Abiturrede von Herrn Santelmann

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, liebe Eltern, Großeltern, Verwandte und Freunde, liebe Kolleginnen und Kollegen!

Hier sitzen wir alle, in Schale geworfen, in unsrem feinsten Zwirn. Selbst diejenigen, die in der mündlichen Prüfung noch in Kapuzenpulli und kurzer Hose den Konventionen getrotzt haben, heute sind Sie schwach geworden, heute scheint der Anlass stärker zu sein, als die Bequemlichkeit.

Was aber ist dieser Anlass? Was wird hier gefeiert? Ist es eine vollbrachte Tat? Ist es das Ende von etwas? Oder der Anfang von etwas Neuem?

Vielleicht ist es die vollbrachte Tat, der Sieg über das von den Lehrern immer wieder beschworene Gespenst des Abiturs mit seinen fünf scharfen Klauen, für manche sogar sechs oder sieben. Dies ist ein großer Schritt, und Sie alle haben ihn gemeistert. Der eine mit viel Respekt vor der Aufgabe und optimaler Vorbereitung, der andere etwas obenhin, zwischendurch auch einmal im Sattel schwankend. Dazu gratuliere ich Ihnen von ganzem Herzen!

Vielleicht jedoch feiern Sie vorrangig das Ende einer Epoche. Es ist der längste zusammenhängende Lebensabschnitt, den Sie je erlebt haben. Unzählige Male traten, hüpften oder schlurften Sie in den Klassenraum, ließen sich auf ihrem Platze nieder und sahen alsbald eine dieser Gestalten vor sich treten, die sich Lehrer nennt. Und los ging das große Spiel. Vokabeltests, Kommutativgesetz, Ablativus absolutus, Quintenzirkel, Warm- und Kreuzblüter, Globalisierung, Übersetze bitte Zeile 5 bis 9, Leite zweimal ab, Erkläre den Prozess der Photosynthese. Unmengen an Wissen rauschten in immer neuen Wellen heran, in Ihre Köpfe hinein oder knapp daran vorbei.

Manch einer mag meinen: Sinnlos das alles. Was ich nicht jetzt schon vergessen habe, wird spätestens in zwei, drei Jahren vollends aus meinem Gedächtnis entschwunden sein. Auf den ersten Blick scheint er Recht zu haben. Doch immer wieder, glauben Sie mir, ganz überraschend und unvermutet werden die Momente kommen, in denen Sie einen Teil dieses Wissens benötigen, und - plopp – ist es wieder da – etwas angestaubt, aber lebendig. Faszinierend dieses Gedächtnis, ich sag’ es Ihnen.

Und wichtiger noch: Sie haben keineswegs nur Wissen gepaukt. Sie haben es vielleicht nicht immer bemerkt, doch Ihre Lehrer folgten einem „geheimen größeren Plan“, zu dem das Wissen oft nur das Werkzeug war. Sie sollten lernen, Dinge zu tun. Nicht Radios zerlegen oder Häuser bauen, nein, nichts Handwerkliches, was man bedauern könnte. Jedoch: Probleme zerlegen und tragfähige Gebäude aus Argumenten bauen, das haben Sie gelernt. Sie haben trainiert, sich ein fundiertes Urteil über eine politische Frage zu bilden, ein chemisches Problem zu lösen oder eine Fremdsprache zu sprechen. Das ist kein Wissen, das sind Fähigkeiten. Die werden Sie nicht einfach vergessen, sondern die beherrschen Sie.

Und viele andere Momente jenseits der Lernerei lohnen den Blick zurück.

Pausen – früher mit Tischtennisschlägern, später mit Zigaretten in den Händen; Klassenfahrten mit heimlich durchwachten Nächten (von Seiten der Lehrer, versteht sich!), beste und weniger beste Freunde, heiße und erkaltete Liebschaften (zur Mathematik etwa), Übernachtungen in Höhlen und Begegnungen mit Füchsen.

Was hier noch alles dazu gehört, mag ein jeder für sich im Stillen bedenken, darüber wissen wir Lehrer meist nicht viel.

Und auch für uns Lehrer geht heute eine Zeit zu Ende. Wir verabschieden uns heute von Schülern, die manche von uns kennen, seit sie als kleine Stöpsel hier an der Bertha auftauchten und von da an den Alltag mitbestimmten. Von Schülern, die uns hin und wieder zur Verzweiflung brachten, weil so manche gut gemeinte Beratung scheinbar spurlos an ihnen abperlte oder weil sie mit recht zweifelhaften Strategien in den Schulalltag gingen, etwa dem Versuch, die gesamte Oberstufe zu überstehen, ohne einen einzigen Hefter anzulegen.

Zugleich aber verabschieden wir uns von Schülern, die uns oft wirklich begeisterten;

Sie waren bereit, sich tief in anspruchsvolle Themen hineinzudenken. Sie engagierten sich weit über den Unterricht hinaus. Sie brachten uns mit ihrer Fröhlichkeit zum Lachen. Und Sie begegneten uns als echte und eigenständige Persönlichkeiten.

Dafür danken wir Lehrer Ihnen! Es war uns eine Freude, Sie unterrichten zu dürfen!

Doch genug des Blicks zurück. Ist der bedeutungsvollste Anlass für Sekt und Dresscode nicht der Blick nach vorn - der Neubeginn?

Dass die Schulzeit die längste durchgehende Etappe Ihres Lebens war, hat zur Folge, dass Sie nun zum ersten Mal im Leben an einem wahrhaftigen Entscheidungspunkt stehen. Es geht nicht um kleine Entscheidungen, wie „Ziehe ich heute den rosa Rock oder die lila Leggins an?“ bzw. „Gehe ich hin oder schreibe ich die Klausur lieber nach?“ Es geht um die Fragen „Wie möchte ich leben?“ und „Wer möchte ich sein?“. Es ist ein wahres Reset, eine echte Stunde Null.

Diese wartet mit nie gekannten Freiheiten und Möglichkeiten auf. Die Schule bietet darauf in gewisser Weise eine gute Vorbereitung, in gewisser Weise aber auch gerade nicht.

Warum das? Die Schule ist ein System mit zahllosen, recht festen Regeln. Die Welt da draußen ist ungleich offener und unbestimmter. Stellen Sie sich die Schule als einen Ameisenstaat vor. Jede Ameise hat ihre kleine Rolle und folgt ihren Aufgaben, die das Gesamtsystem zum Funktionieren bringen. Während der Zeit im Ameisenstaat lernt die Ameise viele Regeln kennen und gewöhnt sich daran, diese mehr oder weniger intuitiv zu befolgen. Die einzelne Ameise mag einmal vom vorgezeichneten Weg abbiegen, dann versucht der Staat sie wieder einzufangen, oder aber sie scheidet aus und geht andere Wege. Vorhin sprach ich von dem „geheimen“ Plan der Lehrer, Ihnen nicht nur Wissen, sondern auch Fähigkeiten beizubringen. Es gibt aber einen noch geheimeren Plan an der Schule. Der ist meist nicht einmal den Lehrern bewusst, die ja auch nur Ameisen sind. Dieser Plan wird in der pädagogischen Forschung der hidden curriculum - der heimliche Lehrplan - genannt. Hier geht es darum, was Sie in der Schule zwischen den Zeilen lernen - ohne bewusste Absicht der Lehrer, sondern ganz automatisch, einfach weil Sie den Ameisenstraßen folgen, weil Sie Teil des Ganzen sind und dieses Ganze auf Sie abfärbt.

Ein Teil dieses heimlichen Lehrplans besteht vermutlich darin, dass Ihnen, den Schülern, beigebracht wird, Aufgaben zu erfüllen und vorgegebene Leistungen zu erbringen. Sie lernen, dass erfolgreich ist, wer tut, was von ihm verlangt wird.

Nun treten Sie hinaus aus dem Ameisenstaat. Ich stelle mir zahlreiche einzelne kleine Ameisen vor, heute alle in Anzug und Krawatte oder Kleid, und mit einem großen Rucksack auf dem Rücken, bereit für die große Reise.

Was werden diese Ameisen tun, wohin werden sie sich wenden, in den Wiesen und Wäldern um sie herum? Sie werden sich zunächst daran erinnern, dass es zu tun gilt, was verlangt wird, will man erfolgreich sein. Und tatsächlich verlaufen vor ihnen einige große, gerade Straßen, auf deren ersten Metern bereits die neuen Regeln plakatiert sind: Studiere zügig und effizient. Stelle dich möglichst jung dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Vermeide Lücken im Lebenslauf. Entscheide dich ja von Anfang an für das richtige Studium, ein Studiengangswechsel steht für Wankelmut und Ziellosigkeit.

Doch die wachsame Ameise hält inne und blickt sich um. Da sieht sie auch die kleineren Wege zwischen den Gräsern, die in ganz andere Richtungen führen oder sich kurviger von hier nach dort schlängeln. Und die wachsame Ameise denkt nach und entscheidet sich frei.

Sie mögen sich für den großen, geraden Weg entscheiden, weil Sie wissen, dass es das ist, was sie wollen - ein schneller Studienabschluss und bald auf eigenen Füßen stehen - dann ist das der richtige Weg für Sie. Sie haben aber auch die Freiheit, den unüblichen Weg zu gehen - the road less traveled by. Vielleicht zieht es Sie zu einem vermeintlich unvernünftigen Studium wie der freien Kunst oder der Philosophie; vielleicht wollen Sie erst ferne Länder bereisen, in einer Schule in Tansania arbeiten oder eine Zeitlang als Waldarbeiter leben.

Seien Sie wachsam und hören Sie auch auf ihr Herz. Und wenn es spricht, haben sie den Mut, ihm zu folgen. Gehen Sie nicht einfach den Weg, der Ihnen vorgegeben wird, sondern suchen Sie sich Ihren eigenen Pfad und übernehmen Sie damit wirkliche Verantwortung für Ihre Schritte.

Und Sie, liebe Eltern und Verwandte, gestehen Sie diesen jungen Menschen die Zeit zu, die sie brauchen, um sich ausprobieren und ihre Entscheidungen zu treffen.

Jakob Augstein, ein deutscher Journalist unserer Tage, sagt über unsere gegenwärtige Gesellschaft, die seiner Meinung nach primär auf Leistung, Funktionieren und das Generieren von Geld ausgerichtet ist, sie halte keine Hoffnung bereit. Da sieht er ein Problem, eine Kluft zu den Menschen. Denn uns Menschen, sagt er, seien Hoffnungen und Träume eingeschrieben. Wir könnten gar nicht anders.

Was heißt das für Sie? Es heißt: Ergründen Sie, was Ihre Hoffnungen und Träume sind und nehmen Sie sie ernst, denn sie sind ein Teil von Ihnen und mögen manchmal bedeutsamer für ihr Glück sein, als Karriere oder Geld. Machen Sie nicht jeden Schritt des um sich greifenden Pragmatismus mit, sondern folgen Sie auch diesen Träumen. Und manchmal werden Sie dafür kämpfen müssen!

Als ich vor vier Jahren an der Bertha meine erste Stelle als Lehrer antrat, wurde ich mit dem Mathematikunterricht in einer 9. Klasse betraut. Das stellte für mich als jungen Lehrer eine Herausforderung dar, denn diese 9. Klasse hatte einige chaotische Energie in ihre Spätpubertät hinübergerettet und trieb mir nicht selten ordentlich den Schweiß auf die Stirn. Ob der Unterricht mit dieser Klasse gut lief oder im Chaos versank, lag nur zu einem geringen Teil in meiner Entscheidungsgewalt. Da war ich vollständig auf die Gunst der Schüler angewiesen. Diese Klasse war die damalige 9c und sitzt heute fast komplett hier im Saal. Waren Sie sich dieser Macht, die Sie hatten, eigentlich bewusst? Waren Sie alle sich eigentlich des Einflusses bewusst, den Sie auf das System Schule hatten? Sie haben mitbestimmt, ob die Lehrer sich spannende Sachen für den Unterricht ausgedacht, oder lieber trockene Stoffvermittlung betrieben haben, denn die Lehrer haben oft auf Sie reagiert.

So wird es auch in Zukunft sein, wenn Sie in das System Hochschule oder das System Firma eintreten. Seien Sie auch hier wachsam für die versteckten Mechanismen, hinterfragen Sie die Regeln und beschränken Sie sich nicht aufs Reagieren. Bewahren Sie sich Ihren eigenen Kopf und gestalten Sie aktiv mit.

Das alles erfordert viel Kraft und Mut. Bequemlichkeit ist hier fehl am Platze.

Doch wenn Sie das wollen, dann schaffen Sie es. Sie haben das Zeug dazu, da bin ich sicher.

Liebe Ameisen mit den großen Rucksäcken, ich wünsche Ihnen alles denkbar Gute auf Ihrer Reise hinaus aus den Gängen des dicken Ameisenhügels Bertha auf die großen und kleinen, die geraden und kurvigen Straßen dieser Welt.

Oder wie Frau Dahn es sagen würde … Die kennen Sie nicht? Doch, die kennen Sie alle! Das ist eine Ihrer stillen Begleiterinnen der letzten Jahre, eine der Reinigungskräfte in der Bertha, die ich gefragt habe, was sie Ihnen, den Abiturienten mit auf den Weg geben möchte. Frau Dahn also würde sagen: „Ich wünsche Ihnen, dass alles fein und schicki schicki wird!“

Vielen Dank, merci, teşekkürler