.....