Abiturrede von Frau Denda

Werde, der du bist!

Begrüßung

Seien Sie und ihr alle herzlich willkommen.

Mit einem schulischen Paukenschlag feiern wir heute den Abschluss eurer Schullaufbahn. Da sind erst einmal die Hauptpersonen: Die Abiturientinnen und Abiturienten. In vielen Jahren habt ihr euch diesen Festtag erarbeitet, ganz besonders auch in den letzten Monaten. Euer Abiturzeugnis werdet ihr bald in den Händen halten, ein ausgezeichneter Grund zum Feiern.

Liebe Eltern und Angehörige, seien auch Sie herzlich gegrüßt. Sie sind in Feierlaune, zeigen Sie Ihren Stolz, zeigen sie Ihre Freude über den Erfolg Ihrer Kinder. Haben Sie Dank für vielfältige Frondienste: Kinder zur Schule bringen, Vokabeln und unregelmäßige Verben abfragen in Englisch, Latein, Altgriechisch, Französisch, Spanisch, Chinesisch, sinnvolle oder sinnlose Präsentationen zu unzähligen Themen betrachten, trösten, aufmuntern und und und.

Und auch ihr, liebe Kolleginnen und Kollegen habt heute guten Grund, zufrieden und glücklich zu sein, ihr habt unsere Abiturientinnen und Abiturienten teilweise seit vielen Jahren begleitet und nun zum Abitur gebracht.

Zahlenspiele

133 Schülerinnen und Schüler, die das Abitur bestanden haben. 133 unterschiedliche Schullaufbahnen. Keine wie eine andere. Alles individuell. 3 Tage Präsentationsprüfungen, 4 Wochen schriftliche Abiturprüfungen, 3 Tage mündliche Prüfungen im vierten Fach, ein weiterer Tag für einige von euch mit gewünschten oder angesetzten Prüfungen: 2,9 hört sich auf jeden Fall besser an als 3,0 , 1,9 besser als 2,0. Und so freuen wir uns dieses Jahr über dreimal die Note 1,0, 56 Mal einen Abiturdurchschnitt von 1,0 bis 1,9. 61 Mal einen Schnitt von 2,0 bis 2,9 und 16 Mal einen Schnitt von 3,0 bis 4,0. Im Durchschnitt ein Abitur von 2,16.

Aber was heißt das eigentlich?

Zahlen und der Sinn des Lebens

Was sagen uns diese Zahlen? Und welchen Sinn ergeben sie? Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist fast schon zu einem philosophischen Klischee geworden. Letzter Tage sah ich einen Ausschnitt aus dem Film Per Anhalter durch die Galaxis, in dem superschlaue Wesen einen Super­computer namens Deep Thought befragen und nach einigen Millionen Jahren Rechenzeit ähnlich wie von einem futuristischen Orakel die Antwort erhalten. Sie lautet: „42“. Die Antwort führt die Frage ins Absurde, das ist klar. Wenn der Sinn des Lebens nicht mit einer Zahl beschrieben werden kann, dann entfällt hier jenes spezifisch moderne, quantitative Denkschema, das für unsere Gesellschaft charakteristisch ist. Gilt nur noch Bezifferbares als wertvoll, gerät die Frage nach dem Sinn aus dem Blick und wird durch eine andere Frage ersetzt, die Frage nach dem Nutzen. Wer bspw. Rechenschaft über seine zukünftige Berufswahl ablegen soll und sich entschließt, sein Leben der Philosophie, der Musik oder der Kunst zu widmen, wird die Situation kennen, in der er von den Umstehenden gefragt wird: „Ja, und was machst du dann damit?“ Die Frage nach dem Nutzenpotential hat ihre Berechtigung, kann aber nicht als alleiniger Maßstab für die individuelle Lebensentscheidung genommen werden, will man nicht Nutzen und Sinn verwechseln. Sinn lässt sich aber nicht durch Nutzen ersetzen und der Nutzen an sich ist nicht sinnstiftend. Oder mit der Philoso­phin Hannah Arendt „Und was ist der Nutzen des Nutzens?“ Sinn ergibt sich vielmehr im Streben nach einem Ziel, das jeder als für sich wertvoll ansieht. Herauszufinden, worin genau dieses Ziel besteht, das jeden zu sich selbst bringt, darin besteht eure Heraus­forderung. Und dafür habt ihr jenseits jedes Notendurchschnitts gute Voraussetzungen geschaffen...

Was ihr könnt...

Die Menge von dem, was es in den letzten Wochen zu wissen und zu verstehen gab, war gigantisch und die schlechte Nachricht: sie wächst  mit jedem Tag weiter. Ihr habt euch in den letzten 6 oder 8 Jahren aber gebildet. Das bedeutet nach Peter Bieri eben nicht, außer Atem hinter allem herzulaufen. Vielmehr habt ihr euch in den vergangenen Jahren eine Landkarte des Wissens zurechtgelegt. Dafür brauchtet ihr zwei Dinge: Einmal den Sinn für Proportionen. Man bräuchte, um gebildet zu sein, nicht die genaue Anzahl der Sprachen zu kennen, die es auf der Erde gebe. Aber man sollte wissen, dass es eher 4000 als 40 seien. China sei das bevölkerungsreichste, aber bei weitem nicht das größte Land. Das Universum sei nicht Millionen, sondern Milliarden von Jahren alt. Das Mittelalter beginne nicht mit Jesu Geburt und die Neuzeit nicht vor 100 Jahren usw. Das andere ist ein Sinn für Genauigkeit, ein Verständnis davon, was es heißt, etwas genau zu kennen und zu verstehen und auch was die Grenzen meines Wissens sind.

Das habt ihr gezeigt: Bernulliexperimente mit Hilfe der Binominalverteilung berechnen, impressionistische Orchesterstücke analysieren, über die Kapazität eines Kondensators nachzudenken ebenso wie über die Welt der Farben, die Verschränkung von Aufklärung zu Sturm-und-Drang zu beurteilen oder den Kalten Krieg und die Kubakrise. 

Damit habt ihr Kenntnis vom Rest der Welt erworben und vor allem Selbsterkenntnis. Wenn Bildung Selbsterkenntnis bedeutet, dann stellt sich nun die Frage nach dem Selbst, nach dem ICH.

Wer bin ich ‚wirklich‘?

Das antike Orakel von Delphi hat darauf eine Antwort: Die Inschrift „Werde, der du bist“ soll auf einer Säule gestanden haben.

Werde, der du bist. Aber wie wird jeder zu dem, was er ist? Was prägt das Individuum, was bestimmt sein Handeln? Ist die äußere Erscheinung maßgeblich, etwa durch das Tragen eines T-shirts mit der Aufschrift „Imperator maximus“, sind es die Dinge wie die riesen Tasche eines Schülers, die zu Beginn jeder Stunde gleich einer Reviermarkierung auf den Tisch geschleudert wurde, und ich schwöre, Platz für eine sechsmonatige Weltumreisung bot? Oder spezielle Essensangewohnheiten, wie eine Schülerin, die wochenweise nur Lebensmittel bestimmter Farben aß? Welche Bedeutung haben schulische Kontexte für den Einzelnen?

Um uns selbst betrachten zu können, um überhaupt in ein Verhältnis zu uns selbst zu kommen, müssen wir uns notwendigerweise objektivieren, d.h. uns selbst gegenüberstellen und damit gleichsam aufspalten: So ist das Ich, das sich als Subjekt selbst betrachtet, und dasjenige, das als Objekt Gegenstand der Selbstbeobachtung ist, immer durch die Subjekt-Objekt- Differenz voneinander getrennt. Genau wie das Auge sich niemals unmittelbar selbst sehen kann, kann auch das „eigentliche“ Ich erkenntnistheoretisch nicht aus dem toten Winkel geholt werden. Daraus ergibt sich der unheimliche Befund, dass uns immer verschlossen bleibt, wer wir „wirklich“ sind. Wir erleben uns nur in der Weise, wie wir uns selbst erscheinen, also in unseren Selbstbildern, die wiederum signifikant durch die Bilder geformt sind, die andere von uns haben und in denen wir uns selber spiegeln.

Werde, der du bist. Wer wir sind, müssen wir im Wortsinn erfahren bzw. erleben. Das, was ihr seid, wurde in den vergangenen Jahren wesentlich auch durch eure Schulgemeinschaften geformt. Ihr habt euch gespiegelt in den Bildern, die Mitschüler und Lehrer von euch haben. Besonders haben euch eure Klassengemeinschaften geprägt. Noch wenige Wochen vor dem Abitur erklärte mir eine Schülerin, sie sei eben aus der d), als würde sich mir durch diesen kleinen Buchstaben eine ganze Welt öffnen. Und für euch war das auch so.

So wie die Schule euch geprägt hat, habt ihr andersherum unsere Schule geprägt. Was wir als Schule sind, ist durch jeden von euch mitgeformt: Poetry slam, kreative Kleiderkiste, Schülerzeitung „Jemandes Zeitung“, ein tolles Engagement beim Schulprogramm.

Ich persönlich werde die vielen Debatten mit euch besonders in meinem tollen Leistungs- und Grundkurs Philosophie nicht vergessen, ebensowenig wie meine liebe, ehemalige Klasse c).

Schluss

Nun überlassen wir euch in die Verantwortung, für eure Zukunft einen passenden Weg zu finden, der euch gemäß ist, der euch weiter zu dem formt, der ihr seid. Werft eure Angel weit aus, um gesteckte Ziele zu erreichen.

Meinen Ratschlag für eure individuellen Lebensziele finde ich im 1. Brief des Paulus an die Thessalonicher, Kapitel 5, Vers 21: „Prüft alles! Das Gute behaltet.“

Nun grüße ich euch ein letztes Mal als eure Philosophielehrerin. Behaltet uns in Erinnerung, wie wir euch in Erinnerung behalten werden. So bleiben wir einander verbunden.