Abiturrede von Frau Schrimpf-Bahnemann

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, liebe Eltern und liebe Kolleginnen und Kollegen,

als ich vor zwanzig Jahren mein Abitur gemacht hatte, nahm mich meine verehrte Deutschlehrerin zur Seite und sagte ernsthaft: „Sie werden es schwer haben, Susanne. Sie werden nicht wissen, welchen der vielen Wege, die Sie gehen könnten, Sie gehen sollen.“ Diese Unkenrufe verärgerten mich damals: Ich wollte von ihnen nichts hören. Und auch heute finde ich, das hätte meine - eigentlich wirklich großartige - Lehrerin doch anders ausdrücken - und v.a. anders werten - können. Ich habe im Laufe der Jahre die Vielzahl an Herausforderungen, die ich mir selbst suchte und die sich mich suchten, zwar manchmal als Stolpersteine, vor allem aber als Bereicherung empfunden. Deshalb möchte ich – anders als meine Lehrerin – Ihnen heute voll Überzeugung sagen:

  

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten des Jahrgangs 2015 des Europäischen Gymnasiums Bertha von Suttner: „Sie haben das Abitur absolviert – und das an einer anspruchsvollen Schule mit einem hohen Niveau. Die Welt steht Ihnen nun offen! Sie können viele Wege gehen, genießen Sie diese Vielfalt, diese Aufregungen, diese Möglichkeiten! Sie werden nie wieder so frei sein wie jetzt! Ausgestattet mit einem unermesslichen Schatz an Allgemeinwissen – Sie werden nie mehr so viel wissen wie heute! – und an zentralen Schlüsselkompetenzen – Sie werden ganz bestimmt durch Erfahrung und Versuch und Irrtum bald noch viel mehr können als heute – sind Sie nun bereit, die Welt zu erobern! Und das haben Sie sich selbst verdient! Ich gratuliere Ihnen von ganzem Herzen!“

 

Als ich vor zwanzig Jahren mein Abitur gemacht hatte, überhörte ich die Unkenrufe meiner Lehrerin und stürzte mich ins Leben: Ich schwirrte von einem Studiengang zum nächsten, durchtanzte die Nächte und flog jedes halbe Jahr nach Argentinien: Ich begann Psychologie zu studieren, wechselte zu Wirtschaft, dann zu Politologie auf Diplom und schließlich zu Politik und Deutsch auf Lehramt, um dann doch erst mal nur den Magister - und nicht das Staatsexamen - zu absolvieren. Ich arbeitete mit behinderten Menschen, kellnerte, machte mich selbständig mit meinem eigenen Tangostudio, arbeitete in der Literaturbranche, schrieb Drehbücher, begann eine Ausbildung zur Kriminalkommissarin und landete dann wieder beim Lehramtsstudium und Referendariat.

 

Liebe Eltern, liebe Kolleginnen und Kollegen: Ich weiß genau, was Sie gerade denken. Sie denken: DER Albtraum. Diese Frau war DER Albtraum für ihre Eltern. Und da könnten Sie nicht so ganz Unrecht haben. Aber was ich unseren Abiturientinnen und Abiturienten ans Herz legen möchte, ist nicht: „Wechseln Sie beliebig von einem Studiengang zum nächsten, feiern Sie sich durchs Leben und haben Sie vor allem Spaß dabei.“ Nein, es ist etwas anderes.

 

Ich hatte das Glück, innerhalb dieses Abiturjahrgangs den großartigsten Leistungskurs der Welt und einen wirklich passablen Grundkurs zu unterrichten. So kenne ich zumindest ein Viertel des Jahrgangs. Das reicht nicht, um diesen in seinen vielfältigen Eigenarten zu erfassen. Aber es reicht für einige Einblicke: Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, haben ein bewegtes Berufsleben vor sich. Die Zeiten der Vollbeschäftigung, der unbefristeten Verträge und des Arbeitens auf ein- und derselben Position in ein- und demselben Unternehmen sind lange vorbei. Und das ist gut so! Statistisch betrachtet, werden Sie mind. acht bis zehn unterschiedliche Berufe und Jobs in Ihrem Leben ausüben. Auch das ist gut so! Mein dreijähriger Sohn Justus hat mir neulich verraten: „Mama, ich will später Feuerwehrmann, Hampelmann, Putzmann UND Arzt werden!“ Und damit liegt er vollkommen im Trend! Ich habe den Eindruck, Sie wissen prinzipiell, dass Ihr Berufsleben anders aussehen wird als das Ihrer Eltern, dass die Mär von dem einen sicheren Studium, das Anerkennung bringt und Geld, eben eine Mär ist – und auch nicht mechanisch zum Glück führt. Aber ich habe auch den Eindruck, das macht Ihnen eher Angst, als dass Sie es zu schätzen wissen. Und das ist schade!

 

Ich hatte das Glück, innerhalb dieses Abiturjahrgangs den großartigsten Leistungskurs der Welt und einen wirklich passablen Grundkurs zu unterrichten. Vor drei Monaten behandelten wir gemeinsam das Thema 'Rhetorik'. Dabei ging es auch um Abiturreden und nachdem wir beispielhafte Reden betrachtet hatten, schrieben Sie alle selbst eine. Wir beschäftigten uns dabei v.a. mit der Absolventenrede einer New Yorker Kolumnistin, in der die Autorin Ratschläge gibt – albern wirkende und auch sehr ernste, bunt durchmischt; immer ausgehend von der These, dass es eigentlich keinen Sinn mache, Ratschläge zu geben, da für jeden das Leben anders zu leben sei. In dieser Rede mit dem Titel „Benutzen Sie Sonnencreme!“ gibt es aber einen Ratschlag, der viele von Ihnen besonders berührt hat. Er lautet: „Fühlen Sie sich nicht schuldig, wenn Sie nicht wissen, was Sie aus Ihrem Leben machen wollen. Die meisten interessanten Leute, die ich kenne, wussten mit 22 auch nicht, was sie aus ihrem Leben machen wollten. Einige der interessantesten 40-Jährigen wissen es immer noch nicht.“

Viele von Ihnen haben diesen Ratschlag in ihren eigenen Abiturreden aufgegriffen. Und als wir darüber sprachen, dass es doch eigentlich unmöglich sei, schon jetzt, mit 18 Jahren zu wissen, welchen Lebensweg genau man gehen wolle, ging eine Welle der Erleichterung durch Ihre Reihen. So schreibt auch eine Ihrer Mitschülerinnen in ihrer Rede:

„Einen Punkt, den ich vor allem den Lehrern und den Koordinatoren der Oberstufe mit auf den Weg geben möchte, ist der, dass Sie den Schülern bitte keine Angst machen sollen. Es ist schön, dass es Schüler gibt, die eine genaue Vorstellung von ihrer Zukunft haben. Aber es ist nicht hilfreich, den anderen einen Weg, den sie vielleicht gar nicht möchten, aufzuzwingen. Im Gegenteil. Es setzt einen unter Druck, man fühlt sich schlecht, weil man denkt, man selbst wäre ein Versager und würde nie etwas erreichen.“

Nein: Fühlen Sie sich nicht schuldig, wenn Sie jetzt noch nicht akkurat wissen, wie Sie Ihr Leben leben wollen, was Sie studieren oder arbeiten wollen, wo sie hinziehen wollen, wen Sie lieben wollen. Probieren Sie sich aus! Scheitern Sie! Beginnen Sie von Neuem!

Aber – und hier kommt das große Aber, und ich hoffe, liebe Eltern und liebe Kolleginnen und Kollegen, Sie verzeihen mir nun meine mangelnde Vorbildhaftigkeit, ABER: Was auch immer Sie tun - tun Sie es mit Überzeugung, Hingabe und Leidenschaft.

 

Ich hatte das Glück, innerhalb dieses Jahrgangs einen ungemein talentierten Schüler über Kafka prüfen zu dürfen. Dieser Schüler bereitete sich absolut selbständig auf seine Präsentationsprüfung vor – meine Beratungsversuche waren ihm eher lästig – und zeigte eine bewundernswerte Leistung: Er sprach derart tiefgehend von Kafka – diesem so kryptischen, großartigen Schriftsteller -, ohne irgendeine Sekundärliteratur zu Hilfe gezogen zu haben, dass ich  bewegt war. Als ich ihn aber hinterher fragte, was er nach dem Abitur studieren werde, antwortete mein Schüler mit einem leichten Lächeln, er werde Jura studieren. Und er fügte noch hinzu, seine Eltern wollten es so. Ich wiederum erwiderte, aus meiner Sicht könne er auch Literaturwissenschaften studieren, er besitze das Talent, in die Forschung zu gehen. Aber vielleicht sagte ich das nicht nachdrücklich genug. Deshalb möchte ich heute sagen: „Studieren Sie Literaturwissenschaften. Versuchen Sie es. Es ist möglich, auch in einer brotlosen Geisteswissenschaft Erfolg zu haben und Geld zu verdienen – und, v.a. und an erster Stelle: Sie werden darin Erfüllung finden.“ Heute möchte ich sagen: „Verraten Sie nicht Ihr wahres Interesse! Wählen Sie nicht den Weg des geringsten Widerstands. Tun Sie nichts halbherzig. Stehen Sie ein für das, was Sie bewegt.“ Oder wie einer Ihrer Mitschüler in seiner Rede schrieb: „Nichts ist so kostbar wie das zu tun, was man liebt.“

 

Denn dann, und das kann ich Ihnen versichern, können Sie alles, ALLES erreichen. Es gibt kleine Geschichten, die davon zeugen, wahre Geschichten, und große, ebenso wahre. Ich beginne mit einer großen:

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, ich hoffe, die Namen Peter Fox bzw. Seeed sagen Ihnen etwas? Oder sind Sie sogar schon dafür zu jung? Für die sehr jungen und älteren unter Ihnen: Peter Fox ist ein populärer Berliner Sänger, Songschreiber und Bandleader, der sowohl mit seinem Soloalbum „Stadtaffe“ als auch mit seiner Band Seeed Welterfolg hat. Mit Peter Fox habe ich gemeinsam im Schulchor gesungen. Mit seinem Bruder, dem Schlagzeuger von Seeed, war ich in einer Klasse und später in einem Leistungskurs. Die beiden Brüder waren sehr begabte, schlaue Köpfe, die in vielem gut waren. Aber beiden war immer klar, dass sie nur eines wirklich interessiert: die Musik. Peter Fox hat jahrelang schlecht bezahlt bei Wom gearbeitet, sein Bruder hat sich ebenfalls mit Gelegenheitsjobs durchs Leben geschlagen. Gemeinsam haben sie immer weiter an ihrer Musik gearbeitet, bis sie - eher über Nacht – einen unglaublichen Erfolg hatten und sie heute jeder kennt. Und beide bewegt heute wie vor 20 Jahren noch immer vor allem eins: die Musik.

Dann gibt es noch die kleinen Geschichten, die weniger her machen, aber dasselbe aussagen. Sie handeln von nicht ganz so erfolgreichen, aber dennoch glücklichen Menschen, die in ihrem Beruf ihre Erfüllung gefunden haben; die dabei nicht an erster Stelle nach Geld oder Sicherheit streben, sondern nach Hingabe: von dem Arzt, der auf der Rettungsstelle Leben rettet und über die Nachtdienste flucht, aber sich keine Minute lang fragt, WOZU er das alles tut; von der Friseurin, die Chefin ihres eigenen kleinen Geschäftes ist und mit Freude Menschen berät und verschönert; von der Kunsthistorikerin, die in einem Wirtschaftsunternehmen Umfragen entwirft und ihr statistisches und organisatorisches Talent lebt; von dem ehemaligen Schauspieler, der mit 37 Jahren noch einmal begonnen hat, Biologie studieren, und die Welt nun mit ganz neuen Augen sieht. Und von der Lehrerin, die einst Tangotänzerin und angehende Kriminalkommissarin war, und die nun hier vor Ihnen steht und ganz sicher sagen kann: „Ich übe den wunderbarsten Beruf des Lebens aus. Was gibt es Schöneres, als junge, begabte, neugierige, schlaue, auch widerspenstige Menschen wie Sie auf ihrem Weg zu begleiten, sie zu unterstützen und zu fördern; und sie am Ende mit einer Träne im Knopfloch fliegen zu lassen in die weite Welt, voller Mut und Freude, voller Tatendrang und Abenteuerlust!?“

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten,

die Welt steht Ihnen nun offen. Sie werden nie wieder so frei sein wie jetzt. Genießen Sie die Vielzahl an Chancen, die vor Ihnen liegt, und fühlen Sie sich nicht schuldig, wenn Sie jetzt noch nicht genau wissen, was Sie aus Ihrem Leben machen wollen. Probieren Sie sich aus. Scheitern Sie. Beginnen Sie von Neuem. Aber was auch immer Sie tun - tun Sie es mit Überzeugung, Hingabe und Leidenschaft. Stehen Sie ein für das, was Sie bewegt. Dann können Sie alles erreichen. Die Welt gehört heute niemandem so sehr wie Ihnen. Brechen Sie auf und zeigen Sie ihr, was in Ihnen steckt!

Ich danke Ihnen.