Rede von Frau Randelhoff-Szulczewski

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler, ich freue mich, dass Sie so zahlreich gekommen sind, um mit uns den 100sten Geburtstag des Bertha-von-Suttner-Gymnasiums zu begehen.

Es ist ein Jubiläum, das uns Anlass gibt, 100 Jahre Schulgeschichte zu feiern, und, wenn Sie der Farbgebung Ihrer Einladungskarte folgen, feiern wir auch, um das, was die Schule in dieser Zeit vollbracht hat, zu vergolden. Gewisse Anlehnungen an Olympia, das ja noch nicht allzu lange her ist, sind an dieser Stelle durchaus beabsichtigt und gewollt.

100 Jahre ist es her, dass die Reinickendorfer Bürgerschaft die Initiative ergriff, eine Schule für Höhere Töchter zu gründen. Über lange Zeit hinweg blieb die Schule ohne eigenen Namen und ohne ein eigenes Haus, sodass die Entwicklung einer eigenen schul- und inhaltsbestimmenden Identität erst sehr spät beginnen konnte. Heute, 2008, sind wir, das darf ich ohne Zweifel sagen, ein modernes, stadt- und weltoffenes Haus individueller Prägung, das selbstverständlich auch männliche Jugendliche beschult, aber darüber hinaus auch noch vieles andere tut, das unwiderbringlich die typische Bertha-von-Suttner-Handschrift trägt und das tägliche Leben an der Schule bestimmt.

Viele von Ihnen, die Sie heute als Gäste hier sind, haben zur Geschichte und zum Erfolg der Schule beigetragen. Durch ihre Ideen, Ihre Kreativität, Ihren Gestaltungswillen, Ihre Energie, Ihre Präsenz und Persönlichkeit haben Sie die Schule in ihren Fundamenten beeinflusst. Und Sie tun und Ihr tut es noch. Und dafür danke ich ehemaligen wie heutigen Schülern und Kollegen, Eltern und anderen Unterstützern sehr herzlich. Sie alle haben daran mitgewirkt, das zu entwickeln, was wir heute als unsere Identität betrachten. Sie alle waren oder sind Architekten des Hauses, von dem ich sage, es ist ein Haus mit Charakter.

‚A house with a character’ Entlehnt aus dem Englischen bezeichnet dieses Epithet ein Haus, das einen sehr eigenen, individuellen Charakter trägt, in Architektur, Stil und Atmosphäre. Üblicherweise wird so ein solides architektonisches Konstrukt definiert, das aus der Weisheit des Alters und seiner Erfahrungen heraus Bewährtes pflegt und Traditionen aufrechthält, denn Charakter – und das wissen wir aus Pädagogik und Psychologie nur zu gut – ist nicht per se gegeben, sondern entfaltet sich auf der Grundlage einer Disposition durch das Wachsen an Aufgaben und Anforderungen. Das Haus mit Charakter trotzt demnach Wind und anderen wettrigen Umständen. Es zeigt Anpassungsfähigkeit, aber auch Bestand und Beharrlichkeit. Ja, man kann sogar sagen, dass gerade durch die Auseinandersetzung mit den Elementen und durch das Überstehen von Naturkatastrophen ein solches Haus seine wahre Qualität, Stärke, seine kraftvolle Natur und damit seinen Charakter beweist. Stil – im guten englischen und für mich im eigentlichen Sinne – entsteht durch kontinuierliche Wertschätzung und Pflege des Details. Atmosphäre, das Ergebnis, wenn Haus und Bewohner in Harmonie und gegenseitigem Respekt leben. Manchmal wird der Begriff eines ‚Hauses mit Charakter’ allerdings auch benutzt, um euphemistisch über vermeintliche Defizite und Schwachstellen hinwegzusprechen. Makler könnten so ein Objekt anpreisen, das de facto unverkäuflich ist. Der potenzielle Käufer befindet sich möglicherweise in einem gewissen Zwiespalt, ob dieses Haus - von außen gesehen - nun gefallen soll oder nicht. Sein Charme und seine Attraktivität entfalten sich nicht auf den ersten Blick. Diejenigen aber, die eine Zeit in diesem Haus verbracht haben, die Gelegenheit hatten, es von innen zu leben und zu erleben, sprechen mit Wärme und Stolz davon; sind gern dort und denken gern daran zurück. Wie kann das sein?

Nun, auf den ersten Blick könnte es sein, dass der Betrachter eine gewisse Enttäuschung spürt, wenn er sich anstelle des erwarteten Wilhelminischen Prachtbaus – die Schule ist schließlich 100 Jahre alt! - mit dem ‚modernen’ Gebäude im späten Bauhaus-Stil in der Reginhardstraße konfrontiert sieht. Schade, keine tragenden Säulen, keine Kapitelle, keine dekorativen Elemente der Jahrhundertwende. Schnörkellos. Es war schließlich das Jahr 1961, das uns das erste eigene Haus bescherte. Das war die Moderne! Und doch erweist sich das Haus jetzt nun schon im 4. Jahrzehnt als verlässlich, beständig und überdauernd. Anpassungsfähig und flexibel ist es mitgewachsen, als in den 80er Jahren die Zahl der Schüler von 600 auf das mehr als Doppelte anstieg und der Neubau hinzugefügt werden musste. Beide Teile bilden heute eine im Ganzen immer noch dem Anspruch der Moderne genügende Einheit.

Aber Beständigkeit und Bestand allein sind natürlich noch kein Beweis für Qualität, und so gehen die Ansprüche an ein Haus mit Charakter darüber hinaus. Nun, wenn es um Charakter geht, dann ist Bertha von Suttner unsere erste Referenz. Seit 1946 trägt die Schule ihren Namen und ist sich des politischen Auftrags, der damit verbunden ist, bewusst. Wie keine andere ist sie als unkonventionelle Kämpferin für den Frieden im Europa des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts ein leuchtendes Vorbild für Unerschrockenheit, geistige Freiheit und Beharrlichkeit, wenn es darum geht, sich für die richtige Sache zu engagieren. Im Konflikt mit Zeitgeist und Gesellschaft entwickelte sie eine beeindruckende Entschlossenheit, privat und beruflich eigene Wege zu gehen, Positionen neu und unangepasst zu beziehen, selbst auf die Gefahr hin, als utopistisch belächelt zu werden. Ihre Bildung und Belesenheit halfen ihr dabei, dies auch als Frau in der damaligen Zeit tun zu können. Sie scherte sich nicht um ihre Kritiker, und derer gab es viele, wusste ganz genau, dass Aktivitäten für den Frieden grenzüberschreitend und international gestaltet werden mussten, um wirksam zu sein. Sie träumte nicht nur von einer besseren Welt, sondern hatte sehr konkrete Vorstellungen davon, wie man die Mächtigen der Welt an einen Tisch bringen könnte in der Absicht, ein internationales Gefüge zu etablieren, das künftige Kriege vermeidet. Und wenn wir am kommenden Montag und Dienstag die Model United Nations Conference zum Thema ‚Friedensentwicklung’ durchführen, dann sind wir in der Tat den Wünschen und Zielen Bertha von Suttners sehr nah. Das hätte ihr sehr gefallen. Stefan Zweig schreibt 1918: Sie schrak nicht zurück, das scheinbar Unerreichbare zu fordern. An Politik und Gesellschaft wie an sich selbst formulierte sie hohe Ansprüche, provozierte, war ausdauernd und ließ sich durch Niederlagen und Enttäuschungen nicht entmutigen. Obwohl moralisch überlegen schien der Kampf gegen den Zeitgeist lange Zeit ein vergeblicher zu sein. Als ihr 1905 endlich der Friedensnobelpreis verliehen wird, kommt diese Auszeichnung fast ein wenig spät, um wirkliche Genugtuung zu sein. Sie hatte Charakter. Die Haltung, die uns Bertha von Suttner vorlebte, verdient unsere Hochachtung. Sie prägt den Geist und die Identität unserer Schule und ist uns Ansporn im täglichen Bemühen um Leistung und Erfolg.

Denn genau wie sie verfolgt auch die Schule, die ihren Namen trägt, Ziele, die nicht immer dem Zeitgeist entsprechen, ja, ihm in Punkten sogar konträr zuwiderlaufen. Als Schule sind wir durch und durch gymnasial in unseren Ansprüchen. Mit der Einführung des grundständigen Zweiges ab Klasse 5 gaben wir vor genau 25 Jahren ein klares Votum ab für Qualitätsentwicklung, Expansion i.S. eines anspruchsvolleren Profils und damit einer Neuausrichtung der Schule. Es war eine Initialzündung, auch auf Bezirksebene, die auch andere Schulen in Bewegung setzte und vielleicht sogar die Grundlage legte für die Vielfältigkeit der Reinickendorfer Gymnasien heute.

Mit dem humanistischen Zweig wurden die Alten Sprachen und ein analytisch-kognitiver Lernzugang ins Zentrum gerückt. Latein als erste und Altgriechisch als 3.Pflichtsprache stellten eine neue Herausforderung dar. Die Sprach- und Literaturanalyse, die Pflege des intellektuellen Diskurses und die Auseinandersetzung mit den kulturellen Wurzeln Europas im Original setzten neue Maßstäbe. Das Niveau setzte neue Maßstäbe, denn zum ersten Mal standen Schülerinnen und Schüler im Mittelpunkt, die dem aktuellen Terminus ‚hochbegabt’ wirklich entsprachen. 1983 ein nicht ganz unumstrittenes Politikum im eigenen Hause, aber aus heutiger Perspektive ein Meilenstein in der Geschichte der Schule, der auch heute noch Garant ist für Qualität und anspruchsvolles Niveau. Großer Dank gebührt dafür meinem Vorgänger, Herrn Stosch, dem es gelang, das Kollegium von diesem Schritt zu überzeugen, und wenn er heute hier sein könnte, um mit uns zu feiern, würde ihn als Altphilologen der Erfolg des grundständigen Zweiges ganz besonders glücklich machen. Was damals pädagogisches Neuland war, ist heute nach 25 Jahren erprobt, modifiziert und weiterentwickelt und durch ein Konzept der Mehrsprachigkeit und Internationalität ergänzt worden, das Kommunikation und alte und moderne Sprachen gemeinsam und sich ergänzend zum Ziel hat. Wir bieten 6 Fremdsprachen an und wissen, vier kann man bis zum Abitur erlernen. Im technisch-mathematisch-naturwissenschaftlichen Sektor haben wir große Sprünge gemacht: vernetztes Lernen, Integration der Medien in den Arbeitsprozess – selbstverständlich, Wettbewerbe und Projekte mit den Universitäten der Stadt, Schritte, die gesellschaftliche Bedingungen antizipieren und vorbereiten. Im gesellschaftswissenschaftlichen Bereich ist das, was wir von unseren Schülern verlangen, gleichermaßen anspruchsvoll.

Wir erwarten Selbständigkeit und Engagement im Sinne der politischen und sozialen Verantwortung, und wenn Frau Dr. Merkel bei ihrem Besuch in unserem Hause die Schüler des Comenius-Projekts nach Brüssel einlädt, dann zeigt uns das, dass die Ideen, die dahinterstehen, nicht ganz falsch sein können. Musik in Orchester, Big Band und Chor – selbstverständlich wollen wir auch das, denn wir wissen nicht erst seit Oliver Sacks’ einarmigem Pianisten, dass die Verknüpfung von Gehirn und Musik ganz wunderbare und sinngebende Erfahrungen ermöglicht, die uns Menschen ausmacht. Was ich sagen will, ist: Wir machen es uns, aber vor allem unseren Schülern nicht leicht. Wir fordern sie auf vielen Ebenen heraus, stellen sie vor Aufgaben im sozialen, kommunikativen, kulturellen und auch kognitiven Bereich und erwarten Neugier und Anstrengungsbereitschaft, und das zu 100% (nicht 95). Damit liegen wir nicht immer im Trend der Zeit. Hürden wirken abschreckend und werden häufig als unnötige Erschwernis betrachtet. Als überflüssig, weil der direkte Weg zum Ziel behindert wird. Und manche entscheiden sich schnell für den Weg in der Ebene. Als Schule tun wir dies nicht. Im Gegenteil, wir glauben an das Prinzip der Hürde als Chance. Dies finden wir notwendig, um unsere Schüler fit zu machen für den hoch kompetitiven Arbeitsmarkt, der sie zukünftig erwartet. In der aktuellen Bildungsdebatte sind wir damit eine ‚casa non grata’: ungewollt und unpopulär, weil elitär und fordernd, und angesichts des allgemein propagierten Dilemmas nationalen Ausmaßes und der Debatte um die Gemeinschaftsschule werden wir weitgehend ignoriert, was der positive Aspekt sein soll. Bestünde doch auch die Gefahr, einfach abgeschafft zu werden. Nein, die Gymnasien stehen nicht im Fokus der Aufmerksamkeit: Politik und Presse sind in der Regel in anderen Bezirken unterwegs, loben und beschreiben Fortschritte auf einem anderen Niveau. Ressourcen, finanziell und personell, werden schwerpunktmäßig woanders untergebracht, weil die Not hier größer ist, sagt man. Und das muss vielleicht auch so sein. Wenn Gleiches aber auch auf Wettbewerbsebene passiert: Schulen mit einem schwierigen Umfeld gewinnen den Preis, da sie der Förderung bedürfen und nicht unbedingt weil ihr Beitrag so überzeugend war, dann bringt uns das ins Grübeln. Sind wir vielleicht einfach zu gut?? Die Devise lautet: Das Gymnasium als erstgeborene Einserschülerin braucht keine Unterstützung, keine Beachtung, keine Bestätigung. Schulprogramm, Evaluationskonzept, Methodenkonzept, Berufsorientierung, Fortbildungs- und Personalentwicklungskonzept – der gute Schüler reagiert auf größere Herausforderungen mit erhöhter Anstrengungsbereitschaft, und wir haben es durch die Schulinspektion sogar schriftlich, wir machen unsere Sache ziemlich gut. Und doch lesen wir jeden Tag etwas anderes. Was auch immer im Epizentrum der Kritik steht, in einem sind sich alle einig: Schulen sind ‚überfordert’, ideenlos, konzeptlos. Lehrer heißt es, zu alt, zu unbeweglich, zu konservativ beharrend, zu fachorientiert, methodisch zu unversiert und überhaupt zu zu seien. Das stereotype Bild, es begegnet uns immer wieder und doch: Es ist zu simpel, um wirklich zu überzeugen. Die Flexibilität der Schulen allgemein, die Belastbarkeit und die Anpassungsfähigkeit der Kollegen im Besonderen sind doch in den letzten Jahren aufgrund der Reformen gründlichst erprobt und vielfach unter Beweis gestellt worden. Zusammenfassend: das Bild, das in der Öffentlichkeit geprägt wird, wir können und wollen ihm nicht entsprechen. Es ist kränkend, auch ärgerlich für Schulen, die dem Klischee nicht entsprechen, aber es ist vor allem bedauerlich und beängstigend in den Folgen, die sich daraus ergeben, dass kaum Positives aus dem Bildungsbereich in der Öffentlichkeit Beachtung findet.

Ja, gute Schulen haben es heute schwer, aber sie wachsen mit und an den Widerständen, die sich ihnen in den Weg stellen. Hürden sind eine Chance, neue Grenzen auszuloten, am Limit zu arbeiten, und damit Charakter und Persönlichkeit zu festigen. So entsteht Qualität. Und deswegen sagen wir: Latein und Griechisch – ja, unbedingt, denn das Besondere macht uns einmalig und individuell. Chinesisch – ja, auch nach Olympia bitte sehr, weil es eine prima Investition in die Zukunft ist und weil es uns eine völlig neue Welt eröffnet, die politisch und kulturell faszinierend und herausfordernd ist. Wir wollen Naturwissenschaften im Kontext, die Mathematikolympiade und die Juniorwahl, wir wollen MUN und Jugend debattiert. Wir wollen 6 Fremdsprachen – natürlich, weil wir uns in einer globalisierten Welt zuhause und zurechtfinden wollen. Und wir wollen ein Niveau, das uns bitteschön nicht nur abverlangt, das Hotelzimmer in Landessprache zu bestellen, sondern in der Lage sein, kenntnisreich, eloquent und gebildet einen Diskurs zu führen. Und wir wollen über Politik, Literatur und Wissenschaft mitsprechen können und nicht nur in der Lage sein, zur Diskussion einzuladen. Qualität aber entsteht vor allem durch das, was unsere Gemeinschaft ausmacht. Eine Gemeinschaft, in der die Humanitas, das Menschliche und Mitmenschliche im Vordergrund steht. Das Füreinanderdasein, das Sich-Kümmern und die Fürsorge im Sinne der Anerkennung eines jeden Einzelnen. Es ist aber auch die Verbundenheit mit der Schule, das Extra-Engagement für das Gelingen des Ganzen, das diese Gemeinschaft kennzeichnet. von dem in den letzten Tagen und Wochen so viel zu sehen war, um dieses Jubiläum in Schwung und die Schule zum Glänzen zu bringen. Das ist es, was den typischen Bertha-Geist auch heute noch ausmacht.

Wir sind 100 Jahre alt und modern, kein bisschen müde, sondern quicklebendig und aktiv. Das Haus, im Englischen oft ‚home’, als Synonym für Geborgenheit, Heimat und Identität. Innen und Außen, Gebäude/Ambiente und Mensch. Wir sind ein Haus, das sein etwas verwittertes, aber im Alter zur Schönheit gereiftes Gesicht trotzig dem Wind entgegenstreckt; ein Haus, das seinen Bewohnern Wirgefühl und Identität ermöglicht. Ein Haus, in dem man ein vorübergehendes Zuhause findet und in das man hoffentlich in weiteren 100 Jahren – gedanklich oder konkret – auch gern zurückkehrt. Ja, andere sollen beurteilen, ob wir eine Medaille verdient hätten.

Aber wir können auch mit gut britischem Understatement sagen, wir brauchen sie nicht, denn wir wissen um unsere Identität, sind uns unserer Stärke bewusst und sagen mit Stolz auf Erreichtes und fester Persönlichkeit: wir sind ein Haus mit Charakter.

Vielen Dank.