Abiturrede von Herrn Hillmann

Ansprache zum Abitur 2014

Liebe Abiturientinnen, liebe Abiturienten,

liebe Eltern, Gäste, Kolleginnen und Kollegen:

Es ist geschafft, Sie haben es geschafft, acht oder neun (oder zehn) Jahre haben Sie geplant, gearbeitet, gehofft, gebangt, mehr oder weniger Glück gehabt, und heute sind Sie hier! - Gut gemacht, liebe Eltern!

Aber natürlich geht mein Glückwunsch auch an die Adresse der Abiturientinnen und Abiturienten, die ja an den „mehrjährigen Vorbereitungen“ zur heutigen Feier nicht ganz unbeteiligt waren. So schließt sich am heutigen Tage der Kreis, all Ihr Bestreben mündet am heutigen Tage in dieser Feierlichkeit, in diesem hehren Moment des Stolzes und Glück, an dem Sie sicherlich mit leiser Wehmut der zweifellos glücklichen Momente gedenken, die Sie an unserer Schule das Privileg hatten genießen zu dürfen. Vielleicht sollten wir aber auch „in diesen raren Momenten der Glückseligkeit“ ein bisschen auf dem Teppich bleiben – es kann ja trotzdem noch ein Roter Teppich sein! In solchen Momenten (und den dazugehörigen Reden) ist es üblich, dass man einen (oder auch mehr als einen) Blick zurück wirft. Ich möchte das eigentlich nur sehr allgemein tun: Gelegentlich hört man als Lehrer (oder überhört man geflissentlich) die Klage: „Voll der Stress hier!“ (Die genaue Quellenangabe ist in diesem Fall wohl nicht notwendig.)

Immerhin möchte ich für die heutige Feier eine angemessene Mediation anbieten: „Ich fühle mich von den an mich gestellten Erwartungen überfordert.“ Andere von Ihnen haben solche Situationen eher gelassen gekontert und die sogenannte „ruhige Kugel“ geschoben. Hie und da gab es sehr relaxte Leute, die eher darauf gewartet haben, dass sich die besagte Kugel von alleine in Bewegung setzte. Aber am Ende sind Sie alle hier – warum eigentlich? Sie hätten doch auch einen einfacheren Weg wählen können, Sie hätten vielleicht eine Schule suchen und finden können, wo Sie vielleicht mit weniger Arbeitsaufwand zum Ziel gekommen wären. Sie hätten manche Fächer und Kurse abwählen können, warum haben Sie das nicht getan? In unserer Gesellschaft zählen oft andere Maßstäbe, als sie an der Schule gelten. Ich finde, einer der am besten passenden Slogans, die eine der Grundphilosophien unserer Gesellschaft beschreiben ist ein Slogan einer großen Einzelhandelskette.

Als Sprachlehrer und dazu noch einer, der aus einer vielleicht vergangenen Zeit kommt, habe ich mit diesem Slogan Mühe, es widerstrebt mir ihn hier auszusprechen, aber in diesem Falle dient es der Sache: „Geiz ist geil!“ Ich finde, es gibt keinen besseren Spruch, der in so brutaler Kürze eine wesentlich bestimmende Philosophie unserer Gesellschaft in Gehirne hämmern soll, deren geistige und sprachliche Differenzierung deutlich limitiert ist. (Sie bemerken, dass ich mich bemühe, im sprachlichen Ausdruck wieder auf das hier übliche, hochschwebende Niveau zu gelangen.)

„Das, was billig ist, ist gut!“

Wer mehr bezahlt, ist blöd!“

Oder, als Grundprinzip des Materialismus zusammengefasst: „Der Wert von etwas muss in Zahlen ausgedrückt werden, und je weniger ich zu bezahlen habe, desto besser ist das, was ich kaufe oder tue.“

Denkt man den Spruch ökonomisch weiter, wird wohl deutlich, warum dieser Spruch nicht mehr verwendet wird: Wenn ich so geizig bin, dass ich gar nichts mehr einkaufe, tut das dem Einzelhandel nicht besonders gut. Neulich gab es im SPIEGEL eine Serie zur digitalen Revolution. Es ging um frei verfügbare Informationen allgemeiner aber auch persönlicher Art. Da sagte ein gewisser Jaron Lanier: „Man vergisst eben leicht, dass ‚kostenlos‘ unweigerlich bedeutet, dass jemand anders darüber entscheidet, wie man leben soll.“ Aber, wir wollen hier nicht über den Kauf von Fernsehern und Computern reden. Es geht hier um die Schule, das Leben da draußen, und, als Verbindung zwischen beidem, um Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten.

Wir (d.h. die Schule und auch, denke ich, Ihre Eltern) sind Ihnen dankbar, dass Sie nicht vor dem Stress kapituliert haben, dass Sie es sich nicht zu einfach gemacht haben. Sie haben gelernt, dass das Gegenteil von „einfach“ „gründlich“ ist, also von Grund auf und nicht oberflächlich. Es war mutig, dass Sie sich Nichts geschenkt haben, also nicht geizig mit Ihren Anstrengungen gewesen sind. Natürlich ist es immer einfacher, schwierige Dinge nicht zu tun – aber wenn jeder nur immer das Minimum tut, dann bleiben die Dinge so, wie sie sind, und die Welt wird nicht besser werden. Einige von Ihnen haben es zwei Jahre lang bei mir im Leistungskurs Englisch nicht nur ausgehalten, sondern Sie haben doch auch ganz schön viel arbeiten müssen. Ein Roman, den wir gelesen und bearbeitet haben, war „Brave New World“. Dort sagt der Protagonist John Savage an einer Stelle: „Nothing costs enough here!“ Und er meint damit, dass in einer Welt, die auf oberflächliche Zufriedenheit und sofortige und anstrengungslose Bedürfnisbefriedigung ausgerichtet ist, die Dinge (gemeint sind Produkte aber auch Beziehungen der Menschen untereinander) eben nicht genug kosten! Das, denke ich, ist der Kern der Angelegenheit. Nur dann, wenn ich mich bemüht habe, wenn mir etwas nicht leicht gefallen ist, wenn ich trotz Frust und Stress etwas geschafft habe, dann kann ich den Wert von etwas wirklich ermessen. Und dann kann ich stolz darauf sein, etwas erreicht zu haben, was mir schwer gefallen ist.

In Ihrer unmittelbaren Zukunft werden Sie viel mehr mit dem Leben außerhalb der Schule konfrontiert, als das bisher der Fall war. Sie werden neue und große Herausforderungen bewältigen müssen, und dann werden Sie stolz auf sich sein können, wenn Sie es geschafft haben. Und ich bin zuversichtlich, dass Sie die Herausforderungen annehmen werden und sich nicht davor wegducken. Aber Sie werden auch erfahren, und vielleicht ist das in Anfängen bereits geschehen, dass Sie in Ihren Persönlichkeiten reduziert werden auf Zahlen, z.B. die Noten auf Ihrem Abiturzeugnis. Man wird diese Reduktion begründen auf „Machbarkeit“, „Objektivität“ oder ähnliche technische Entschuldigungen. Und diejenigen von Ihnen, die mit viel Arbeit, Einsatz und Mühe sich vielleicht 8 oder 9 Punkte erkämpft haben, werden das als zutiefst ungerecht empfinden. Und sie haben recht! In unserer Welt wird zu oft zu schnell nach oberflächlichen Gesichtspunkten – also z.B. nach Zahlenwerten – entschieden, man macht sich nicht die Mühe (denn das würde ja Zeit kosten) Menschen und deren Bemühungen wirklich verstehen zu können.

Mein Appell an Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, ist, gehen Sie nicht immer automatisch den einfachen Weg, stellen Sie sich den Herausforderungen, machen Sie sich Mühe. Und so bitte ich Sie, meinen Schlusssatz zu verstehen: Machen Sie es gut!